Soziale Konterrevolution in Großbritannien


gelesen und nicht erstaunt bei: http://www.wsws.org/de/index.shtml

in Großbritannien leiden die Arbeiter unter einem verheerenden Niedergang ihres Lebensstandards. Jede Woche erscheinen neue Berichte über sinkende Löhne, wachsende Arbeitslosigkeit und schlechter werdende Lebensbedingungen.

Der Lebensstandard der Arbeiterklasse ist bereits tiefer gesunken als er vor dreißig Jahren war. Anfang des Jahres erschien ein Bericht, laut dem der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 58 Prozent im Jahr 1978 auf heute 53,8 Prozent gesunken ist. Das entspricht einem addierten Lohnverlust von 1,3 Billionen Pfund, 60 Milliarden davon alleine 2011. Der Anteil der Löhne am BIP im Jahr 1978 war bereits eine deutliche Verschlechterung im Vergleich zum Rekordstand von 66,5 Prozent im Jahr 1975.

Die Reallöhne der ärmsten 20 Prozent der Arbeiter waren im Jahr 2011 um 43 Prozent niedriger als im Jahr 1978; die Löhne im mittleren Niveau sind um 36 Prozent gesunken.

Dieser Niedergang hat sich seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 noch beschleunigt. Fast zehn Prozent, d.h. drei Millionen Menschen, haben seither ihre Stelle verloren.

Diejenigen, die es in diesen vier Jahren geschafft haben, wieder Arbeit zu finden, verdienen im Durchschnitt 28 Prozent weniger Lohn. Viele haben keine neuen Stellen gefunden und jeden Monat kommen 30.000 neue Arbeitslose dazu. Die offizielle Arbeitslosenzahl nähert sich unaufhaltsam der drei Millionen Marke. In dieser Zahl sind über eine Million Jugendliche enthalten. Aber selbst diese Zahlen unterzeichnen das wahre Ausmaß der Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bei Weitem.

Im letzten Jahr wurden im Rahmen des Kürzungspaketes der Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberaldemokraten in Höhe von 130 Milliarden Pfund insgesamt 270.000 Stellen im öffentlichen Dienst dauerhaft abgebaut, 71.000 davon im Bildungsbereich und 31.000 im staatlichen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS). Die Anzahl der Stellen im öffentlichen Dienst ist auf 5,94 Millionen gesunken. Damit gingen 64 Prozent aller vernichteten Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst verloren.

Ein Drittel der gestrichenen Stellen ging jedoch in der Industrie verloren. Im öffentlichen Dienst sind die Gehälter seit drei Jahren eingefroren, wodurch die Reallöhne um dreizehn Prozent gesunken sind. Auch in der Privatwirtschaft sinken die Löhne: Der Anteil der Arbeiter, die eine Lohnerhöhung erhielten, ist von zwei Dritteln im Jahr 2008 auf weniger als die Hälfte im Jahr 2011 gesunken; der durchschnittliche Arbeiter verdient dreitausend Pfund im Jahr weniger.

Durch die Inflation verschlimmert sich die Lage noch weiter, da sie die Kaufkraft der Arbeiter senkt. 99 Prozent der Tarifabschlüsse bewegen sich unter der offiziellen Inflationsrate. Dadurch sinken die Reallöhne um sieben Prozent. Da die Kosten für Benzin und andere notwendige Güter deutlich höher steigen als die offizielle Inflation, ist ein Reallohnverlust von 20 Prozent näher an der Realität. Ein normaler Haushalt gibt im Jahr 1.300 Pfund mehr aus als im letzten Jahr, um seinen Lebensstandard zu halten.

Die meisten Menschen sind dauerhaft verschuldet. Mehr als siebzehn Millionen Menschen (35 Prozent der Bevölkerung) haben in den letzten zwölf Monaten ihr Konto überzogen, mehr als ein Viertel (27 Prozent) mussten schon fünfzehn Tage nach Gehaltszahlung Schulden machen. Ein typischer britischer Haushalt gibt im Monat ein Viertel des verfügbaren Einkommens, d.h. 200 Pfund, aus, um die Zinsen für Kredite zu decken. Die durchschnittliche Hypothekenlast pro Haushalt ist in den vergangenen zehn Jahren auf über 20.000 Pfund gestiegen, und fast eine Million Menschen zahlen hohe Zinsen für Überbrückungskredite, um ihre Hypothekenkosten zu bezahlen.

Schon im Jahr 2010 betrug die Zahl der offiziell Armen über dreizehn Millionen, die Hälfte davon galt als „sehr arm.“ Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung sind heute einhundert mal reicher als die ärmsten zehn Prozent, der Anteil des obersten 0,1 Prozent am Nationaleinkommen ist so hoch wie zuletzt in den 1940 Jahren. Wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzen – und sie werden sich vermutlich sogar verschärfen – wird im Jahr 2025 allein auf das oberste 0,1 Prozent zehn Prozent des Nationaleinkommens fallen. Bis 2030 wird die Ungleichheit in Großbritannien so groß sein wie zuletzt im viktorianischen Zeitalter.

Diese grausigen Zahlen sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Der Abbau von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst geht einher mit dem Bestreben, auch die Reste des Sozialstaates zu zerschlagen. Vor allem sollen das Bildungswesen und der NHS – das „Juwel in der Krone“ des Sozialstaates, der nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde – privatisiert werden. Nach Plänen der Regierung sollen fast die Hälfte der staatlich finanzierten Plätze in Krankenhäusern für den Privatsektor verfügbar gemacht werden. Teilweise werden schon ganze Krankenhäuser des NHS von Privatfirmen betrieben.

Die Gewerkschaften haben sich gegen keinen dieser Angriffe gewehrt. Stattdessen haben sie ihren Platz an der Seite ihrer politischen Verbündeten in der Labour Party eingenommen, die eine soziale Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse durchsetzen wollen.

Seit fast dreißig Jahren schaut die Labour-Bürokratie zu, wie die gesellschaftliche Stellung der Arbeiterklasse immer weiter untergraben wird. Heute jedoch haben die ständigen Verrätereien die Schleusen geöffnet für einen historischen Rückschritt. Millionen Menschen droht die Rückkehr zu sozialer Barbarei.

Diese Zustände existieren nicht nur in Großbritannien. In Griechenland, Spanien, Italien, Irland und sogar in Europas führender Wirtschaftsmacht, Deutschland, ist die Lage genauso oder noch schlimmer. In den Vereinigten Staaten ist sie nur insoweit anders, als dass die Arbeiterorganisationen dort schon immer so verkommen und korrumpiert waren, dass viele Errungenschaften der europäischen Arbeiter, wie eine kostenlose Gesundheitsversorgung, von den amerikanischen Arbeitern nie erkämpft wurde.

Aus diesen bitteren Erfahrungen müssen grundlegende Lehren gezogen werden.

Während des Wirtschaftsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Labour Party und die Gewerkschaften bedeutende Sozialreformen und Lohnerhöhungen durchsetzen. Aber sie wurden immer von militanten Kämpfen der Arbeiter gezwungen, entgegen ihren eigentlichen Absichten zu handeln. Deshalb lag das Lohnniveau im Jahr 1975, kurz nachdem die konservative Regierung von Edward Heath durch Massenstreiks gestürzt worden war, auf dem höchsten Stand.

Diese Zeit ist lange vorbei. Seither sind alle alten „linken“ Parteien und Gewerkschaften stark nach rechts gerückt. Die Bürokratie hat sich den Diktaten der Finanzelite gebeugt und ihre bisherigen Strategien verworfen. Statt nationaler Wirtschaftsregulierung und Kompromissen zwischen den Klassen unterstützen sie bedingungslos die freie Marktwirtschaft und setzen Lohnsenkungen und Entlassungen durch.

Dank der Gewerkschaften sind Streiks sehr selten geworden. Dass sie nicht mit einem Verrat enden, ist noch viel seltener geworden.

Die Labour Party unterscheidet sich nicht von den Konservativen. Die einzige Funktion, die Gewerkschaften heute noch haben, ist es, ihre Mitglieder zur Ordnung zu rufen und die Entstehung einer gesellschaftlichen und politischen Bewegung gegen das Kapital zu verhindern.

Das kann nicht ohne Widerstand bleiben. Die tiefste Wirtschaftskrise seit den 1930ern schafft die Bedingungen für eine explosive neue Periode von Klassenkämpfen. Dies erfordert den Aufbau neuer Organisationen für den Klassenkampf, unabhängig von den und gegen die alten Gewerkschaften, und den Aufbau einer neuen Partei, die den Kampf für den Sozialismus aufnimmt.

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