Die Reise der Tomate

Warum sind importierte Früchte und Gemüse bei uns so teuer? Eine Spurensuche zwischen Mailand und Zürich – und bei den Importbestimmungen der Eidgenossenschaft.

«Zwei Euro das Kilo? Viel zu viel. Eins achtzig kannst du haben.» Ohne das Okay des Verkäufers abzuwarten, füllt der Einkäufer im Stehen einen Lieferschein aus – für 100 Kilo Ramati-Tomaten. Draussen ist es stockdunkel, es wird noch ein paar Stunden dauern, bis die Sonne über Mailand aufgeht.

Drinnen, in den Hallen des Engrosmarkts, stehen hinter Frucht- und Gemüsebeigen Männer in dicken Jacken, die Kappen tief über die Ohren gezogen. Ein markiger Spruch da, ein Schulterklopfen dort, eine Einladung auf einen Espresso aus dem Pappbecher.

Jede der vier riesigen Hallen ausserhalb der Industriestadt ist voll von Waren. Auberginen aller Farben und Formen, Kakis, Kiwis, Bananen, Datteln, Salatköpfe, Tomaten in allen Schattierungen. Wäre es nicht so bitterkalt, käme man sich vor wie im Paradies. Oder zumindest wie im Schlaraffenland.
Im Winter ist es billiger

Die Ramati-Tomaten werden 24 Stunden später per Sattelschlepper in den Zürcher Engrosmarkt geliefert. Von dort geht die Ware weiter zu den Detailhändlern. Auf die 1.80 Euro, die das Kilo in Mailand gekostet hat, schlägt der Importeur fünf bis acht Prozent Bereitstellungsgebühr. Dann noch 30 Rappen Transportkosten, zehn Rappen Verzollungsgebühr plus seine Marge von rund 20 Prozent. Macht rund Fr. 3.30 für das Kilo.

Im Sommer wäre es teurer. Denn weil im Winter in der Schweiz keine Tomaten wachsen, ist die Einfuhr zollfrei – abgesehen von der Grundgebühr. Erst im Sommer wird der Import zusätzlich kosten. Der Grund dafür: In der Schweiz besteht seit den fünfziger Jahren ein ausgeklügeltes System zur Regelung des Imports. Damals wurde das Land von einer Ernteschwemme überrollt, davor wollte man die einheimischen Gemüse- und Obstproduzenten schützen.

Deshalb führte man ein dreistufiges Regime ein: Deckt die inländische Produktion die Nachfrage, werden Importe mit sehr hohen Zöllen belegt. Kann der Markt nur teilweise aus dem Inland versorgt werden, bewilligt das Bundesamt für Landwirtschaft für diese Produkte Kontingente. Fehlen bestimmte Produkte (etwa Aprikosen im April) oder werden sie in der Schweiz gar nicht angebaut (Zitrusfrüchte), sind die Grenzen offen und die Zölle niedrig. Sollte die Schweiz mit der EU ein Zollfreiabkommen für Lebensmittel abschliessen, werden diese Vorschriften hinfällig.

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