Bigamisten, Sodomiten und Zuhälter ins Weiße Haus


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Die USA stehen vor dem „Super Tuesday“, der Wahlkampf wird rauer. Doch das ist nichts gegen die früheren Schlammschlachten, die seit den Gründervätern abliefen.
Der Präsident der Vereinigten Staaten, notierte James Callender, sei ein „ekelerregender Pedant, widerlicher Heuchler, übler hermaphroditischer Charakter, der weder die Kraft noch die Festigkeit eines Mannes, noch die Weichheit und Sensibilität einer Frau aufweist“. Er bezahlte dafür mit neun Monaten Gefängnis.

Callender dürfte es nicht bereut haben: Er wurde ein gefeierter Märtyrer der „Republicans“. Und Vizepräsident Thomas Jefferson, der Mann, der durch die gemietete Feder des Rufmörders Präsident John Adams beleidigen ließ, gewann im Dezember die Wahl zum Präsidenten. Man schrieb das Jahr 1800 in Amerika, und die Gründerväter der jungen Nation waren Gentlemen der vornehmsten Gesinnung.

John Adams’ Anhänger zierten sich nicht, es im Wahlkampf dem Herausforderer gleichzutun. Sie ließen durch Ghostwriter auf einem Flugblatt ausrichten, dass Jefferson „ein gemeiner Kerl niedrigster Geistesart, Sohn einer Indianer-Halbblut-Mutter und eines Virginia-Mulatten-Vaters“ sei. Obendrein, so die „Federalists“, sei er durch Feigheit im Revolutionären Krieg aufgefallen, habe als Anwalt seine Klienten beschwindelt, und der Atheist und Bewunderer der Französischen Revolution plane, alle Bibeln zu verbrennen. Obendrein schlafe er mit seinen Sklavinnen.

Da wollte wiederum Alexander Hamilton, Parteifeind von Adams und selbst Mitgründer der Nation, nicht abseits stehen. In einem perfiden Pamphlet hetzte er gegen des Präsidenten „wuchernde Eifersucht“, „extremen Egoismus“, „nicht zu zügelndes Temperament“. Hamilton starb 1804 in einem Duell. Adams und Jefferson versöhnten sich Jahre später. Ihr Einklang und Sinn für historische Gesten ging so weit, am selben Tag zu sterben. Nicht an irgendeinem. Am 4. Juli 1826, Amerikas 50. Geburtstag.

200 Jahre nach dem ersten schmutzigen Präsidentschaftswahlkampf der USA befand das Oberste Bundesgericht sechs Wochen nach der in Florida angefochtenen Wahl 2000, dass George W. Bush über Al Gore gesiegt hatte – nach einem offensichtlich zweifelhaften Verfahren.

Die staunenden Amerikaner können aus der Geschichte zweierlei lernen. Zum einen: mit allen Tricks, legalen wie ungesetzlichen, Stimmen zu gewinnen, ist keine Erfindung einer verderbten Mediendemokratie; nicht zweitklassige Provinzpolitiker, sondern die heiliggesprochenen Gründerväter hatten es vorgemacht, über ein Jahrhundert vor dem allgemeinen Wahlrecht. Seit der Wahl im Jahr 1800 zählen herzhafte Verleumdung und Ehrabschneidung des politischen Gegners zum Repertoire in Amerika wie auch, unterschiedlich dreist durch die Zeiten, der Stimmenkauf.

Die Zeitungen waren eingeschworen parteiisch

Im 19. Jahrhundert überließen die Kandidaten die Drecksarbeit noch geheuerten Kerlen. Das kam aus der Mode; die Herren mussten harmlosere Unverschämtheiten bald selber aussprechen. Unüblich wurde auch die Verspottung körperlicher Gebrechen und Hässlichkeit, die noch (der in der Tat aufregend hässliche Riese) Abraham Lincoln zu erdulden hatte.

Von nennenswerter Überraschung oder gar Empörung des amerikanischen Publikums über die wüsten Wahlkampfsitten ist aus den ersten 180 Jahren wenig bekannt. Die Zeitungen waren eingeschworen parteiisch; das Gedächtnis des Souveräns gilt bis heute, da jeder Wahlkampf als „der schmutzigste aller Zeiten“ bejammert wird, als aufregend kurz.

Eine junge Geschichte dagegen haben „Primaries“ und „Caucuses“, Schlammschlachten um die Nominierung des Kandidaten, wie sie in diesem Jahr die Republikaner bei ihren Vorwahlen inszenieren. Am kommenden Dienstag, am „Super-Tuesday“, wenn in zehn Bundesstaaten gleichzeitig Vorwahlen stattfinden, erreichen sie ihren Höhepunkt.

Die US-Verfassung gibt politischen Parteien keine Rolle; sie erfanden sich und ihre Machtspielträume im Laufe der Zeit selbst. Von 1832 setzten sich Parteitage zur Kandidaten-Kür durch. Die erste „Primary“ hielt Oregon 1910 ab, bis 1968 nahmen nur zwölf Staaten regelmäßig an dem Vorauswahlprozess teil. Selbst Jefferson und Adams würden staunen, zu welchen Gemeinheiten Parteifreunde gegenseitig fähig sind und sein müssen.

Moden und Mittel veränderten sich, die Härte blieb. Die knappe Wahl John F. Kennedys 1960 gegen Nixon soll sein Vater in Boston durch großzügigen Stimmenkauf gesichert haben. Als Lyndon B. Johnson, 1964 ins Weiße Haus gewählt, einen Mann wie seinen Gegner Barry Goldwater ruinieren wollte, pflegte er sein Team zu belehren: „Verbreitet, dass er es mit Tieren treibt. Und dann lasst ihn es leugnen.“

Verglichen damit klingt heute Newt Gingrichs Diffamierung Barack Obamas als „gefährlichster Präsident in der Geschichte“ zaghaft und nahezu höflich wie seine Aufforderung, den Mann davonzujagen, der „unfähig ist, die USA zu verteidigen und der uns einseitig schwächt“.

„Fan des unordentlichen demokratischen Prozesses“

Auch Gingrichs Partei„freund“ Rick Santorum bleibt bei aller Perfidität respektvoll, wenn er dem Präsidenten unterstellt, er wolle Amerikas Jugend aufs College schicken, um sie in „Indoktrinierungsmühlen“ anzustiften, „dem Land zu schaden“. Die beiden sollten dem Treiben der Gründerväter einmal nachgehen, bevor sie sich bei deren Erwähnung das Wasser der Rührung in die Augen steigen lassen. Als hätten die Herren nur das noble Grundrecht auf „Streben nach Glück“ erfunden.

Eine Verleumdungskampagne gegen John Kerry, 2004 der Kandidat der Demokraten gegen George W. Bush, inspirierte den Historiker Joseph Cummings, die US-Wahlkämpfe von 1789 an auf den Grad ihrer Fairness und Verschmutzung zu untersuchen. Sein Buch „Anything for a Vote: Dirty Tricks, Cheap Shots and October Surprises“ (2007), kam zu dem Schluss, dass Wahlkampf in Amerika seit jeher eine schmutzige Sache war. Cummings ist begeistert: „Für mich als Fan des unordentlichen demokratischen Prozesses ist das ein ermutigender Trend“.

Adams vs. Jefferson schaffen Höchstnote Zehn

Auch andere seiner Befunde beunruhigten den Historiker nicht: „In der Regel bediente sich die Partei, die gerade an der Macht ist, der schmutzigeren Tricks“, erläutert Cummings, „und Parteien mit der stärksten Ideologie – Demokraten wie Republikaner – kämpfen schmutziger, denn ihnen geht es nicht nur um einen Kandidaten, sondern um eine ganze Lebensart.“ Sein Buch nimmt es leicht, in seinem Ton fehlt jede moralisierende Note. Eher bewertet er die skandalöse Normalität nach Originalität und ihrem Unterhaltungswert. Eine Skala, „Sleaze-o-meter“ von eins bis zehn, klärt vor jedem Kapitel über das zu erwartende Entertainment auf.

Adams vs. Jefferson 1796 schafft die Höchstnote Zehn. Nur auf eine „Sechs“ kommt laut Cummings der Wahlkampf 1824 zwischen John Quincy Adams (Sohn des zweiten US-Präsidenten) und Andrew Jackson. Adams erntete Hohn der gegnerischen Pamphletisten für kleinen Wuchs, den kahlen Schädel, ein unablässig tränendes Auge und für seine derangierte Kleidung. Jackson, ein Kriegsheld, groß und gut aussehend, kam besser weg.

Allerdings hieß es in den Zeitungen, die aus ihrer Parteilichkeit keinen Hehl machten, er sei ein Mörder (weil er Meuterer erschießen ließ). Jackson galt als brutal, was Feinde im Krieg wie in der Politik bezeugen konnten. Adams siegte noch einmal, nach vier desaströsen Jahren aber unterlag er Jackson 1828 – nachdem dieser als Bigamist beschimpft und seine Frau Rachel in eine tödliche Herzattacke getrieben worden war. Jackson verzieh seinen Gegnern nie.

Nichts war tabu im Reigen der Schmähreden. Kandidaten wurden beschuldigt, ihre Gattin dem russischen Zaren zum Sex angedient zu haben, andere, Zuhälter ihrer Töchter zu sein; dritte wurden als fettsüchtig, schwul, impotent, als Bastarde diffamiert. Über Abraham „Honest Abe“ Lincoln wurden 1860 (eine Acht im Ranking) nicht nur Karikaturen verbreitet, die ihn zum Affen machten, sondern das Gerücht, er habe behauptet, Thomas Jefferson habe seine Kinder mit der Schwarzen Sally Hemmings in die Sklaverei verkauft. Lincoln siegte.

Vier Jahre darauf, mitten im Bürgerkrieg, war sich der Präsident nicht zu schade für dubiose Hinterzimmerdeals und die Entlassung von Bundesbeamten, um sich Stimmen in New York zu sichern. Kein Zeitungsschreiber ahnte damals, dass Lincoln einmal neben George Washington als einer der zwei größten US-Präsidenten verehrt werden würde. Über seine Rede auf dem Friedhof von Gettysburg, die Amerikas Schüler bis heute auswendig lernen, schrieb der „Harrisburg Patriot and Union“ seinerzeit: „Wir übergehen die törichten Bemerkungen des Präsidenten; zum Wohl der Nation sind wir bereit, den Schleier des Vergessens über sie zu breiten.“

Es hätte den „Großen Emanzipator“ erschüttert zu erleben, was seine Republikaner 1876 dann taten, um Stimmen einzutreiben: Sie befahlen Schwarze mit vorgehaltenem Revolver an die Urnen. Rassistische Demokraten in South Carolina antworteten darauf mit Aufständen, bei denen schwarze Wähler erschossen wurden.

Neunzig Jahre später fühlte sich der texanische Senator Lyndon B. Johnson dieser Südstaatentradition noch so nahe, dass er im Wahlkampf 1960 auf ein gewaltsames Ende seines (gehassten) Partners John F. Kennedy hoffte: „Jeder vierte Präsident ist im Amt gestorben“, eröffnete „LBJ“ einer Freundin auf dem Parteitag der Demokraten, „ich bin ein Spieler, Darling, und dies ist die einzige Chance, die ich habe.“ Drei Jahre später machte ihn Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald zum Präsidenten.

Führend in Joseph Cummings´ ewiger Bestenliste der übelsten Tricks ist der bereits erwähnte Wahlkampf Lyndon B. Johnsons gegen Barry Goldwater 1964 – mit deutlichem Vorsprung selbst vor Richard Nixon und dem Watergate-Einbruch vor den Wahlen im Juni 1972. Präsident Johnson, der Journalisten als „Puppen“ verachtete, gründete den „Fünf-Uhr-Klub“ skrupelloser Berater, die Goldwater durch gestreute Gerüchte in den Medien als monströsen Ku-Klux-Klan-nahen Schwarzenhasser und Weltkriegstreiber zeichnen sollten.

Der ultrakonservative Goldwater gab selbst mit vollen Händen die Munition aus. Johnson, ließ er poltern, habe sich im Amt bereichert, er habe Nierenkrebs; unter LBJ werde Amerika schwarzen Aufständischen in die Hände fallen. Cummings glaubt, Johnsons Machenschaften, wären sie bekannt geworden, hätten zu einem Amtsenthebungsverfahren führen können. Aber das galt auch schon für einen Vizepräsidenten namens Thomas Jefferson. Er beging Hochverrat, als er mit den Franzosen darüber verhandelte, wie man Präsident John Adams schaden könne. 2012 kann da nicht mithalten. So weit wir wissen.

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