Teile, was du teilen kannst

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Commons: Nicht Eigentum zählt, sondern wer was tatsächlich braucht und gebraucht
Der Begriff »Commons«, auf Deutsch auch »Gemeingüter« oder »Allmende«, fällt immer öfter, wenn es um Alternativen zu unserem profitorientierten Wirtschaftssystem geht. Sowohl materielle (Grund und Boden, Saatgut, Wasser) als auch immaterielle (Wissen, Kunst, Kultur) Ressourcen können Gemeingüter sein. Aber keine Gemeingüter ohne Gemeinschaft, die sie durch kollektive Nutzung pflegt und erhält – diese Praxis wird »Commoning« genannt. Commons stehen somit für eine Ökonomie des Teilens, in der das Gedeihen des gemeinsamen Besitzes im Vordergrund steht.
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Bauern- und Umweltverbände kritisieren die ausufernde Patentierung von Saatgut und genetischen Informationen. Patentierung stärkt die Dominanz weniger multinationaler Unternehmen, die den internationalen Handel von natürlichen Ressourcen kontrollieren. Commons ist das Gegenmodell – ohne private Eigentumsrechte und Patente.

Allmenden waren im Mittelalter die Ländereien von Dorfgemeinschaften; Privateigentum an Grund und Boden war unüblich. Diese Flächen wurden zu Beginn der Neuzeit von den Herrschern angeeignet, was durch die damit verbundene Trennung der Menschen von ihren Lebensgrundlagen zur »Freisetzung« des Industrieproletariats führte. Dagegen ist die Tatortfolge 249 Lappalie? Nein. Jeremy Rifkin(http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Rifkin),- Vorsitzender der Stiftung Economic Trends, schreibt 2000 in seinem Buch »Access«, wir befänden uns im Übergang von der industriellen zur »kollaborativen«, also zur »Revolution des Gemeinschaftlichen«; dies sei »einer der großen Wendepunkte der Menschheitsgeschichte«. Zugang werde zum Prüfstein dafür, wie gerecht Handlungsmöglichkeiten organisiert seien. Mit genügend materiellen Gütern im Umlauf mache Ausschluss keinen Sinn mehr.

Dabei ist die Aneignung von Commons nicht einmal beendet, und was Commons sind, ist letztlich eine Frage dessen, was wir normal finden. Das gilt für die »natürlichen Commons«: Noch finden wir es weitgehend normal, in Gewässern baden zu können – aber der Brandenburger Wandlitzsee wurde bereits privatisiert. Die Folge: Anlegern kann mit einem Zaun der Zugang zum Wasser versperrt werden, Stegbesitzer müssen plötzlich Pachtgebühren aufbringen, eine Gemeinde muss für eine Badestelle mit Rutsche sogar 50 000 Euro im Jahr an den Eigentümer bezahlen. Umgekehrt finden wir die private Inbesitznahme von Commons normal: Ray Anderson, Vorstandsvorsitzender der Firma Interface – des weltweit größten Herstellers von Teppichboden – erzählt in dem Film »The Corporation«, wie entsetzt er war, als er verstand, »wie viel die Erde produzieren muss für einen Dollar Gewinn unseres Unternehmens«.

Es gilt aber auch für die virtuellen Commons: »Wer kennt Tim Berners-Lee?«, fragt die Commons-Expertin Silke Helfrich gerne. In der Regel niemand. »Wer kennt Bill Gates?« In der Regel alle. Der Unterschied? Bill Gates privatisierte die (bei Weitem nicht nur) von ihm entwickelte Software Microsoft; Tim Berners-Lee aber stellte 1991 das World Wide Web kostenlos allen zur Verfügung. Hätte er das nicht getan, dann wäre unsere Welt heute eine andere.
Bedürfnisse sind nicht unendlich

Das übliche Argument gegen jede auf Solidarität aufbauende Wirtschaft lautet: Die Idee scheitert am Menschen – dieser sei nun mal egoistisch und materiell eingestellt. Genau hierauf beruht die in den Wirtschaftswissenschaften gelehrte »Tragedy of the Commons«, wonach eine Allmende notwendigerweise übernutzt und damit zerstört würde. Erst im Jahr 2009 erhielt Elinor Ostrom den Nobelpreis für Wirtschaft dafür, dass sie die Tatsache berücksichtigt, dass Menschen miteinander kommunizieren können – und damit auch kooperieren. Zu Hardins Tragödie kommt es darüber hinaus aber nur, wenn eine Privatwirtschaft existiert, die erlaubt, die über den eigenen Bedarf angeeigneten Ressourcen in Geld zu verwandeln und als solches anzuhäufen. Ohne diese Möglichkeit hätte niemand Interesse, sich die Arbeit zu machen, große Herden von Schafen oder Kühen auf die Weiden zu treiben.

Neueste Erkenntnisse der Biologie zeigen zudem, dass selbst unsere Gene und unser Gehirn gar nicht gedacht werden können ohne Umwelteinflüsse. Individualistische oder kollektivistische Gesellschaften, so Robert Maurice Sapolsky, Professor für Neurologie an der Stanford University, brächten ganz unterschiedliche Menschen hervor. Er warnt: In einer Welt, in der es um Aufstieg gehe, in der wir uns als unterschiedliche Schichten definierten, hätten wir nur wenige ebenbürtige Menschen, mit denen uns auch ebenbürtige Beziehungen verbänden. Dies aber führe zu weniger Altruismus.

Der englische Ausdruck für »ebenbürtige Menschen«, welchen Sapolsky benutzt, heißt »peers«. »Commons-based peer production« nennt der Harvard-Professor Yochai Benkler die Art und Weise, wie freie Software entsteht – denn freiwillige Produktion unter Gleichen vermag die auf den Homo oeconomicus gestützte Wirtschaftstheorie nicht zu erklären. Doch das gegen das Prinzip der commonsbasierten Peerproduktion vorgebrachte Argument besagt: Während im virtuellen Bereich das kommerzielle Lexikon Brockhaus von Wikipedia »auskooperiert« werden konnte (die gedruckte Version wurde eingestellt) besteht bei materieller Produktion keine Konkurrenzfähigkeit. Sicher. Gegen die Ausbeutung von Billigstlöhnen im globalen Süden lässt sich nicht konkurrieren. Das muss jedoch nicht bedeuten, dass eine solche Produktion an sich nicht möglich ist. Tatsächlich entsprechen jüngere Ansätze alternativen Wirtschaftens in der »realen« Welt denselben Prinzipien.

Besitz statt Eigentum lautet eines davon. Diese Unterscheidung findet sich auch im Bürgerlichen Gesetzbuch: Der Vermieterin gehört die Wohnung, der Mieter besitzt sie. Doch bei Commons zählt nicht abstraktes Eigentum, sondern wer was tatsächlich braucht und gebraucht. Mit anderen Worten: Wer in einer Wohnung wohnt, dem gehört sie auch. Bis letztes Jahr galt dies in Kuba.

Straßen, die S-Bahn, Wasserver- und -entsorgung oder allgemein: Verkehrsmittel und Infrastruktur – gäbe es hierfür grundsätzlich keine Gebühren, würden vielleicht die alten Eltern öfter besucht, aber dass Wege oder Abflüsse nur noch verstopft wären, davon ist nicht auszugehen: Bedürfnisse sind nicht unendlich.

»Besitz statt Eigentum« kann sich aber auch auf Gegenstände beziehen. Beispielsweise Bücher: Öffentliche Bücherschränke, mal aus Holz, mal in Form zweckentfremdeter Telefonzellen oder Verteilerkästen, aus denen genommen und in die umgekehrt Bücher gestellt werden können, existieren inzwischen in vielen deutschen Städten. Ähnliches gilt für Werkzeuge; im kalifornischen Berkeley lassen sie sich wie in einer Bibliothek ausleihen. Darüber hinaus finden sich hierzulande als alternative Ansätze ganze Offene Werkstätten, sei es zur Holz- oder Metallbearbeitung, als Fahrrad- oder Nähwerkstatt.

Die rund 60 Umsonstläden allein in Deutschland sind so als Orte zu verstehen, an denen Dinge nicht von Privateigentum in Privateigentum übergehen, sondern wo sie abgegeben werden, weil sie aus dem Besitz jener gefallen sind, die sie nicht mehr benutzen – und von anderen wieder in Besitz und Gebrauch genommen werden können. Dass nicht nur Freaks finden, um Abwechslung zu haben, muss es nicht etwas Neugekauftes sein, zeigt das Phänomen der Konsumpartys »Swap in the City«: Hunderte von Frauen kommen hierfür derzeit jeweils in Köln, Berlin oder Stuttgart zusammen, um edle Kleidungsstücke zu tauschen.

Dies geht über in das zweite Prinzip: »Teile, was du kannst«. Neben Dingen können dies auch Fähigkeiten sein (beispielsweise Initiativen, die skill sharing betreiben, das heißt Bildung und Wissen miteinander teilen) sowie jede Form von Dienstleistungen oder produktiver Tätigkeit. Das Prinzip wird unter anderem in Nutzungsgemeinschaften praktiziert, sozusagen Tauschringen ohne Aufrechnung: »Dafür muss man im Kopf erst mal Grenzen öffnen«, erinnert sich Marie an ihre Anfangszeit bei Gib & Nimm in Wuppertal. Getauscht werden Bügeln und Wohnungen renovieren, Fernseher reparieren und Kuchen backen, ein Kind werktags bekochen und vieles mehr. Einen Überblick hat niemand, da es ja keine Buchführung gibt.
Einen Beitrag leisten – ohne Tauschlogik

Dies wiederum geht über in das dritte Prinzip: »Beitragen statt Tauschen«. Statt die eigenen Fähigkeiten vermarkten zu müssen, wird aus einem Bedürfnis heraus gehandelt. Beispiele sind neben der freien Software nichtkommerzielle Produktion überhaupt: Sei es eine Hofgemeinschaft, die ihre Ernte ohne Geld und Tauschlogik abgibt; sei es eine Backgruppe, die das von dort erhaltene Getreide nach dem gleichen Prinzip weiterreicht. Eine Heilpraktikerin, die derzeit mit anderen eine gemeinnützige Naturheilpraxis aufbaut, begründet dies nicht mit Altruismus, sondern mit ihrer Vorstellung von Tätigsein: »ohne finanziellen Druck für mich, sondern so, wie ich es am richtigsten finde. Statt sich immer toll darstellen zu müssen, würde ich mich gerne der eigentlichen Arbeit widmen.«

Vielleicht ist eine solche Ecommony gar nicht so unrealistisch in einer (Arbeits-)Welt, in der Konzerne wie IBM bereits davon ausgehen, in Zukunft ihre Beschäftigten überwiegend von Projekt zu Projekt aus einer weltweiten »talent cloud« auszuwählen – natürlich nur jene, welche keinen Schatten auf ihrer Bewertungsskala à la eBay aufweisen. Vielleicht wäre es ja gar nicht so anders – nur ohne Druck und Konkurrenz und (allein in Deutschland) mit neun Millionen weniger Erschöpfungssyndromen? Michael Hardt und Toni Negri gehen in ihrem Buch »Common Wealth« (2010) davon aus, dass die heutige Form der Produktion eine Ausweitung des Gemeinsamen nicht nur ermöglicht, sondern sie zunehmend braucht. Oder um es im Original zu sagen: eine Ausweitung »of the common«.

Friederike Habermann, seit den 1980er Jahren in sozialen Bewegungen aktiv, ist Volkswirtin und Historikerin. Ihr nebenstehender Beitrag gibt einen Überblick über das Prinzip der Commons.

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