So macht man Kohle

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Was die Großbank UBS dafür kann, dass in Nordamerika ganze Berge verschwinden.

Es begann mit einem Berg von Briefchen und roten Papierherzen: Unbekannte hatten sie der UBS-Filiale in Knoxville, Tennessee, vor die Tür gelegt. Es war ein Valentinstagsgeschenk für die Bankangestellten. »Wir lieben unsere Berge«, stand in den Briefen und auf den Klebern, aber auch: »Wir kommen wegen eurer Gier«. Drei Wochen später, am 8. März 2012, folgte die nächste Aktion, vor dem UBS-Gebäude in Johnson City, Tennessee. Auch dies eine kleine Sache, rund vierzig Leute zählte der Reporter der Johnson City Press. Die Demonstranten klopften an die Glastür mit dem UBS-Logo und an eilig heruntergelassene Storen, sie hielten Transparente in die Luft, auf denen »Finanziert lieber unsere Zukunft« oder »UBS zahlt für Zerstörung« oder »Keine Kohle!« stand. Der herbeigeeilte Polizist konnte sich damit begnügen, ein paar junge Menschen von einem privaten Parkplatz wegzuschicken.

Und so soll es weitergehen. In Chattanooga und Oak Ridge, in Asheville oder Lexington sind für die nächsten Tage weitere Proteste gegen die Schweizer UBS angesagt, sie werden wohl ebenfalls klein bleiben. Ein regionaler Konflikt ist das, offenbar, es geht um Umweltschutz, Berge und Kohle, irgendwie. Blickt man von dieser Seite des Atlantiks darauf, zum Beispiel vom Finanzzentrum am Zürcher Paradeplatz, so wirkt daran nur eines verblüffend: nämlich dass es in Ortschaften wie Chattanooga, Johnson City, Asheville oder Oak Ridge Filialen der UBS gibt. Wer hätte das gedacht?
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Eine Universalbank, ein Global Player. Und dieser Konzern, so verkünden die Briefe und Transparente, soll ein Hauptfinancier im amerikanischen Kohlebergbau sein. Womit die Schweizer Bankiers Teil der Politik in Kentucky, West Virginia oder Tennessee geworden sind, irgendwie. Denn in den Appalachen, diesem sanften Mittelgebirge, setzen die Bergbaukonzerne eine brachiale Abbautechnik ein. Um an die Kohle zu kommen, die in den runden Bergen schlummert, sprengen sie kurzerhand den Gipfel weg – so ist es am billigsten. Riesige Komatsu-Muldenkipper sammeln die Geröllmassen ein und schütten die umliegenden Täler zu. Der Rest des Berges wird mitsamt der Kohle abgetragen.

»In den Alpen würde die UBS so etwas niemals finanzieren«, sagt William Isom, der für die NGO Moutain Justice in Kentucky arbeitet.

Nein, niemals. Undenkbar, dass so etwas in Europa überhaupt bewilligt würde. Aber Amerika ist ein großes Land, viele Gegenden in den Appalachen liegen fernab der Zentren, sie sind wirtschaftlich ausgepumpt, arm an Arbeitsplätzen. Und gerade hier finden sich die wichtigsten Kohlelager der USA. Seit den frühen achtziger Jahren trugen Minenkonzerne rund 5.500 Quadratkilometer Hügelland in den Appalachen ab, also fast die Fläche des Kantons Bern, 1.000 Kilometer Flüsse verschwanden; dies hat die Bundesregierung in Washington errechnet. Vor Ort legen die Umweltschutzgruppen eigene Daten zum Gipfelabbau vor: Jeden Tag werde hier die Sprengkraft der Bombe von Hiroshima gezündet. Dutzende Tier- und Pflanzengattungen seien vom Aussterben bedroht. Das Grundwasser rund um die Minen weise regelmäßig zu hohe Werte an Arsen, Blei, Barium oder Mangan auf. Die Menschen in der Nachbarschaft müssen auf einem Land weiterleben, das unten bebt, oben von Ascheregen bedeckt wird und bald einer Mondlandschaft gleicht. Die meisten ziehen es vor, ihr Heim zu räumen.

Es ist ein kapitalintensives Geschäft, und hier liegt ein Schwachpunkt der Bergbaukonzerne: Sie sind auf Banken mit großen Kreditlimiten angewiesen, auf Häuser wie die Citigroup, Morgan Stanley, die Bank of America oder eben UBS. Und so protestieren die jungen Leute in Tennessee, Kentucky oder West Virginia jetzt lieber vor Bankfilialen als an den Eisentoren der Minengesellschaften. »Mit Druck auf die Kreditgeber bremsen wir die Bergbaufirmen«, sagt Ricki Draper, die sich für Mountain Justice in Knoxville engagiert. Und tatsächlich haben einige Banken inzwischen einen Schlussstrich gezogen. Credit Suisse verkündete im September 2010, man finanziere und berate ab sofort keine Unternehmen mehr, die im Mountaintop Mining tätig seien.

Die UBS gerät nun ins Fadenkreuz, weil sie zu den wenigen verbliebenen Banken gehört, die auch einen Sitz in Übersee haben. »Ausländische Banken haben keinen Bezug zu den Gemeinden hier«, sagt Ricki Draper in Tennessee. »Wir aber müssen zusehen, wie ganze Dörfer in eine Einöde verwandelt werden.« Es klingt wie das Echo der Managerweisheit, dass jedes Business lokal sei – Globalisierung hin oder her.

Die Konzernleitung in Zürich hat das zur Kenntnis genommen. Seit zwei Jahren erscheint die Wendung »Mountaintop Removal« im Geschäftsbericht, die UBS verspricht jeweils »verbesserte Sorgfaltsprüfungs- und Bewilligungsprozesse«. Dies, nachdem sie sich am 9. November 2010 in einem öffentlichen Statement zu mehr Wachsamkeit verpflichtet hatte. Die Bank, hieß es da, überprüfe fortan, »in welchem Ausmaß sich ein Unternehmen auf MTR-Bergbau stützt, und UBS muss überzeugt sein, dass der Kunde sich darauf festlegt, sein Engagement in dieser Art des Bergbaus mit der Zeit zu reduzieren.« Es klang wie ein Versprechen. Ungünstig schien lediglich, dass die UBS nur einen Tag zuvor, am 8. November, noch ein 200-Millionen-Dollar-Kreditpaket für Massey Coal in Virginia geschnürt hatte – also für den führenden Gipfelabbau-Konzern der Appalachen. Das Wort Mountaintop Removal findet sich im 151-seitigen Kreditvertrag nicht.

Bald darauf, im Januar 2011, flogen UBS-Investmentbanker aus Stamford und New York nach Virginia, um als Berater bei der Fusion von Massey und Alpha Natural Resources zu helfen. Es entstand ein Kohleriese, dem rund ein Viertel der Mountaintop-Minen in Amerika gehört. Nochmals sieben Wochen später, Anfang März, half die UBS – zusammen mit der Deutschen Bank – dem Bergbaukonzern James River Coal bei einer Übernahme, unter anderem mit einem gemeinsamen 375-Millionen-Dollar-Kredit. James River steigerte die Produktion an Mountaintop-Kohle im vergangenen Jahr auf 986.000 Tonnen – 350.000 Tonnen mehr als 2010, ein Plus von fünfzig Prozent. Dies hat die Umweltorganisation Rainforest Action Network recherchiert; James River will es nicht kommentieren.

Wer also aus dem UBS-Statement herauslas, dass die Bank nur noch mit Bergbaufirmen arbeitet, die den Ausstieg suchen oder diese Technik ohnehin kaum einsetzen, der hatte etwas gründlich missverstanden. In den einschlägigen SEC- und Bloomberg-Datenbanken erschien die UBS im vergangenen Jahr als Partnerin von vier der neun größten Mountaintop-Konzerne, ob durch eigene Darlehen, als Teil eines Kreditsyndikats, als Berater. Vor wenigen Wochen, so das jüngste Beispiel, erneuerte sie eine Kreditlimite für ein anderes Schwergewicht im Mountaintop Mining, die Firma Patriot Coal in Saint Louis.

»UBS zerstört unsere Berge!«, schließen die Gegner daraus, »UBS raus!«, rufen sie vor den Filialen. Nebenbei zeigt sich auch hier das bekannte Dilemma der Großbank: Die Mitarbeiter im Privatkundengeschäft werden angefeindet für Deals der Investmentbank. Sie bekommen es zu tun mit einem bunten Haufen aus regionalen Verbänden und örtlichen Interessengruppen, darunter grüne Christen, die für Gottes Natur beten, oder ein Prediger, der in New York eine Kirche gegen den Konsum aufgezogen hat. Sie alle streuen auf Facebook und ihren Websites, dass UBS der drittgrößte Financier des Umweltfrevels in den Appalachen sei, und gern wird die Schweizer Bank kurzerhand zur number one gemacht.

So war es einmal. Amanda Starbuck, die für das Rainforest Action Network die Energie- und Finanzbranche überwacht, urteilt jetzt allerdings, dass die UBS inzwischen tatsächlich mehr Zurückhaltung an den Tag lege. »Sie ist noch involviert«, sagt Starbuck, »aber sie ragt nicht mehr heraus, sie stellt andere Banken nicht länger in den Schatten.« Bank of America, Citi, Morgan Stanley, PNC, das seien heute die wichtigsten Kapitalgeber hinter den Bergsprengungen.

Nur: Wie die UBS, so versprachen auch diese Institute in jüngster Zeit mehr Vorsicht in den Appalachen – die Kommuniqués und Positionspapiere ähneln sich bis in den Wortlaut hinein. Die Bank of America meldete, sie lasse die Zusammenarbeit mit MTR-Firmen auslaufen. Citi, PNC und Morgan Stanley schrieben von einer robusten oder verschärften Sorgfaltsprüfung, PNC und Morgan Stanley verkündeten obendrein, man finanziere keine Minenunternehmen mehr, die schwergewichtig Gipfelabbau betrieben. Am Ende beginnt man vor allem zu ahnen, wie elastisch die »Citizenship«- und »Responsibility«-Reports der Banken in Wirklichkeit sind.

Und das mit Grund. Denn wo beginnt bei einer globalen Investmentbank diese Verantwortung? Beim Mischkonzern, der in einer Unterfirma Streubomben produziert? Beim Rohstoffkonzern, dessen Kupferminen gelbe Säuren in einen kongolesischen Fluss leiten?

»Man muss in solchen Fragen immer das regulatorische Umfeld beachten« – so formuliert es ein Banker. Das bedeutet: Es geht auch um Politik. Es dürfte etwa kein Zufall sein, dass das Kürzel MTR gerade in den letzten drei Jahren in den Geschäftsberichten diverser Banken aufzutauchen begann. Immerhin hatte die Regierung Obama just im Sommer 2009 dem Mountaintop-Bergbau den Kampf angesagt. Mit den bestehenden Wasserschutzgesetzen will sie einem Minenprojekt nach dem anderen zu Leibe rücken, neue Bergsprengungen werden strenger geprüft. Aber das Ringen hält bis heute an. Denn die betroffenen Bundesstaaten haben kein Interesse, die schwarze Geldquelle zum Versiegen zu bringen. Vor drei Wochen schob das Parlament von Tennessee ein Gesetz, das die Technik verbieten wollte, wieder auf die lange Bank.

National, regional, lokal: Auf welche Seite soll sich ein Global Player da stellen?

Zur Klärung führte die Responsibility-Abteilung der UBS mehrere Gespräche mit Umweltorganisationen. Aus der Perspektive einer Universalbank nimmt sich die eigene Rolle kleiner aus: Nein, man zertrümmert keine Berge. »Die UBS arbeitet mit Bergbauunternehmen zusammen, und zwar weltweit«, sagt Christian Leitz, der die Corporate-Responsibility-Abteilung der UBS leitet. »Aber wir haben kein einziges Mountaintop-Removal-Projekt direkt finanziert.« Tatsächlich findet man in Nordamerika keine Gesellschaft, die voll und ganz auf die Gipfelabbau-Technik setzt. Es sind Bergbaukonzerne mit diversen Divisionen und Standorten, oft sogar mit Ablegern auf mehreren Kontinenten. Auf der anderen Seite hat die UBS eine Investmentbank, die global tätig ist; sie kämpft darum, unter den Top Ten im Geschäft mit Firmentransaktionen mitzuhalten; das Energie- und Bergbaugeschäft ist – global gesehen – einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren überhaupt. Und Kohle ist ein Stoff der Zukunft.

Das mag schwer zu glauben sein, wenn man den Politikern zuhört oder den Medien glaubt, die lieber über erneuerbare Energien sprechen; die Fakten aber zeigen: Der weltweite Kohleverbrauch wird in den nächsten Jahren um ein Fünftel wachsen – dies erwartet die Internationale Energieagentur. In den Vereinigten Staaten stieg die Zahl der Kohlekraftwerke seit der Jahrtausendwende von gut 1.000 auf über 1.400. In Europa dürften bis 2020 etwa achtzig Kohlekraftwerke neu gebaut oder ersetzt werden – dreimal mehr als im vergangenen Jahrzehnt. Und die USA sind, dank ihrer gewaltigen Lagerstätten, so etwas wie das Saudi-Arabien der Kohle. Wer möchte da außen vor bleiben?

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