Der Buchpreis ist keine kulturelle Angelegenheit

Grégoire Nappey am Mittwoch 22. Februar 2012
Der Buchpreis ist keine kulturelle Angelegenheit

Zunächst schien die Angelegenheit klar: Für das Buch, diesen edlen Gegenstand der Kultur, schien kein Einsatz zu gross. Vor allem, wenn es erst noch billiger werden sollte und für eine grössere Zahl von Menschen über ein Netzwerk von kleinen Buchhandlungen, die den Grossverteilern die Stirn bieten, zugänglich bleiben sollte.

Ich wollte also Ja stimmen am 11. März und klar gegen die schrecklichen Verfechter des Liberalismus Stellung beziehen, die die Literatur nicht kennen und lieben, da sie die Bücher nicht verteidigen.

Und dann wurde ich bitter enttäuscht: Jeder, der sich kurz in das von den Eidgenössischen Räten im Frühling 2011 angenommene Gesetz vertieft, gegen welches das Referendum ergriffen wurde, entdeckt rasch, wie unübersichtlich und komplex es ist und warum das breite Publikum nichts davon versteht.

Wenn Sie auch noch wissen wollen, wie hoch und nach welchen Kriterien die Buchpreise festgelegt werden, dann gute Nacht.

Die Buchpreisbindung soll den kleinen Händlern das Überleben sichern: Eine Leserin. (Keystone)

Die Buchpreisbindung soll den kleinen Händlern das Überleben sichern: Eine Leserin. (Keystone)

Wenn das Volk das Gesetz gutheisst, müssen alle Buchhändler die von den Verlegern oder Importeuren festgelegten Preise anwenden. Das Gesetz sieht einen Rabatt bis 5 Prozent und ein paar Ausnahmen vor. Bei Missbräuchen muss der Preisüberwacher einschreiten. Zweck dieser Bestimmung: die Konkurrenz zwischen Grossverteilern und kleinen Buchhändlern bremsen, um diese im Namen der kulturellen Vielfalt zu retten.

Schön und gut. Aber wenn Sie auch noch wissen wollen, wie hoch und nach welchen Kriterien die Buchpreise festgelegt werden, dann gute Nacht. Es steckt zwar eine gute Absicht dahinter, aber es lässt sich nicht erkennen, wie diese verwirklicht werden kann. Die Gegner argumentieren übrigens mit dem Beispiel Frankreich, wo schliesslich trotz allem die Grossverteiler von der Buchpreisbindung profitieren.

Kurzum: Es ist kompliziert und unübersichtlich.

Zudem ist die Frage des Kaufs im Internet nicht geregelt. In dieser Hinsicht kommen Befürworter und Gegner zu unterschiedlichen Auslegungen. Dürfen sich Internetbuchhandlungen über die Preisbindung hinwegsetzen? Die Verleger meinen Nein, der Bundesrat sagt Ja: Die Gerichte werden entscheiden müssen. Und die Schwierigkeiten, derartige Bestimmungen auf Internetkäufe anzuwenden, sind bekannt.

Zu diesen vielen gesamtschweizerischen Problemen kommen noch Fragen hinzu, die in den einzelnen Sprachregionen unterschiedlich gehandhabt werden.

Das Gesetz wird von den Parteien FDP und SVP, aber auch aus Wirtschaftskreisen bekämpft. Aber bekannte Persönlichkeiten wie der Walliser Oskar Freysinger und der Waadtländer Olivier Feller gehören zu den Befürwortern. Bei der CVP kam die Zustimmung nur mit einem sehr geringen Stimmenmehr zustande. Der Bundesrat legt sein Lippenbekenntnis für ein Projekt ab, welches das Parlament gegen seinen Willen gutgeheissen hat.

Und während die Abstimmungskampagne in vollem Gange ist, verschweigt man gerne, dass die Wettbewerbskommission bis nach dem Urnengang ihre Untersuchung über das Gesetz aufgeschoben hat. Es könnte eine Wettbewerbsbeschränkung mit sich bringen.

Ich arbeite den ganzen Tag am Bildschirm, die digitale Welt ist also mein Brötchengeber. Und ich liebe Bücher. Auf Papier. Ich stöbere gerne in einer Buchhandlung und verlasse sie in der Regel mit einer Tasche voller Bücher. Doch ich weigere mich, von den Ayotallahs der Kultur in Geiselhaft genommen zu werden: Es ist gut möglich, dass ich am 11. März schliesslich Nein stimme, ich glaube je länger desto weniger, dass dieses Gesetz mein Lesevergnügen günstiger machen kann.

régoire Nappey est rédacteur en chef du Newsnet pour la Suisse romande.
Grégoire Nappey ist Chefredaktor von Newsnet Westschweiz.
http://politblog.tagesanzeiger.ch/blog/index.php/8789/der-buchpreis-ist-nicht-einfach-eine-kulturelle-angelegenheit/?lang=de

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