Von Schmetterlingen und Badetüchern

Spieltheorie und Philosophie fragen, wie Recht und Moral die Gesellschaft prägen

Wien – Ein Schmetterling, der auf einem sonnigen Flecken Erde sitzt, lässt sich nicht gerne stören. Wenn ein Artgenosse ebendort Platz nehmen will, reagiert der Schmetterling mit einem Spiralflug, der den Eindringling vertreiben soll. Er war ja der Erste und will das Recht, dort zu sitzen, nicht abtreten. Forscher wollten wissen, wie sehr die Schmetterlinge bei diesem „Rechtsempfinden“ von ihren Sinnen geleitet oder irregeführt werden. Sie legten ein Blatt auf einen Schmetterling, verbargen ihm die Sicht und lockten einen zweiten zu diesem Platz. Als die Forscher das Blatt entfernten, reagierten beide mit einem Spiralflug, weil ihr Instinkt beiden vermittelte, das Erstrecht zu haben.

Wer sagt also, dass mein Platz immer mein Platz bleiben muss? Könnte der andere, obwohl man ein Erstrecht erworben hat, nicht auch sagen: Du bist lange genug dort gesessen, jetzt bin ich dran? Diese Fragen stellt die Spieltheorie, ein Zweig der Mathematik, der sich mit dem Verhalten zwischen einzelnen „Spielern“ beschäftigt, ohne Schlüsse zu ziehen, ob das Verhalten gerecht ist. Die Wertediskussion müsse die Philosophie führen, sagt der Spieltheoretiker Karl Sigmund, der an der Uni Wien gemeinsam mit der Philosophin Herlinde Pauer-Studer ein Seminar halten wird, um derartige Fragen anhand von philosophischen Texten zu untersuchen. Plato und Thomas Hobbes haben schon hinterfragt, wie Recht und Moral die Gesellschaft bestimmen. Ersterer sprach vom notwendigen Übel, um nicht in Anarchie zu verfallen. Seit den Arbeiten von Hobbes redet man von Sozialkontrakten, die das Zusammenleben ermöglichen, um einen Krieg jeder gegen jeden zu verhindern.

Das Hotel ist das Gesetz

Philosophisch-spieltheoretische Analysen gibt es seit 50 Jahren. Eine Kooperation, die Sinn macht, „weil die Spieltheorie auch die Mathematik der Interessenkonflikte ist. Und wenn wir keine Interessenkonflikte hätten, bräuchten wir keine Moral und kein Recht“, sagt Sigmund. Die Gesellschaft habe Konventionen entwickelt. Man erwartet, dass der Staat über deren Einhaltung wacht und dabei fair bleibt.

Die Konvention, nicht stehlen zu dürfen, ist logisch. Am Hotelstrand, wenn Gäste Liegen mit Badetüchern reservieren, ohne sie zu nützen, ist das Hotel das Gesetz. Es verlangt eine Gebühr, für die man das Erstrecht erwirbt, und übernimmt die Kontrolle, ob die Konvention von „Mitstreitern“ eingehalten wird. Wenn es keine Kontrolle gibt, wird an den Anstand appelliert: Wer von zwei „Kontrahenten“ darf das einzige Taxi bei starkem Regen nehmen? Man überlässt dem Ersten das Recht. „Jeder fühlt, dass das so richtig ist“, sagt Sigmund.

Was geschieht, wenn es mehrere Konventionen gibt? Die Spieltheorie untersucht, welche Variante für wen vorteilhaft wäre. Wann ist der Gesamtgewinn am höchsten? Wann ist der Mindestgewinn für den Schwächsten möglichst hoch? Experimente geben Auskunft über die Vorstellungen von gerechter Verteilung in verschiedenen Gesellschaften.

Im „Ultimatumspiel“ mit zwei Teilnehmern soll eine Geldsumme verteilt werden. Einer von beiden Spielern wird durch Münzwurf als „Anbieter“ bestimmt. Egal, welche Summe er seinem Gegenüber geben will: Wenn dieser ablehnt, bekommt keiner Geld. Die meisten Teilnehmer boten bei Experimenten die Hälfte an. Wurden sie nicht durch Zufall zum Anbieter, sondern weil sie ein Mühle-Spiel gewonnen hatten, dann fühlten sie sich im Recht, weniger anzubieten. Völker am Amazonas, die im Alltag ohne Geld leben, agierten ähnlich. Sigmund: „Wer an den Markt gewohnt war, handelte ausgewogen. Offenbar hat das die Vorstellung von Gerechtigkeit geprägt.“ (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. Februar 2012)

http://derstandard.at/1329870276731/Spieltheorie-Von-Schmetterlingen-und-Badetuechern

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