Die Frankfurter Angst vor den Bankenkritikern

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Sommerfest statt Randale bei der Abschlussdemo: Die Blockupy-Aktivisten haben Frankfurt nicht lahmgelegt, das hat die Stadt selbst erledigt.

Die Hochsicherheitszone Frankfurt, sie beginnt an diesem Samstag für Besucher schon am Hauptbahnhof. Ein Spalier dick gepanzerter Polizisten verengt den Haupteingang des Gebäudes vormittags zu einer schmalen Gasse, die Reisenden stauen sich auf beiden Seiten.

Ab und zu greifen die Beamten ein paar schwarz gekleidete oder ihnen sonst wie verdächtige Personen heraus. Es ist heute, am Tag der Großdemonstration in Frankfurt, wie so oft in den letzten Tagen: Nicht vermeintlich gewaltbereite Aktivisten von Blockupy blockieren die Stadt, sondern die Vertreter der Staatsgewalt selbst.

Aus Angst vor Ausschreitungen durch gewaltbereite Linksradikale hatte die Stadt die Dutzenden geplanten Veranstaltungen an den Tagen von Mittwoch bis Samstag gleich komplett verboten und die Frankfurter Innenstadt ihrerseits zur Sperrzone gemacht, aus Sicherheitsgründen. Nur diese Abschlussdemo hat sie erlaubt.

Linke Randale gab es kaum

Nimmt man ihren Ablauf als Maßstab, erscheint die rigorose Linie der Stadt unverständlich: Denn auch mit ein paar mehr erlaubten Veranstaltungen, mit weniger Sicherheitszonen und aufmarschierten Hundertschaften, wären die Blockupy-Tage wohl kaum ein Gewaltexzess geworden, hätten die Aktivisten das Bankenviertel nicht zum Schlachtfeld gemacht. Linke Randale gab es an diesem Samstag kaum.

Stattdessen: mehr als 20.000 Demonstranten, die über vier Stunden lang das Sommerwetter genossen, Fahnen schwenkten, haufenweise Flugblätter verteilten. Ein großes Stück der Demonstrationsstrecke führte direkt am Main entlang. Spätestens als sich einige der Demonstranten für eine Pause mit einem Eis auf die Wiese am Fluss setzten, scheint die vermeintliche Radikalen-Demo endgültig zum Wochenendspaziergang geworden zu sein.

Überhaupt ist vieles anders gekommen als gedacht an diesen Frankfurter Blockupy-Tagen. Die Einwohner zum Beispiel waren eher genervt von den etlichen und großräumigen Polizeisperren in ihrer Stadt, also von den politischen Aktivisten. Ständig mussten sie Ausweise vorzeigen, Umwege fahren. Die Geschichte machte die Runde, dass zeitweise nur Menschen mit Frankfurter Anschrift und einer gültigen Bahnfahrkarte in den Hauptbahnhof durften.

Diese Sicherheitsmaßnahmen nach dem Prinzip viel hilft viel wirkten vor allem deshalb so absurd, weil die ganzen Tage keine Bedrohung sichtbar wurde, die ein solches Vorgehen gerechtfertigt hätte. So war die Innenstadt vier Tage lang ein riesiges Gelände für weitestgehend harmlose Katz-und-Maus-Spiele von Polizei und Aktivisten. Vier Tage, in denen die Beamten die Demonstranten beobachtete, warnte, auseinandertrieb, einkesselte, wegtrug, ihnen Platzverbote erteilte – und so am Ende selbst wie der Verursacher dieses Ausnahmezustands wirkte.

Auch deshalb sieht Hans Scharpf, wie so viele der Aktivisten, ziemlich vergnügt aus. Der Rechtsanwalt trägt ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „Occupy Money“, er hat als einer von mehreren Rechtsexperten versucht, die Räumung des Frankfurter Occupy-Camps vor wenigen Tagen noch zu verhindern, erfolglos.

Jetzt sagt er: „Es ist eine Schande für diese angeblich so weltoffene Stadt, wie wir hier behandelt werden.“ Aus seiner Sicht müssten nun der Ordnungsdezernent und der Innenminister zurücktreten, weil sie „völlig ohne konkreten Grund die Versammlungsfreiheit eingeschränkt“ hätten.

Ganz so einfach ist es aber nicht: Mehrere Busse mit Blockupy-Teilnehmern aus anderen Städten hatte die Polizei schon auf der Anfahrt abgefangen. Wer weiß, wer sonst noch nach Frankfurt gekommen wäre, wenn die massiven Sicherheitsmaßnahmen vielleicht weniger abgeschreckt hätten. Wäre es doch zu Ausschreitungen gekommen, hätten sich nachher alle zuerst um mangelnde Sicherheitsmaßnahmen beklagt.

Auch am Rande der Abschlussdemonstration gibt es immer wieder angespannte Situationen: Einmal kommen mehrere Dutzend Polizisten in voller Montur und mit aufgezogenen Schutzhelmen aus einer Nebenstraße auf die Demonstranten zugelaufen, um sich erst kurz vor ihnen als Front aufzureihen. „Haut ab, haut ab!“, rufen die Blockupy-Teilnehmer immer wieder.

Schwarzer Block setzte sich auf die Wiese

Der so genannte Schwarze Block, vielleicht sechzig Personen, wird die gesamten drei Stunden lang von mindestens dreimal so vielen Polizisten begleitet. Teilweise rücken Ihnen die Beamten so nah auf die Haut, dass es zu kleineren Rangeleien und Schubsern kommt, denn so einfach wollen die Demonstranten vor der überpräsenten Staatsgewalt nicht zurückweichen.

Weiter vorne ist die Stimmung entspannter, Polizisten sieht man kaum, und wenn, dann in blauen Westen mit der Aufschrift „Communicator“ statt in Schutzhelmen. Hier dominieren Fahnen des globalisierungskritischen Bündnisses Attac und bunte Klamotten, Trommler-Gruppen und Fahrräder.

Nach drei Stunden sammelt sich der gesamte Demo-Zug zwischen den Gebäuden von Deutscher Bank und Europäischer Zentralbank zur Abschlusskundgebung. Auf der Bühne spielt eine Band, davor springen kleine Kinder herum. Der schwarze Block hat sich auf eine Wiese gesetzt.

Ein paar Meter weiter, im Rotlichtviertel, stehen stiernackige Männer rauchend vor ihren Erotik-Shops und Tabledance-Bars auf der leeren Straße. Und vor dem Hauptbahnhof ruft ein genervter Fahrradfahrer den Polizisten an einer der zahllosen Absperrungen zu: „Ist das jetzt endlich mal vorbei? Das nervt alles total!“

Ja, jetzt ist es vorbei. Was bleibt, ist das irritierende Bild einer Stadt, die den öffentlichen Raum großflächig und für mehrere Tage zur Hochsicherheitszone ausgebaut hat. Eine Stadt, die sich aus Angst davor, lahmgelegt zu werden, selbst lahmgelegt hat.

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