Die Rolle der Saudis im Syrien-Konflikt

Viele Beobachter in Syrien und ausserhalb fragen sich, was denn der Zweck saudischer Waffenhilfe an die syrischen Widerstandskämpfer wäre. Denn dass ausgerechnet Saudiarabien darauf aus sei, einem demokratischen Regime in Syrien den Weg zu eröffnen, leuchtet nicht ein.

Der wahre Grund der saudischen Interventionsfreudigkeit dürfte sein, dass Saudiarabien dem Iran in Syrien eine Niederlage bereiten möchte. Der Iran ist in der Tat ein wichtiger Verbündeter Syriens. Ohne ihn würde wahrscheinlich die gesamte Arabienpolitik des Iran in sich zusammenstürzen.

Syrien als Bindeglied zur Hizbollah

Die iranische Politik beruht in erster Linie auf der Zusammenarbeit des Iran mit der Hizbollah im Libanon. Die Hizbollah wird vom Iran bewaffnet und finanziert, und Syrien bildet das Bindeglied, über welches die iranischen Waffen, Gelder und Helfer in den Libanon und in die Hände der Hizbollah gelangen.

Der Krieg der Hizbollah mit Israel von 2006 war bisher der einzige, in dem die arabische Seite den Israelis standhalten konnte und sogar eine Art von Sieg zu verzeichnen vermochte. Das Ansehen und die Bedeutung der Hizbollah in der gesamten arabischen Welt wurde dadurch gewaltig gehoben, und der Iran erhofft für sich selbst, dass ein Teil des Ruhmes der Hizbollah auf die eigene Islamische Republik zurückfalle.

Saudiarabien fürchtet Schiiten

Saudiarabien sieht seinerseits die Iraner als eine Herausforderung der sunnitischen arabischen Welt. Saudiarabien erhebt den Anspruch, als Vorkämpfer der arabischen Sunniten gegen eine als gefährlich empfundene Offensive der vom Iran aus gesteuerten Schiiten anzutreten.

Die schiitischen Gruppen in der arabischen Welt sind meist Minderheiten. Sogar in den Ländern, in denen sie Mehrheiten bilden, dem Irak, Bahrain, dem Libanon (dort eine relative, nicht eine absolute Mehrheit), wurden sie bisher als Minderheiten behandelt. Sie waren arm und blieben weitgehend ausgeschlossen von der Leitung ihrer Staaten. Doch dies hat sich in der jüngsten Zeit geändert. Die arabischen Schiiten meldeten sich zu Wort. Sie erhoben den Anspruch, mitzureden in ihren Ländern. Die iranische Revolution von 1979 ermutigte sie dazu.

Neue Machtverhältnisse im Irak

Im Irak bildeten schiitische Parteien die Regierungsmehrheit, als dort dank der amerikanischen Intervention echte Wahlen durchgeführt wurden. Dies führte zu einem blutigen Ringen zwischen den irakischen Schiiten und Sunniten unter den Augen der amerikanischen Besetzungsmacht. Die Schiiten gewannen. Mehr Sunniten wurden aus Bagdad vertrieben denn Schiiten, und Schiiten beherrschten die Regierung, als die Amerikaner das Land verliessen.

Gegenwärtig droht ein neuer Streit im Irak zwischen schiitischen und sunnitischen Kräften, weil der schiitische Regierungschef, Maleki, den wichtigsten Politiker der Sunniten, Haschemi, des Terrorismus und Hochverrates angeklagt hat. Der irakische Untergrundkrieg wurde durch Selbstmordbomben entfesselt und angetrieben, und dies droht sich gegenwärtig zu wiederholen.

Seit seiner Gründung zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war der Irak von Sunniten regiert worden. Die Saudis eröffneten keine Botschaft in Bagdad, um ihr Missfallen an dem dortigen Machtwechsel zu unterstreichen.

Saudis stützen im Libanon Hariri

Im Libanon setzte die Hizbollah nach einem zähen politischen Ringen durch, dass die Schiitenpartei eine Sperrminderheit in der libanesischen Regierung erhielt, was bedeutet, dass sie in der Lage ist, alle Initiativen von anderen Gruppen, die ihr missfallen, abzuwürgen. Im Libanon werden die Feinde der Hizbollah, das Bündnis um die sunnitische Hariri-Familie, bezeichnenderweise von den Saudis gestützt.

Saudiarabien hat seine eigene schiitische Minderheit. Sie lebt ausgerechnet in der saudischen Erdölprovinz von Dhahran. Und sie stellt die grosse Mehrzahl der Erdölarbeiter. Saudiarabien hat diese Minderheit immer diskriminierend behandelt. Die im Königreich herrschende Auslegung des Islam, die sich auf den Gelehrten Mohammed ibn Abd al-Wahhab (gestorben 1791) stützt und deshalb Wahhabismus genannt wird, sieht die schiitische Religionsrichtung als eine unzulässige Entstellung des wahren Islam an. Die wahhabitischen Glaubenskämpfer des ersten saudischen Reiches, das die Vorfahren der heutigen Dynastie errichteten, plünderten 1801 Kerbela, die heilige Stadt der Schiiten im Irak.

Proteste in Saudiarabien niedergeschlagen

Die Schiiten Saudiarabiens haben sich oft gegen Riad erhoben und versucht, Freiheit für die Ausübung ihrer Religion in ihren schiitischen Landesteilen zu erlangen. Doch alle Proteste wurden niedergeschlagen, die letzten im vergangenen Jahr, als saudische Truppen auch nach Bahrain übersetzten, um die dortige Protestbewegung, die mehrheitlich von Schiiten getragen wurde und die sich gegen die sunnitische Herrscherfamilie der Inseln richtete, abzuwürgen. Wegen der strengen Zensur, die in Saudiarabien herrscht, hört man nur wenig über den Widerstand der dortigen Schiiten, doch es gibt ihn – zur Verbitterung der saudischen Machthaber.

In den schiitischen Dörfern Bahrains leben zurzeit die Proteste immer wieder neu auf, trotz aller Gewaltanwendung der sunnitischen Herrscherfamilie und ihrer sunnitischen Polizei, deren Mannschaften oft aus Pakistan importiert werden, und ungeachtet der saudischen Truppenpräsenz. Die Ordnungskräfte verwenden nachweislich Folter gegen die eingekerkerten Sympathisanten der Protestbewegung.

Saudis verdächtigen den Iran

Hinter all diesen Bewegungen erblicken die Saudis die iranische Hand. Dies ist zum Mindesten eine allzu vereinfachende, wenn nicht eine gänzlich falsche Einschätzung der Lage. In den meisten Fällen entstehen die schiitischen Bewegungen als Reaktionen auf Jahrzehnte der Vernachlässigung und manchmal der Diskrimination der schiitischen Gruppen durch die von Sunniten regierten Staaten.

In einigen Fällen ist dann sekundär eine Verbindung mit dem Iran zustande gekommen, weil, wie im Falle der Hizbollah, der Iran sich bereit zeigte, ausgewählten schiitischen Minderheitsgruppen zu Hilfe zu kommen – und sie im Zug dieser Hilfe mindestens teilweise für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Saudiarabien jedoch verallgemeinert seinen Verdacht. Die saudischen Behörden sehen alle schiitischen Bewegungen als Folgen iranischer Agitation an. Dabei nehmen sie auch gleich noch alle hinzu, die in Religionsgemeinschaften entstehen, die nur ganz am Rande zum Schiismus gezählt werden können, wie jene der Alawiten in Syrien und die der Zaiditen im Jemen (wo sie heute als die Houthis bekannt sind).

Riad glaubt, der Iran versuche die sunnitische Welt, als deren Vorkämpfer Saudiarabien sich sieht, «einzukreisen» und zu beherrschen. Alles spricht dafür, dass Saudiarabien gedenkt, die schiitische Hydra in Syrien mithilfe einer zunehmend besser bewaffneten Protestbewegung zu bekämpfen. Die Leitung dabei hat Thronfolger Nayef inne, der auch das saudische Innenministerium leitet und als ein scharfer Anti-Terror-Kämpfer bekannt ist. Der schlechte Gesundheitszustand des Königs Abdallah bewirkt, dass Prinz Nayef schon heute einen grossen Teil der Geschäfte des Königreichs übernimmt.

Angst vor der Bombe

Die vermutete Absicht des Iran, Atomwaffen herzustellen, beunruhigt die Saudis natürlich. Auch die Kleinstaaten am Golf fürchten die Möglichkeit einer «Bombe des Iran». Dabei geht es nicht nur um die Gefahr, dass Teheran Atomwaffen einsetzen könnte, wenn es sie wirklich herstellen sollte.

Schon das Vorhandensein von Atomwaffen im Iran würde das Machtgleichgewicht am Persischen Golf verschieben, welchen die arabischen Staaten heute bezeichnenderweise den Arabischen Golf nennen wollen. Es gibt alte Ansprüche des Iran auf Inseln und ganze Regionen am Golf, die heute unter arabischer Herrschaft stehen. Ein atomar gerüsteter Iran könnte sie leicht wiederbeleben und die Bombe als Druckmittel einsetzen, ohne sie gleich militärisch verwenden zu müssen.

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