Lasst die Würfel entscheiden

Zum Glaubenskrieg zwischen Paul Krugman und Hans Werner Sinn

Von René Zeyer

gelesen bei: http://www.journal21.ch/

Ökonomie ist keine Wissenschaft. Wo die Fähigkeit zur Überprüfung der Realität mittels Experiment, Resultat, Überprüfbarkeit und Erkenntnis fehlt, beginnt der Glaube. Mit allen schrecklichen Folgen.

Lassen wir einmal das Dummgeschwätz der Analystenheere beiseite. Sie glauben ja nur daran, dass Algorithmen, die vergangene Ereignisse ordnen, zuverlässige Aussagen über die Zukunft möglich machen. Obwohl das in den letzten zehn Jahren sogar deutlich oberhalb der Normalverteilung von Prognosen, sie treffen entweder zu oder nicht, in die Hose gegangen ist.

Feste feiern oder tugendhaft sparen?

Kümmern wir uns auch für ein Mal nicht um die Analyse von realen Desastern wie Griechenland. Dieses Thema kann ja in einem Satz erledigt werden: Selbst wenn dieser Pleitestaat heute sämtliche, restlos alle Schulden ausbuchen, streichen, vergessen würde, wäre das Land spätestens Ende März (2012) wieder pleite.

Etwas vereinfacht bekriegen sich, mangels allgemein akzeptierter wissenschaftlicher Erkenntnisse, zwei Glaubenslager. Personalisieren wir sie als die Glaubensbrüder von Nobelpreisträger Paul Krugman und die Anhänger des deutschen Wirtschaftsprofessors Hans Werner Sinn. Die Krugmänner sagen: Es ist alles noch viel zu wenig. Wir wissen zwar auch nicht, wieso Niedrigstzinsen und Gelddrucken im Billionenbereich nicht schon längst wieder zu einer Hyperinflation und platzenden Blasen geführt haben, aber wir glauben: Wir sollten einfach so weiter machen, wenn’s bislang gut gegangen ist.

Oder anders formuliert, eher atheistisch gestimmt sagen die Krugmänner: Lasst uns heute die Fête feiern, es gibt keinen Himmel und erst recht keine Hölle danach. Die Anhänger von Sinn postulieren dagegen: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, oder anders ausgedrückt: Nur tugendhaftes Leben bringt spätere Erlösung. Prasserei ohne an die Rechnung zu denken, führt ins Unglück. Und Gier ist eine Todsünde.

Ratlose Laien

Wie es sich für eine Glaubensfrage gehört und da es ja, wenn vielleicht auch nicht um das ewige Seelenheil, so doch um die Fortsetzung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, wie wir es kennen, geht, wird die Auseinandersetzung erbittert geführt. Man ist massiv dafür oder noch massiver dagegen und wirft sich gegenseitig vor, dass die vorgeschlagenen Rezepte oder Heilsbotschaften in die Hölle oder ins Desaster führen.

Während die Befolgung der eigenen Ratschläge das Heil oder zumindest die Rettung bedeutet. Da inzwischen selbst letzte Bastionen sogenannter wirtschaftlicher Grundgesetze geschleift sind, stehen die Laien relativ hilflos herum und wissen nicht so genau, welchem Lager sie sich anschliessen sollen. Es dämmert ihnen immerhin, dass sie mit gesundem Menschenverstand nicht wirklich weiter kommen.

Denn selbst der Laie versteht ja, dass die Wirtschaftswelt irgendwie verrückt geworden ist, wenn ein Gläubiger mit dem Verleihen von Geld und dem damit verbundenen Risiko desto mehr Geld verliert, je sicherer er es anlegt. Wenn Geld kostenfrei sprudelt wie eine Bergquelle. Andererseits möchten natürlich vor allem Sparer, Rentenanwärter und Steuerzahler daran glauben, dass mit ihrem Geld etwas Vernünftiges angestellt wird. Aber wem sollen sie da glauben?

Die Macht des Faktischen

Funktionierende Müllabfuhr, Strassenbeleuchtung und gefüllte Regale in den Kaufhäusern, ohne dass da ständig eine neue Null hinter die Preise gesetzt werden muss, geben uns eine gewisse Sicherheit, dass es ja so schlimm auch nicht sei. Hunderte von Milliarden in Rettungsschirmen oder die Herstellung einer ganzen Billion Euro innert drei Monaten dagegen entziehen sich der menschlichen Vorstellungskraft, sind doch virtuelle Zahlen, flimmernde Lichtpunkte auf Computerbildschirmen, letztlich irreal und daher vernachlässigbar.

Das verleiht der Glaubensrichtung Krugman natürlich eine gewisse Strahlkraft, weil sie den Status quo perpetuiert. Schlechtere Karten haben da Untergangspropheten wie Sinn, die uns damit erschrecken, dass möglicherweise der Müll liegen bleibt, die Lichter ausgehen und die Regale sich leeren oder zumindest ihr Inhalt vom Normalbürger nicht mehr gekauft werden kann. Denn das Heute, vor allem, wenn es nicht ganz schlecht ist, verleitet immer zum Glauben, dass es morgen doch auch so sei. Wer glaubt nicht gerne den beruhigenden Worten eines Führers, dass er alles im Griff habe, selbst wenn es der Kapitän auf der Titanic ist.

Keine Kernschmelze

Bestärkt werden die Anhänger von «nur weiter so» in ihrem Glauben durch die Tatsache, dass es 2008 nicht zur befürchteten Kernschmelze des Finanzsystems kam. Die Argumente, dass es aber ziemlich knapp war und die prognostizierten Folgen, eine Verlumpung der Staatsfinanzen bis zu einem nicht mehr rückzahlbaren Schuldenberg, eingetroffen sind, verblassen vor der Macht des Faktischen ebenfalls.

Den Anhängern von Krugman kann man immerhin den Vorwurf machen, dass die Fête nicht von den Feiernden, sondern von den Betrogenen bezahlt wird. Und von ihren Kindern und Kindeskindern, denn kein Glaube kommt an der Erkenntnis vorbei: Irgendwann ist Zahltag. Wenn nicht heute, dann morgen. Und wenn nicht gezahlt werden kann, dann kracht’s, dann wird mit Gewalt und Krieg Remedur geschaffen.

Reine Glaubensfrage

Da Ökonomie keine Wissenschaft ist, kann ja niemand ernsthaft behaupten, dass seine finanzpolitischen Entscheidungen «alternativlos» seien. Natürlich ist damit gemeint, dass alle Alternativen zum angerichteten Schlamassel noch viel schlimmer seien. Da hier aber ohne gesicherte Methoden, weit entfernt von exakten Naturwissenschaften, bloss experimentiert wird, wobei für die Ergebnisse der Experimente am liebsten das Wort «unvorhersehbar» verwendet wird, kann es natürlich auch ohne weiteres, neben den Vermutungen von Krugman oder Sinn und ihren Jüngern, dritte, vierte oder fünfte Varianten geben.

Einen unvorhersehbaren Ausweg aus der Krise oder einen vorher nicht wahrgenommenen Weg mitten ins Desaster. Vielleicht sollte man wirklich einfach würfeln statt analysieren. Andererseits: Die Lage ist dermassen kritisch, wenn da nur das Geringste schief geht, dann Gnade uns allen Gott.

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