Brauchen wir diesen Krieg?

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Die Vorbereitungen für einen Krieg im Nahen und Mittleren Osten sind in vollem Gange. Wie auch immer sich die Geschehnisse in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln mögen: Selten war die Gefahr größer, dass sich aus einem regionalen Krisenherd ein offener Konflikt zwischen den verbliebenen Großmächten USA, Russland und China entzünden könnte.

Nach den vorangegangenen Kriegen in Afghanistan und Irak, der Ost und Westflanke des Iran, ist dieses geographische Herzstück des Mittleren Ostens nun so gut wie vollständig von mindestens 30 ständigen Stützpunkten der Nato umgeben. Der Iran ist, neben Syrien und Jordanien, der einzige noch nicht unter NATO Einfluss stehende weiße Fleck auf der Karte des Nahen Ostens. Bereits seit Jahresbeginn befinden sich große Truppenverbände, darunter zwei, im Januar waren es kurzzeitig sogar drei, amerikanische Flugzeugträger samt Begleitflotte im Persischen Golf. Jede dieser gigantischen Kriegsmaschinen ist mit 5000 Mann Besatzung und bis zu 85 Kampfflugzeugen bestückt. Zusätzlich werden allein in Kuwait bis Ende Februar etwa 80.000 US-Soldaten stationiert sein. Bis zu einem Viertel der Fläche des kleinen Emirats wird derzeit schon für vorbereitende Manöver und Truppenübungen benutzt. Experten sprechen von der größten Truppenkonzentration in dieser Region seit dem amerikanischen Einmarsch im Irak.

Die Gefahren einer Eskalation sind groß

Die Medien bringen bereits die ersten Analysen möglicher Militärschläge. Es sieht so aus, als lasse sich Israel nicht davon abbringen, den Iran anzugreifen. Eine militärische Antwort des Iran, in welcher Weise auch immer, ist Israel sicher. Ein solcher Schlagabtausch wäre schlimm genug für die Bevölkerung beider Länder. Es stellt sich aber die Frage, ob nicht die größere Gefahr in einem möglichen Eingreifen Russlands oder Chinas in die Kriegshandlungen und damit in einer Eskalation und Ausweitung des Konfliktes über den Mittleren Osten hinaus liegt.
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Beide Großmächte haben angekündigt, nicht untätig zu bleiben, sollten Israel oder die USA den Iran bzw. Syrien angreifen. So sagte General Makarov vor kurzem: „Wenn es eine Bedrohung für die Integrität der Russischen Federation geben würde, haben wir das Recht, nukleare Waffen zu nutzen, und wir werden das auch tun.“ Auch warnte Russland Israel mehrmals massiv vor den Konsequenzen militärischen Handelns. Russland fühlt sich ohnehin bereits durch den von der NATO geplanten und unter anderem in der Türkei und damit nahe an Russlands Südflanke postierten Raketenabwehrschild der NATO bedroht. Auch probt man für den Ernstfall: Die russischen Streitkräfte wollen im September dieses Jahres mit einem groß angelegten Militärmanöver in der Kaukasusregion das Szenario eines russischen Militärschlages nach einem amerikanischen oder israelischen Angriff auf den Iran durchspielen.

China wirkt zwar derzeit zurückhaltender, hat aber seinerseits durch den Schulterschluss mit Russland anlässlich der UN-Resolution gegen Syrien deutlich Stellung gegen ein militärisches Eingreifen des Westens bezogen. Kurz vor einem Besuch in Syrien äußerte sich der chinesische Vize-Außenminister Zhai Jun vor einigen Tagen: „China does not approve of armed intervention or forcing so-called ‚regime change“ („China erklärt sich weder mit einem militärischen Eingreifen noch mit einem erzwungenen sogenannten Regimewechsel einverstanden.“).

Niemand geht davon aus, dass Russland oder China im Falle eines Angriffes der NATO oder Israels sofort militärisch reagieren würden. Ob der Krieg allerdings tatsächlich im Sinne eines chirurgischen Militärschlages, ohne Bodentruppen und nur mit dem Einsatz bunkerbrechender Waffen und der Vernichtung der Atomanlagen des Iran in wenigen Wochen abgeschlossen sein würde, ist mehr als fraglich und es ist eher ein jahrelanger, von verzweifelter Gegenwehr der Iraner gekennzeichneter Kampf zu erwarten. Nicht undenkbar ist es auch, dass sich bei einer weiteren Destabilisierung, die ein Krieg bedeuten würde, der gesamte Nahe und Mittlere Osten vom Mittelmeer bis an die Grenzen Indiens in einen nicht mehr beherrschbaren Krisenherd verwandeln würde. Wie lange Russland und China dieses Chaos in unmittelbarer Nachbarschaft dulden würden, ohne einzugreifen oder durch schwer vorhersehbare weitere Entwicklungen zu einem Eingreifen gezwungen zu werden, ist fraglich.

Religiöse Endzeitphantasien

Im wahrsten Sinne brandgefährlich könnte jedoch der Umstand werden, dass sowohl die Führung Israels als auch die des Iran keine rein säkularen Motive in ihrer Politik verfolgen. Es gibt berechtigte Befürchtungen, dass für beide religiöse Endzeitphantasien eine nicht unbedeutende Rolle spielen könnten. Während Ahmadinedschad im Verbund mit Ajatollah Ali Chamenei das unmittelbar bevorstehende Kommen des zwölften Imam, oder Mahdi erwartet, der zur Zeit des Endzeitkampfes erscheinen soll, könnten auch Teile der Führung Israels der Überzeugung sein, in einem künftigen Krieg auf göttliche Unterstützung bauen zu können. Für Einige geht es also nicht – wie in den geostrategischen Auseinandersetzungen zwischen Russland, China und USA – vorrangig um Rohstoffe und globalen Machtgewinn, sondern es spielen religiöse Wahnvorstellungen eine Rolle, die auch unter den evangelikalen Christen der USA ebenfalls eine hohe Verbreitung genießen. Religiöser Fanatismus hat es bereits im Dreißigjährigen Krieg geschafft, Europa fast komplett zu verwüsten. Damals waren allerdings noch Pulverkanonen die stärkste Waffengattung.

Das Ende der Ideologien?

Kriege sind keine Naturkatastrophen. Sie treten in der Geschichte der Menschheit oftmals dann auf, wenn größere Umbrüche erfolgen und die bestehenden Mächte ihn als die Ultima Ratio dafür sehen, das Unabwendbare doch noch abzuwenden. Niemand wird bezweifeln, dass wir uns in solch einer Umbruchphase befinden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sehen wir die zweite große Ideologie des 20. Jahrhunderts scheitern. Große Ideologien, das hat die Vergangenheit gezeigt, neigen jedoch dazu, ihr eigenes Scheitern nicht anzuerkennen und – über ihr geschichtliches Haltbarkeitsdatum hinaus – beharrlich weiter wirksam bleiben zu wollen.

Was kommt nach dem Ende der Ideologien? Eine bipolare Welt gibt auch Halt. Nicht wenige Zeitgenossen ängstigt vor allem der Umstand, dass ihnen nun der bisher so fest geglaubte Boden unter den Füßen zu schwinden droht. Das dahinter stehende psychologische Phänomen charakterisiert der Kabarettist Volker Pispers sehr treffend: „Hat man ein klares Feindbild, so hat der Tag erst Struktur“.

Auch wenn für die durch die Macht der Ideologien nach oben geschwemmten Politiker und Eliten nun tatsächlich eine Welt zusammenbricht und es manchmal den Anschein hat, dass sie Angesichts dieser Tatsache sogar bereit wären, den Rest der Menschheit mit in den Abgrund zu reißen, müsste das Ende der Ideologien nicht unbedingt ein Ende der Geschichte bedeuten: Es könnte darin vielmehr der Beginn und Aufstieg eines ganz neuen Elements liegen, das sich heute bereits in vielerlei Gestalt ansatzweise zu zeigen beginnt.

Konzepte und Ideen, die dem Leben einfach formal übergestülpt werden, ersticken den lebendigen Prozess des sozialen Miteinanders und die sich daraus ergebenden Prozesse der Selbstorganisation auf den Feldern der Kultur, der Politik und des Wirtschaftens. Diese Prozesse aber wären es, die den Hunger der Menschen nach wirklichen tiefen Empfindungen für den Anderen und das Leben stillen könnten. Das – leider vielfach unbewusst bleibende – Bedürfnis nach einer freien, nicht mehr von Nationalismen, Parteilichkeiten und Ideologien geleiteten Begegnung zwischen Menschen war wohl nie größer als heute. Wirkliche Begegnung und die daraus entstehende neue Empfindungsqualität ist das universale Heilmittel für die Krankheit der Ideologie, die wie ein Spaltpilz die Menschheit derzeitig auseinandertreibt. Der innere Wunsch der Bevölkerungen des Westens und des Ostens wäre groß, sich endlich in Frieden jenseits aller ideologischen Schranken wahrnehmen und schätzen zu lernen.

Utopie? Unverbesserlicher Idealismus? Zumindest lohnt es, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Menschen in Ost und West das Recht und der Raum gegeben wäre, Initiativen zu entfalten, deren zukunftsweisende Kraft hinein in eine Gesellschaft ausstrahlen könnte. Solange diejenigen, die solche Ansätze und Impulse entwickeln und leben wollen, von den Medien totgeschwiegen, mit Tränengas und Baggern von ihren Versammlungsplätzen geschoben, kriminalisiert und staatlich überwacht werden, ist dieser Raum nicht vorhanden und dasjenige was wir am dringendsten benötigen würden, wird erstickt, bevor es zu wachsen beginnen kann.

Die Völker und Menschen der Welt brauchen keinen Krieg. Übernationale Organisationen wie beispielsweise der CFR, Regierungen, Banken und Konzerne jedoch, die angesichts einer unvermeidlichen Entwicklung zu einer Sozialgestaltung von unten mit dem Rücken zur Wand stehen, könnten aus Gründen des Machterhalts auf einen Krieg drängen. Doch auch in diesen Organisationen sitzen Menschen. Es bliebe zu hoffen, dass sie bereit sind, die Werte der Menschlichkeit über den Machterhalt zu stellen.

Werden wir eines Tages auf unsere heutige Zeit zurückblicken und gar nicht begreifen können, wie es damals so weit kommen konnte, dass eine globale Elite in ihren geostrategischen Machtkämpfen verbunden mit irrationalen religiösen Wahnvorstellungen ein Inferno entfesselt hat? Die nahe Zukunft wird es zeigen. Hoffen wir jedenfalls darauf, dass die Vernunft siegen wird.

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