Die Rückkehr der Heuschrecken


Die Spekulanten großer Fonds wagen sich wieder auf die globale Zockerbühne. Sogar Banker warnen vor den Folgen. Doch die Politik wirkt machtlos.

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Jim Rogers ist wieder obenauf. Zusammen mit George Soros betrieb der Siebzigjährige einst den Quantum Fonds, einen jener berüchtigten Spekulationsfonds, die keinerlei Bankenaufsicht unterliegen. Nachdem er sein Vermögen um 4200 Prozent vermehrt hatte, stieg Rogers um. In den 1990er-Jahren wurde er zum wichtigsten Rohstoffspekulanten, bevor die Finanzkrise auch ihn traf. Doch inzwischen ist der Amerikaner nach Singapur ausgewandert, wo die Finanzaktivitäten noch weniger reguliert werden als anderswo. Von dort aus spekuliert er wie eh und je.

Rogers ist nicht der einzige Spekulant, der sich wieder auf die globale Zockerbühne wagt. Die »Heuschrecken« sind zurück. So hatte der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Finanzinvestoren bezeichnet, die mit einem spekulativen Einsatz ihres Kapitals möglichst hohe Renditen erzielen wollen.
Schattenbanken unterliegen keiner Kontrolle

Schattenbanken nennen die Wissenschaftler diese Fonds. Dazu zählen all jene Anlagegesellschaften, die das Geld von reichen Institutionen und superreichen Privatleuten verwalten, ohne den Regeln von Banken zu unterliegen. Das können Beteiligungsgesellschaften wie »Private Equity Firms« ebenso sein wie spekulativ arbeitende Hedgefonds, aber auch Zweckgesellschaften, in denen Banken Geldgeschäfte tätigen, um Eigenkapitalanforderungen und die Bankenaufsicht zu umgehen.

Diese Schattenbanken führen seit vielen Jahren ein globales Eigenleben. Sie sitzen zumeist in London, in den USA, in Paris – und neuerdings auch in Singapur oder in anderen Zockerparadiesen. Sie halten das Geld ihrer Anleger in Steueroasen – und legen es diskret an, ohne Kontrolle und ohne dass die Öffentlichkeit viel davon erfährt. Da sie gleichzeitig Diskretion und hohe Renditen versprechen, sind sie für viele Kapitalanleger attraktiv.
Ein Vermögen von 60000 Milliarden Dollar

Die Finanzkrise hat viele Schattenbanker arg gebeutelt. Inzwischen haben sie sich jedoch nicht nur erholt – ihre Macht wächst bedrohlich. Je stärker die Politik die Banken reguliert, desto mehr Kapitalanleger nutzen die Vorteile der Schattenbanken: Während die regulären Banken mehr Eigenkapital vorhalten müssen und die Finanzaufsicht europaweit gestärkt wurde, gibt es kaum Eigenkapital-Anforderungen für Hedgefonds. Bei der Finanzaufsicht müssen sie nur registriert sein, kontrolliert werden sie nicht.

Das Geschäftsvolumen der Schattenbanken ist nach Angaben des Internationalen Finanzstabilitätsrates der großen Industrie- und Schwellenländer auf unvorstellbare 60000 Milliarden Dollar angewachsen. Das entspricht mehr als der Wirtschaftsleistung aller Länder zusammen, ist also höher als das Bruttosozialprodukt der ganzen Welt.

Mit diesem Kapital können die Schattenbanken viel anrichten. Während die Geschäftsbanken für jeden Kredit neun Prozent Eigenkapital vorhalten müssen, können die Fonds fast unbegrenzt Geld schöpfen, weil sie so gut wie kein Eigenkapital benötigen. Ihr »Kredithebel« ist deutlich größer als der von Banken, sagen dazu die Finanzexperten. Und meinen die Tatsache, dass die Schattenbanken mit wenig eigenem Kapital hohe Kredite aufnehmen können.
Hochspekulative Geschäfte

Werden damit hochspekulative Geschäfte mit Kreditversicherungen oder Finanzderivaten getätigt, dann schaffen sie ein doppeltes Risiko: Wenn die Spekulationsblasen platzen, werden Anlagen wertlos – und das System ungedeckter Kredite bricht zusammen. »Das kann zu Ansteckungseffekten führen, die das ganze Finanzsystem gefährden«, sagt der marktfreundliche Ex-Bundesbanker Ottmar Issing, heute Leiter einer Expertengruppe, die für die Bundesregierung Vorschläge zur Reform der Finanzmärkte ausarbeiten soll.

Oft genug steigen die Schattenbanken in Unternehmen ein. Dies hilft, wenn Betriebe Risikokapital brauchen und dies von Banken nicht erhalten. Allzu häufig gebärden sich diese Fonds jedoch wie wahre Heuschrecken: Sie steigen mit wenig Geld ein, steigern möglichst schnell den Wert eines Unternehmens, indem sie die Kosten senken und Kredite aufnehmen, die sie dann dem Unternehmen aufbürden. Ist der Wert des Unternehmens gestiegen, verkaufen sie es zu hohem Gewinn. Die Unternehmen sind hoch verschuldet, viele Beschäftigte sind arbeitslos. »Die Heuschrecken grasen das Unternehmen ab und ziehen weiter«, beschrieb es Franz Müntefering.
Gleichzeitig zementieren die Schattenbanken ihre Macht in den großen Finanzinstitutionen. Der US-amerikanische Hedgefonds BlackRock ist der größte Einzelaktionär der Deutschen Bank. Über vielfältige Verästelungen halten die Finanzinvestoren große Anteile an den Ratingagenturen Standard & Poor, Moody’s und Fitch.

Boom mit Ramschanleihen

Einmal in der Offensive, entdecken die Schattenbanken derzeit ein besonders riskantes Geschäftsfeld. Sie nutzen die Politik der Europäischen Zentralbank, die Unternehmen und Banken mit Geld zu niedrigen Zinsen versorgt. Brancheninsider haben entdeckt, dass eine Reihe von Schattenbanken Ramschanleihen europäischer Unternehmen zu extrem niedrigen Preisen aufkaufen – in der Hoffnung, dass die Unternehmen durch die billigen Kredite der Zentralbank wieder zu Kräften kommen, sodass auch der Wert ihrer Ramschanleihen wieder steigt.

Der US-amerikanische Hedgefonds-Manager Greg Lippmann treibt die Spekulation auf die Spitze. Er hat für knapp eine Milliarde Dollar Wertpapiere gekauft, die mit Hypotheken gesichert sind. Es sind jene Papiere, die die Welt in die Finanzkrise geführt haben. Nachdem viele Banken von den Staaten gerettet wurden, sind diese Ramschanleihen zu Discountpreisen zu haben. Die Spekulanten hoffen, dass der zarte Aufschwung in den USA die Immobilienpreise steigen lässt – und damit die Kurse dieser Papiere. Da fürchten manche bereits eine neue Finanzkrise, sollte auch diese Spekulationsblase wieder platzen.

Alarmierte Politik

Finanzmarkt-Kritiker sehen in den Schattenbanken seit Jahren die größte Gefahr für die Weltwirtschaft. »Der jüngste Ölpreis-Höhenflug wurde von Finanzfonds ebenso mitverursacht wie der ruckartige Anstieg der Lebensmittelpreise 2007 und 2008, der mehr als hundert Millionen Menschen zusätzlich in den Hunger stürzte. Der Schadenswirkung dieser Fonds steht kein volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber. Aus diesen Gründen sollten Finanzfonds verboten werden«, schreibt der Publizist Christian Felber, Gründer von attac Österreich. Auch jene, die Schattenbanken nicht gleich verbieten wollen, fordern ihre Unterordnung unter eine globale Finanzaufsicht, klare Eigenkapitalregeln und eine Finanztransaktionssteuer, die Spekulationen verteuert.

Auch die etablierte Politik ist alarmiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Regulierung der Schattenbanken für »wünschenswert«. Die EU-Kommission will noch im Frühjahr Vorschläge zur Regulierung der Schattenbanken, für Eigenkapitalforderungen und einen verpflichtenden Informationsaustausch vorlegen.

Ob solche Vorschläge je Wirklichkeit werden, ist höchst unsicher. Denn die Kontrolle von Schattenbanken muss weltweit erfolgen. Bisher schützen aber vor allem Briten und Amerikaner die »ihren« in der Londoner City und an der Wallstreet. Ein Bündnis von Angela Merkel mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy zur Regulierung der Schattenbanken ist unwahrscheinlich, weil viele Fonds in Paris sitzen. Und in Brüssel belagern rund 700 fest angestellte Finanzlobbyisten die Ausschusssitzungen jener 48 Abgeordneten, die im Europaparlament für die Regulierung der Finanzmärkte zuständig sind. Schon in den vergangenen Jahren konnte die Finanzlobby auf diese Weise die Regulierung der Hedgefonds verhindern.

Zeit für das große Aufräumen

Die Gefahr ist groß, dass die Politik einfach weitermacht wie bisher. Dies ängstigt sogar Spekulanten wie Jim Rogers. »Wenn die Politik weiterhin nur die Gelddruckpresse laufen lässt, dann könnte alles viel schlimmer kommen, als es war«, sagt er. Es sei Zeit für das »große Aufräumen«. Darin ist er sich mit radikalen Kritikern des Finanzkapitalismus einig. Diese meinen mit »Aufräumen« aber etwas ganz anderes.

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