Bankendämmerung


Bankendämmerung
Traditionsbruch und Perspektivlosigkeit führen zum Grounding

Von René Zeyer
gelesen bei: http://www.journal21.ch/

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das werden die Schweizer Banken dieses Jahr schmerzlich erfahren. Ohne Strategie und ohne Unterstützung durch Staat und Politik werden sie nicht nur ihr Geschäftsmodell verlieren.

Mehr als die Hälfte der in der Schweiz gelagerten privaten Vermögen sind unversteuert. Bis heute. Diese Form der Geldanlage hat diverse Vorteile – auch für Private Banker. Sie konnten über Jahrzehnte mittelmässiges Anlagemanagement betreiben und vor allem Geld für Reputationsmanagement ausgeben. Sprüngli-Truffes und Single-Malt-Tasting für sogenannte High Networth Individuals und das grosse Kino für Ultra-HNWI. Bezahlt wurde das, plus natürlich hübsche Boni ungern unterhalb eines normalen Jahresgehalts, plus hübsche Profite für die Bank, durch das Abzwacken von Extrakommissionen, einbehaltene Kick-backs und fleissiges Umschichten der Anlagen.

Erster Schlag ins Kontor

Seit 2008 liess die Finanzkrise eins den ersten Pfeiler des Geschäfts zusammenbrechen. Solange für den Anleger, und erst noch steuerfrei, trotz allem Churning (Provisionsschneiderei) am Ende des Tages ein hübscher Gewinn übrigblieb, war die Schweizer Bankenwelt noch in Ordnung. Seither schlägt aber, angesichts niedriger Zinsen und Geldschwemme, die eher lausige Anlagepolitik voll auf die Erträge durch, die abgehobelten Verwaltungsgebühren drehen das Ergebnis oft ins Negative.

Das macht den Kunden nicht wirklich froh, und da Heerscharen von Schweizer Private Bankern in Wirklichkeit bessere Verkäufer sind, die zwar ein exzellentes Wissen der schönen Dinge des Lebens haben, aber schon bei der Erklärung eines Plain-Vanilla-Swaps ins Stammeln geraten, stellen immer mehr Kunden die Frage, womit denn eigentlich die knackigen Gebühren begründet werden könnten. Da hilft dann der Versand von Sprüngli-Truffes in der Geschenkpackung auch nicht mehr viel.

Zweiter Schlag ins Kontor

Tradition und Sicherheit waren die beiden Trümpfe, mit denen Schweizer Private Banker bis vor Kurzen wuchern konnten. Zwei Weltkriege unbeschadet überstanden, bombensichere Währung, politische und soziale Stabilität, und vor allem: Rechtssicherheit. Was gestern Recht war, kann in der Schweiz nicht plötzlich Unrecht werden, schon gar nicht rückwirkend. Das Bankgeheimnis ist so stabil wie Gotthard-Granit.

Man kann von Moral und Ethik eines Schweizer Gnoms halten, was man will, aber sein Wort gilt: Hier war und ist Privatvermögen vor dem Zugriff ausländischer Steuervögte geschützt. Der Gotthard steht noch, aber das Bankgeheimnis ist nicht mal so löchrig wie ein Schweizer Käse geworden. Es ist weg, für heute und morgen – und auch für gestern. Längst vor FATCA und anderen Formen des US-Rechtsimperialismus dürfen seit der Frühjahrssession der Eidgenössischen Räte grosse Netze in den Kundendatenbanken Schweizer Finanzinstitute ausgeworfen werden. Zurück bis ins Jahr 2002. Der Gotthard steht noch, aber sogar die Schweizer Rechtssicherheit bröckelt.

Krise herrscht

Eher still und leise feiert die UBS ihr 150-jähriges Jubiläum, und die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) macht sich mit ihrer Aktion «Dankomat» zum 100. Geburtstag lächerlich. Die ihr angeschlossenen rund 350 Institute fragen sich zu Recht, wie viele von ihnen noch das nächste Jahr erleben werden. Genau wie die rund 45.000 Bankangestellten alleine am Platz Zürich, knapp die Hälfte der schweizweit mit Geldzählen beschäftigten Arbeitnehmer.

Die Antwort ist so einfach wie bitter für sie. Wenn die wichtigsten Tragpfeiler eines Geschäftsmodells wegbrechen, zudem die Profitrate sinkt, dann herrscht Krise. Nun gibt es ja das hohle Managerwort von der Krise als Chance. Die gäbe es, wenn Strategien, auch nur die Umrisse eines neuen Geschäftsmodells, erkennbar wären. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Finanzplatzes Schweiz könnte man da erwarten, dass der Staat, die Regierung und die Bankinstitute eine gemeinsame Strategie entwickeln. Um Altlasten wegzuräumen und Wege in die Zukunft zu bahnen. Aber weder das eine noch das andere findet statt. Denn weder der Kniefall vor den USA, dem weitere folgen werden, noch eine nebulöse «Weissgeldstrategie» lösen irgend ein Problem.

Paradigmenwechsel

Eine hundertjährige Tradition hat es so an sich, dass es hundert Jahre braucht, um sie zu begründen. Es braucht aber nur wenige Monate, wie das Beispiel UBS zeigte, um sie abzubrechen. Das kann man solange als bedauerlichen Unfall verkaufen, nach dem man an die grossartige Tradition wieder anknüpfen wird, wenn nicht gleichzeitig ein ganzer Paradigmenwechsel stattfindet. So wie heute. Und da gibt der gesamte Finanzplatz Schweiz ein wahrlich jämmerliches Bild ab.

Trotz Heerscharen von wohlbezahlten Advisors, Think Tanks, Strategy Commitees und was der banglishen Ausdrücke mehr sind, mal Hand aufs Herz: Sieht da irgend jemand eine überzeugende Strategie? Eine schlüssige Antwort auf die Frage: Wie wird der Finanzplatz Schweiz in zehn Jahren, in nur zwei Jahren aussehen? Wer wird überleben, die Dinosaurier UBS und CS, mittelgrosse Player wie Raiffeisen oder ZKB, Universalbanken oder reine Vermögensverwalter? Gehen alle unter und am Schluss bleibt nur noch die Postfinance? Welche Kundendaten können noch wie geschützt werden, angesichts von Daten-CDs, Screenshots und wackeligen IT-Plattformen? Wie und womit kann eine Schweizer Bank noch Geld verdienen?

Interessante Fragen. Null Antworten. Überheblichkeit und perspektivloses Festhalten an obsolet gewordenen Strategien führt zum Grounding. Das wissen wir nicht erst seit der Swissair.

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