Kommt mir nicht mit der Moralkeule!

Sie zeigen gerne mit dem Finger auf andere. Selten stellen sie sich jedoch selbst die Frage: Medienschaffende, wie habt ihr es mit der Moral?
Von René Zeyer

Mal ein kleiner Ausflug zum Altstar der französischen Küche Paul Bocuse nach Lyon. Natürlich im Privatjet, da fallen die Kosten von 210 Euro pro Person für das «Menu Grande Tradition Classique», ohne Wein versteht sich, nicht gross ins Gewicht. An der fröhlichen Herrenrunde nahmen unter anderem Andreas Durisch, damals Chefredaktor der «SonntagsZeitung», Patrik Müller, bis heute Chefredaktor des «Sonntag», und der PR-Mann fürs Grobe Sacha Wigdorovitz teil. Die Rechnung beglich der Banker François Bloch, der als «Boris Feldmann» im «Sonntag» und als François Bloch im «Tages-Anzeiger» das Börsengeschehen kommentiert.[1]

Ein lustiges Wochenende in London, inklusive Fussballmatch Arsenal gegen Manchester United. Natürlich im Privatjet, da fallen die Kosten für die begehrte Zuschauerloge nicht gross ins Gewicht. An der fröhlichen Herrenrunde nahmen unter anderen Ringier-Schweiz-CEO Marc Walder sowie die Chefredaktoren Roger Köppel («Weltwoche») und Martin Spieler («SonntagsZeitung») teil. Die Rechnung beglich der Unternehmer Philipp Gaydoul, dem unter anderem die inseratemässig interessanten Firmen Fogal und Navy Boot gehören.[2]

In einer gegen Abend erscheinenden Gratiszeitung füllt links ein Inserat des deutschen Hard-Discounters Lidl die Seite, rechts daneben, im redaktionellen Teil, wird es wohlwollend abgefeiert: «Die Replik von Lidl kommt schnell und selbstbewusst (siehe links).» Dumm nur, dass der Redaktor nicht mal den Inhalt des Inserats richtig abschreiben kann, während sich Lidl dort als günstigster Anbieter von Frischprodukten lobt, holpert er in mangelhaftem Deutsch, dass «Lidl bei den verglichenen Produkten preislich schlechter abschliesst als Denner». Das ist allerdings kein kritischer Journalismus, sondern nur Unfähigkeit.

Ist das alles verboten? Aber nein.

Kommen wir von der anekdotischen Ebene auf Inhalte. Können Sie sich erinnern, jemals einen kritischen Artikel über ein neues Auto gelesen zu haben? So oberhalb der Anmerkung, dass der Aschenbecher vielleicht etwas ungünstig platziert ist? Glauben Sie, dass die Rechnung für den zur Reportage über eine neue Feriendestination ausgesandten Reporter von seinem Medienorgan beglichen wird? Geben Sie sich der Illusion hin, dass die auf unzähligen «schönen Seiten» angepriesenen Kauftipps von Produkten aufgrund einer harten Recherche am Markt und unter Anwendung unabhängiger journalistischer Kriterien zustande kommen? Meinen Sie, dass der zum Fünf-Minuten-Exklusivinterview mit dem seinen neuen Film, seine neue CD bewerbenden Star nach London oder New York eingeflogene Reporter die Spesen aus der Redaktionskasse bezahlt hat? Na, bravo, für Sie existiert offenbar auch der Weihnachtsmann.

Ist das alles verboten? Aber nein.

Hält die Tatsache, dass der Reise-Journalist vielleicht noch das Billett zum Flughafen (aber bitte 2. Klasse, Halbtax) auf seine Spesenrechnung nehmen darf, alles andere aber von Fluggesellschaften, Autovermietern und Reiseveranstaltern übernommen wird, ihn davon ab, unabhängig, seriös und kritisch zu berichten? Keinesfalls. Könnten seine Geheimtipps, das furchtbar typische Restaurant, der angesagte In-Club, das authentische Shopping-Erlebnis, etwas damit zu tun haben, dass der gnadenlose Rechercheur dort gratis bewirtet, gratis beschallt sowie abgefüllt und gratis mit Souvenirs behängt wurde?

Um Himmels willen, nein.

Ist das alles ein Skandal, unethisch, gar unmoralisch? Verstösst es wenigstens gegen die unverbindliche «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten»? Da könnte man nun die Moralkeule schwingen und höchlichst erregt Grundsätzliches zu Anstand,, Benimmregeln und ein klares: «Auch wenn es nicht verboten ist, das tut man nicht» absondern. Wenn man so heuchlerisch wie grosse Teile der Presse wäre. Auch Heuchelei ist nicht verboten. Kann aber gefährlich werden. In erster Linie, wenn die sogenannte vierte Macht im Staate sich als Ankläger, Richter und Terminator in einer Person aufführt.

Die «Weltwoche» erlegte bekanntlich den ehemaligen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank mit unbewiesenen Anschuldigungen, ehrenrührigen Anklagen und unter Verzicht auf alle Grundregeln des Recherchierjournalismus. Aus diesem Blattschuss entwickelte sich ein zweiter Skandal, den die Medien bezeichnenderweise totschweigen. Denn, je nach Parteipräferenz mehr oder minder ausgeprägt, stimmten alle Organe in den Kanon ein, dass sich dieser Präsident wohl keines Verstosses gegen Gesetze oder Regulatorien schuldig gemacht habe, in Wirklichkeit nicht einmal eine Strafanzeige existiert. Aber, so der Konsens, moralisch und ethisch ginge ein solches Verhalten, also der Handel mit Devisen, natürlich nicht, sei unvereinbar mit dieser Position, sei der Rücktritt zwar vielleicht unschön angeschoben, nichtsdestotrotz aber richtig, notwendig und unvermeidbar gewesen. Denn es gilt: «Das tut man nicht.»

Seither ist Schweigen im Blätterwald und im elektronischen Geflimmer im Internet. Dem schliessen sich auch alle üblichen Bedenkenträger, der Presserat, der Verein für Qualitätsjournalismus, journalistische Standesorganisationen, sonst schnell vor Entrüstung überschäumende Medienrechtler und Siegelbewahrer eines sauberen und möglichst objektiven Journalismus an. Ein Skandal. Denn die Pressemacht braucht, wie jede gesellschaftlich wirksame Kraft, Kontrolle. Und sei es auch nur Selbstkontrolle. Sonst artet sie, wie jede Machtausübung, in Willkür aus. Und diese Willkür kann sich gegen jeden richten. Da täuscht sich der unbescholtene normale Staatsbürger, wenn er meint, Menschen in exponierten Positionen müssten halt mehr aushalten oder einstecken können, ihm selbst werde das sicher nicht passieren.

Wenn die Medien also nicht zur Selbstkontrolle fähig sind und vorhandene Kontrollinstanzen zahnlos und träge, dann sind sie eine Bedrohung, dann muss hier etwas geschehen. Mit gutem Zureden ist bei meist beratungsresistenten Journalisten wenig zu erreichen. Also probieren wir es doch mit einer Drohung: Wenn diese Heuchelei, dieses Schwingen der Moralkeule nicht eingestellt wird, dann gibt es keine Ausflüge im Privatjet, keine Schlemmerabende, keine Logenplätze bei Fussballmatchs und auch keine gesponserten Ferienreisen mehr. Und redaktionell angepriesene Produkte dürfen auch nicht mehr der Gratis-Verwertung durch Journalisten zugeführt werden. Das müsste eigentlich wirken. Wobei das eigentlich gar keine Drohung ist. Sondern lediglich die Bitte, dass in Redaktionsstuben die gleiche Transparenz und Offenheit herrscht, die von Journalisten in der Öffentlichkeit stehenden Personen abgefordert wird.

Man könnte sich das praktisch in Form eines Redaktionsschwanzes unter jedem Artikel vorstellen. Ich gebe gerne ein Beispiel: Beim Schreiben dieses Artikels sass der Redaktor auf einem Stuhl, der von der Firma AB zu Sonderkonditionen zur Verfügung gestellt wurde. Auf dem vom Möbelhersteller CD geschenkten Schreibtisch stand dabei der Gratis-Computer der Marke EF. Beim Trinken des Kaffees (Dank an den Kaffeemaschinenhersteller GH) wurde das Hemd des Autors, das aus der Sonderpromo «Neue Trends für den Herbst» stammt, bekleckert. Darum kümmerte sich die Reinigungsfirma IJ mit dem üblichen Journalistenrabatt von 50 Prozent. Falls der Leser den Artikel inhaltlich als leicht schwankend empfinden mag, liegt das daran, dass der Schreiber am Vorabend zur Eröffnung des neuen In-Clubs KL eingeladen war, siehe unsere «Ausgehgeheimtipps». Offensichtlich entfaltete das Mittel MN, das aus dem Beitrag «Gesundheitsratgeber für den Tag nach der Feier» stammt, anschliessend nicht die gewünschte Wirkung. Aber keine Bange, nach einem stärkenden Abendessen, nett von der PR-Abteilung des Konzerns OP, fühlt sich der Redaktor wieder fit genug, um morgen aus Paris über die Neueröffnung des Hotels QR zu berichten. Erquickt vom angenehmen Schlaf im Gratis-Bett schreibt er den Bericht während des Rückflugs; freundlich von der Airline ST, wie immer auch das Upgrading in Business kostenfrei zu gestalten. Den Bericht über den neusten Stern am Pariser Hotelhimmel lesen Sie, mitsamt der besten Verbindung dorthin, demnächst.

Aber das wollen wir ja eigentlich alles gar nicht lesen. Nur leider entspricht es der Realität im Redaktionsalltag.

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