Bahrain und Ukraine: Wie politisch darf und soll Profi-Sport sein?

Panem et circenses
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August 1936, Berlin, Deutschland. Die Nationalsozialisten haben es geschafft, die Olympischen Sommerspiele für ihre infamen Zwecke als Propagandabühne zu instrumentalisieren, um der Welt ein positives Bild von Deutschland vorzugaukeln. Und das, obwohl der Star der Spiele jemand ist, der so gar nicht in das NS-Rassenschema passt: der afro-amerikanische Leichtathlet Jesse Owens, der insgesamt vier Goldmedaillen gewinnt und damit die „arische Herrenrasse“ rein sportlich deutlich hinter sich lässt. Verbissen notiert am 5.8.1936 der fanatische Propagandaminister Joseph Goebbels zu den Erfolgen von Jesse Owens in sein Tagebuch: „Das ist eine Schande. Die weiße Menschheit müsste sich schämen.“

Knappe neun Jahre später hat die „weiße Menschheit“ nationalsozialistischer Provenienz Europa in Schutt und Asche gelegt und Millionen von Menschen ermordet.

Olympische Sommerspiele 1972 in München. Der Morgen des 5. September 1972: Um 4.10 Uhr dringen acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ in das olympische Dorf ein und nehmen elf Sportler der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln. Am Ende dieser verbrecherischen Aktion sind alle Geiseln sowie ein deutscher Polizist tot.

Zwei Beispiele dafür, wie der Leistungssport in schändlichster Weise für politische Zwecke missbraucht wurde.
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Aber es geht auch anders, der Hochleistungssport muss sich keineswegs auf immer mit der Rolle des passiven Hals-Hinhaltens für jedwede politische Instrumentalisierung begnügen. So geschehen, als die US-Leichtathletik-Mannschaft anlässlich der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 erstmals nach 1936 ins Berliner Olympiastadion zurückkehrte. Dabei trugen sie – mit Genehmigung des Leichathletik-Weltverbandes – auf der linken Brust ein Emblem, welches als Hommage an Jesse Owens die Initialen „JO“ zeigte. Und ehrlich gesagt: Man wünschte sich mehr derart symbolischer politischer Stellungnahmen von Spitzensportlern und deren Verbänden.

Der Profi-Sport und seine Strippenzieher haben in der Vergangenheit jegliche politische Äußerung, sei es verbal oder nonverbal, geschweige denn eine belegbare, faktische Einmischung in politische Verhältnisse der jeweiligen Gastgeberstaaten gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Es sind inzwischen jedoch Zeiten angebrochen, in denen selbst die Verantwortlichen des Sports nicht mehr umhinkommen, Stellung zu beziehen gegen Ungerechtigkeit, Diktatur und Verletzung der Menschenrechte – gleichgültig wo auf diesem Erdball. Noch beim jüngsten Formel 1 Rennen in Bahrain wurde es jedoch geflissentlich vermieden, auch nur mit einem Zucken der Augenbrauen darauf hinzuweisen, dass nur wenige Steinwürfe von der Rennstrecke entfernt Menschen gefoltert werden. Kim Kovalsky hat auf dieser Plattform in einem brillanten Artikel bereits darauf hingewiesen.

Einige professionelle Sportmanager haben die Dringlichkeit angesichts aktueller Ereignisse inzwischen erkannt und sind über ihren Schatten gesprungen. Und so ist es gut zu sehen, dass es dem deutschen Spitzen-Fußball im Gegensatz zum hochtourigen Sprit-Zirkus um Bernie Ecclestone und seine Mannen nicht komplett egal ist, wie es um die politischen Umstände in demjenigen Land bestellt ist, in welchem in Kürze eine Fußball-Europameisterschaft stattfinden soll. Uli Hoeneß vom FC Bayern München hat deutliche und mutige Worte gefunden, die zum Inhalt haben, dass die Spieler der deutschen Nationalmannschaft Stellung beziehen mögen zu der unerträglichen Haftsituation der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Und um das als eine außerordentlich wichtige moralische Leistung eines Sport-Verantwortlichen zu würdigen, muss man weder ein Freund des FC Bayern noch von Uli Hoeneß oder von Julia Timoschenko sein. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht so abwegig, anzunehmen, dass dieser sportlich-politische Dammbruch auch einigen noch zögerlichen Politikern Mut macht (oder bereits gemacht hat), durch ihre Abwesenheit bei der EM ein Zeichen zu setzen und ebenso im Gefolge einige Sportverband-Manager zum Umdenken bewegen wird, Sponsoren hin oder her.

Der Sport ist und bleibt diejenige kulturelle Menschheitsäußerung, die universal die meisten Menschen verbindet. Mit diesem Pfund gilt es zu wuchern, und mit diesem umfassenden, humanistischem „d’accord“ hat der Sport auch die Aufgabe, als Sprachrohr zu fungieren und auf politische Missstände hinzuweisen, überall dort, wo Menschen in Gefahr sind. Nur dann kann Sport Freude und Freunde machen. Denn sonst bliebe jeder Sport ein Selbstzweck und sonst nichts.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, die EM zu boykottieren, das wäre unsportlich. Es geht auch nicht darum, Aufruhr in – euphemistisch gesagt – demokratisch prekären Staaten zu schüren. Es geht schlicht und einfach aber darum, auch im Sport deutliche Zeichen zu setzen gegen Unrecht und Menschenrechtsverletzungen. Die Ukrainer und alle Menschen, die in Frieden und Freiheit leben wollen, würden es den Profi-Sportlern danken.

Und vielleicht, eines fernen Tages, kommt diese Erkenntnis auch bei Bernie Ecclestone und seiner Formel 1 an. Ich denke, nicht nur ich wünsche mir das.

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