Alles oder nichts

quelle: german-foreign-policy

Wenige Tage vor dem EU-Krisengipfel Ende dieser Woche erhöht die Bundesregierung den Druck auf die krisengeschüttelten Euroländer zur Preisgabe ihrer staatlichen Souveränität. Forderungen Italiens, auch ohne Souveränitätsverlust dringend benötigte Hilfen zu bekommen, weist der deutsche Finanzminister brüsk zurück. Ähnliche Anstrengungen Spaniens hatte Berlin erst kürzlich unterbunden. Die Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Programms, das unter dem Motto, die „europäische Integration“ zu einem staatsähnlichen Eurozonen-Gebilde auszubauen, die deutsche Vormacht über den Kontinent zementieren soll – auf der Basis von Eingriffsrechten in die Staatshaushalte ökonomisch schwächerer Staaten. Weil der Machtpoker der Bundesregierung nicht nur die europäischen Krisenstaaten in die Verelendung stürzt, sondern auch die Weltwirtschaft schwer zu beschädigen droht, nehmen die Proteste gegen die Spardiktate Berlins weltweit zu. Scheitert das deutsche Va Banque-Spiel, ist selbst ein gravierender Rückschlag auf die deutsche Wirtschaft nicht ausgeschlossen.

Die Zeit drängt
Wenige Tage vor dem Brüsseler Sondergipfel zur Eurokrise spitzen sich, befeuert von der eskalierenden Krisendynamik, die nationalen Gegensätze zuwischen den stärksten europäischen Staaten weiter zu. Insbesondere die deutschen Spardiktate stoßen auf immer heftigeren Widerstand derjenigen Länder, die ihretwegen immer tiefer in die Rezession stürzen. Es sei nur noch „eine Woche“ übrig, um die Eurozone zu retten, warnte letzten Freitag der italienische Ministerpräsident Mario Monti unter Verweis auf den kommenden Gipfel.[1] Bei dem Treffen der EU-Staats- oder Regierungschefs am 28. und 29. Juni sollen zum wiederholten Male weitere Maßnahmen zur Überwindung der Krise erörtert werden.
Kampf um die Souveränität
Der jüngste Schlagabtausch in der Eurozone war von Monti eingeleitet worden, der massive Aufkäufe von Anleihen krisengeschüttelter Staaten durch die Europäische Zentralbank forderte. Die Aufkäufe sollen laut Monti automatisch einsetzen, sobald die Zinsdifferenz („Spread“) zwischen Deutschland und den Krisenstaaten einen bestimmten Schwellenwert übersteigt. Der italienische Regierungschef hofft, mit diesem Vorschlag eine Eindämmung der italienischen Schuldenkrise zu erreichen, die sich in steigender Zinsbelastung und einer fortgesetzten Rezession manifestiert. Durch unbegrenzte Anleiheaufkäufe würde Rom von sinkenden Zinsen profitieren und eine Entspannung der Schuldenkrise in Italien erreichen, ohne die mit einer Inanspruchnahme des EU-Rettungsschirmes EFSF einhergehenden Verluste staatlicher Souveränität in Kauf nehmen zu müssen. In Montis Planspiel sollten die Rettungsfonds EFSF und ESM die EZB „lediglich vor einem Teil der möglichen Verluste aus den Käufen schützen“, berichtet die Wirtschaftspresse.[2] Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kritisierte den Vorstoß umgehend, indem er darauf verwies, dass die europäischen „Rettungsfonds“ schon jetzt Staatsanleihen direkt aufkaufen können – allerdings erst nach „Vereinbarung eines entsprechenden Anpassungsprogramms“. Schäuble besteht damit auf der Einschränkung der italienischen Souveränität.
Deutschland als Profiteur
Die deutsch-italienische Episode illustriert exemplarisch die aktuellen Frontverläufe in der EU: Die Bundesregierung gewährt Unterstützung nur gegen Preisgabe von Souveränität, während die Regierungen der Krisenstaaten sich bemühen, ebendiese Einschränkungen ihrer Souveränität möglichst gering zu halten. Dabei nimmt Berlin, um den Druck zur Souveränitätspreisgabe zu erhöhen, bereitwillig eine weitere Kriseneskalation in Kauf: Bei steigender Zinslast laufe Spanien und Italien die Zeit davon, da sie sich wegen der unerträglich hohen Zinsen „kaum noch am Markt refinanzieren“ könnten, konstatiert die Wirtschaftspresse.[3] Für die Bundesrepublik hingegen bringt die Krise auch ökonomisch enorme Vorteile: Deutsche Staatsanleihen gelten als „sicherer Hafen“ in Krisenzeiten, Berlin verzeichnet folglich ein äußerst niedriges Zinsniveau. Zudem ist der Euro gegenüber anderen Währungen stark im Wert gefallen, was wiederum der deutschen Exportindustrie zugute kommt. Die Bundesrepublik hat deshalb keinerlei Interesse, die gegenwärtige Konstellation zu ändern, die Deutschlands ökonomisches Übergewicht gegenüber dem Rest der Eurozone immer weiter anwachsen lässt – jedenfalls solange die Verwerfungen an den Finanzmärkten noch kontrollierbar erscheinen. Entsprechend hat Kanzlerin Merkel am Freitag in Rom erneut ernsthafte Konjunkturmaßnahmen blockiert. Das angekündigte Konjunkturpaket im Umfang von 130 Milliarden Euro entpuppt sich als Mogelpackung: Es soll vor allem durch Umschichtungen im EU-Haushalt realisiert werden; dabei werden schon längst eingeplante Investitionsmittel etwa aus den EU-Regionalfonds schlicht umdeklariert.
Globaler Protest
Die rücksichtslose Instrumentalisierung der Krisendynamik für machtpolitische Zwecke lässt die Proteste gegen Berlin inzwischen in vielen Ländern nicht nur Europas anschwellen. Auf dem G20-Gipfel in Mexiko seien die „als engstirnig und egoistisch angesehenen Deutschen“ für die Eskalation der Eurokrise verantwortlich gemacht worden, hieß es etwa auf Spiegel Online: „Von US-Präsident Barack Obama bis zu den Regierungschefs von Indien, Brasilien, Argentinien und Russland gab es nur vernichtende Urteile über Merkels Politik, die die Weltwirtschaft in die Rezession führe.[4]“ Auch die konservative Presse sieht Deutschland in der Rolle des „Krisen-Sündenbocks“, die vor allem „angelsächsische Politiker und Medien“ an die Wand malten.[5] Tatsächlich gehen inzwischen auch eher linksliberale Medien wie der britische New Statesman zu scharfen Attacken auf die deutsche Kanzlerin über. Die Zeitschrift bezeichnete Merkel vor wenigen Tagen als derzeit gefährlichste Politikerin, die mit ihrer „Manie für Austerität“ die Welt in eine „neue Depression“ führe. Tiefe Gräben haben sich auch zwischen Washington und Berlin aufgetan, da die Eskalation der Eurokrise die US-Wirtschaft bedroht und die Wiederwahlchancen für US-Präsident Barack Obama schmälert. Auf eine erstarkende Opposition stößt Merkel zudem in Europa, wo Frankreichs neuer Präsident Hollande sich um eine gemeinsame Front mit Rom und Madrid gegen Berlin bemüht. Mitte Juni etwa beschuldigte die konservative spanische Regierung Berlin ungewohnt deutlich, die Krise anzuheizen: Wenn Deutschland „einzelne Länder den Wölfen zum Fraß vorwirft, dann wird das uns alle treffen“, warnte Außenminister José Manuel García-Margallo.[6]
Entmachtung der Peripherie
Einen Hinweis darauf, wieso die Bundesregierung ihre Isolation in Kauf nimmt, bieten die jüngsten, maßgeblich von Berlin forcierten europäischen Integrationspläne, deren Realisierung die Eurozone zu einer Art Staatsgebilde unter deutscher Hegemonie transformieren und die nationale Souveränität zumindest der schwächeren Euroländer in den Grundfesten erschüttern würde. Den Plänen zufolge wären im künftigen Eurozonen-Staat die Mitgliedsländer nicht mehr in der Lage, eigenständig Kredite aufzunehmen. Alle Ausgaben, die nicht durch eigene Einnahmen gedeckt seien, müssten bei einem zentralen EU-Gremium beantragt werden. Auf EU-Ebene würde „dann gemeinsam entschieden, welches Land in welcher Höhe neue Schulden machen darf“, heißt es in Berichten.[7] Der „Genehmigungsprozess“ solle von Vertretern der einzelnen Parlamente überwacht werden. Im Gegenzug würden gemeinsame europäische Anleihen, sogenannte Eurobonds, ausgegeben – zur Finanzierung der auf Eurozonen-Ebene genehmigten Schulden. Bislang lehnt Berlin Eurobonds ab, da sie zu steigenden Zinsen bei deutschen Staatsanleihen führten. Die neuen, über diverse Medien verbreiteten Überlegungen entsprechen Vorschlägen, die das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen bereits Ende Mai an die Öffentlichkeit trug. Unlängst griff das US-amerikanische „Wall Street Journal“ die Thematik auf. Demnach seien die neuen europäischen „Integrationsbemühungen“ Teil eines „Kurswechsels“ der deutschen Krisenpolitik; Berlin sende „starke Signale“, dass es bereit sei, „seine Einwände gegen Eurobonds aufzugeben“, wenn andere europäische Staaten „weitere Machtbefugnisse an Europa“ transferierten.[8] In der „New York Times“ erläuterte der Ökonom Jacob Kirkegaard: „Wenn die deutschen Steuerzahler für italienische Schulden haftbar sein sollen, dann müssen sie demokratische Mitsprache dabei haben, wie Italien seien Angelegenheiten regelt und deutsches Geld ausgibt.“[9] Berlin ist sich demnach durchaus bewusst, dass eine Abkehr von der desaströsen Sparpolitik ökonomisch notwendig ist, will sie aber nur unter vollständiger deutscher Kontrolle vornehmen. Über die Brüsseler Bürokratie strebt die Bundesregierung dabei nicht weniger an als die unmittelbare Aufsicht über den Kern staatlicher Souveränität der Krisenländer – ihre Haushaltsplanung.
Die Transferunion
Berlin könnte auf diesem Wege – erzwungen über seine ökonomische Verelendungsstrategie – in der Tat seine Vorherrschaft in Europa zementieren: Deutschland wäre aktuell aufgrund seines niedrigen Haushaltsdefizits von den geforderten Einschränkungen kaum betroffen; es konnte vermittels seiner gigantisch gesteigerten Leistungsbilanzüberschüsse in den letzten Jahren den eigenen Haushalt auf Kosten der Eurozone sanieren. Die extrem gesteigerte, äußerst aggressive Exportausrichtung der BRD wurde erst nach der Einführung des Euro möglich, der den Eurostaaten die Möglichkeit nahm, sich durch Währungsabwertungen der deutschen Konkurrenz zu erwehren. Verstärkend wirkten die von Rot-Grün eingeführten, berüchtigten Hartz-IV-Arbeitsgesetze, die – zugunsten des Exports – das Lohnniveau in Deutschland in Relation zu anderen Eurostaaten immer weiter absenkten. Die Exportoffensiven der deutschen Industrie, die seit der Einführung des Euro einen deutschen Leistungsbilanzüberschuss gegenüber der Eurozone von rund 800 Milliarden Euro angehäuft haben [10], haben dabei zur Eskalation der Schuldenkrise in der Eurozone maßgeblich beigetragen – denn den Leistungsbilanzüberschüssen der von einem prekarisierten Niedriglohnsektor profitierenden deutschen Exportindustrie entsprechen logischerweise Defizite vor allem der inzwischen teilweise deindustrialisierten südlichen Euroländer.
Rückschlag möglich
Der Berliner Machtpoker um die Zementierung der Vorherrschaft in Europa ist jedoch nicht ohne Risiken auch für Deutschland selbst. Einen ersten Ausblick auf mögliche Verwerfungen erlauben jüngste Konjunkturdaten. Mit ihrem Spardiktat in der Eurozone lässt die Bundesregierung auch die wichtigsten Exportmärkte der deutschen Industrie trockenlegen. So gingen im vergangenen Monat die Exportaufträge der deutschen Industrie so stark zurück wie seit April 2009 nicht mehr, als sich Deutschland mitsamt der gesamten Eurozone und einem Großteil der Weltwirtschaft in einer schweren Rezession befand. Auf rasche Abkühlung deutet auch der Einkaufsmanagerindex, der auf rezessionsverheißende 48,5 Punkte abfiel: „In den deutschen Unternehmen setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die Turbulenzen in der Euro-Zone die Geschäftsaussichten für die zweite Jahreshälfte 2012 bereits beschädigt haben“, erläutert das Markit-Institut.[11] Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Zukunftsprognosen deutscher Unternehmen erfasst, sank im Juni im zweiten Monat in Folge.
Kollateralschaden
Einen weiteren Risikofaktor stellt der instabile Finanzsektor dar. Bei weiter anhaltender Weigerung Berlins, die Konjunktur per Kreditfinanzierung zu stützen, droht eine irreversible Eskalation der Eurokrise, bei der ein kollabierendes Finanzsystem die gesamte Weltwirtschaft in eine schwere Depression stürzen würde. Die Folgen könnten die sozioökonomischen Verwerfungen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre noch übersteigen. Eine solche Krisenkaskade liefe bei Überschreiten der Belastungsgrenze des ohnehin zerrütteten Weltfinanzsystems in ungeheurer Geschwindigkeit ab, was wirksame Gegenmaßnahmen ab einem bestimmten Punkt unmöglich machen würde. Schon geringe Ereignisse wie ein Platzen der Verhandlungen beim bevorstehenden EU-Gipfel könnten einen irreversiblen Schock auslösen. Berlin spielt ein Machtspiel, bei dem es um alles oder nichts geht: Für die Krisenländer Europas steht nichts Geringeres als ihre staatliche Souveränität auf dem Spiel; für Deutschland geht es um die verfestigte Vorherrschaft über Europa. Als Kollateralschaden nimmt Berlin sogar eine Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes in Kauf.

Warum lässt man nicht das deutsche Volk über den ESM abstimmen?

gelesen bei:  wirtschaftsfacts

Die gestrige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat uns glücklicherweise vor Augen geführt, dass noch ein Fitzel an Restdemokratie in der Europäischen Union zu bestehen scheint. So schnell, wie Kanzlerin Merkel und ihre konservativ-liberale Regierung das umstrittene Vertragswerk zugunsten von Banken- und Staatsrettungen in Europa durch das deutsche Parlament winken wollten, schießen die Preußen eben doch nicht.

Eine Volksabstimmung wäre das einzige Mittel, um dem ESM eine breite Legitimation in der deutschen Bevölkerung zu verschaffen – oder eben auch nicht

In der Bankenwelt dürfte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu einer Steigerung des Unwohlbefindens beigetragen haben. Wenn man nach den Beobachtungen in den letzten Jahren auch davon ausgehen kann, dass Banken und die Finanzbranche unsere Politiker in der Tasche zu haben scheinen, so muss das noch lange nicht für die Justiz gelten. Einen Hoffnungsschimmer am Firmament stellt das gestern gefällte Urteil des Bundesverfassungsgerichts dar, auf dessen Basis sich Bundespräsident Gauck zu einem Aufschub seiner Unterschrift unter das ESM-Vertragswerk bereit erklärt hat.

Laut der BVG-Richter bestünden grundlegende verfassungsrechtliche Bedenken gegen eine Verabschiedung des ESM, die im Vorfeld geklärt werden müssten. Damit sind 500 Milliarden Euro, die für Banken- und Staatsrettungen in der Eurozone vorgesehen waren, erst einmal eingefroren. Durch die Bank- und Versicherungstürme dürfte ein eisiger Windhauch gefahren sein. Denn wie die Situation in Spanien zeigt, zieht sich die Schuldenschlinge um den Hals vieler Institute und Staatsregierungen immer enger. Aus diesem Grunde auch die Eile unter führenden Politikern in ganz Europa, um den ESM so schnell wie möglich einsatzbereit zu machen.

Doch nun wird das – ausgerechnet in Deutschland – vor der Sommerpause des Parlaments nichts mehr. Der ESM wird definitiv nicht wie geplant zum 1. Juli in Kraft treten können. An den Finanzmärkten dürfte man sich bereits auf einen heißen Sommer gefasst machen, der vor allem durch die verfahrene Situation – ob juristisch, politisch oder wirtschaftlich – in der Eurozone befeuert werden dürfte. Hinzu kommt, dass das BVG auch gegen den geplanten Fiskalpakt Einwände erhebt, da dadurch die Rechte des deutschen Parlaments ausgehebelt würden.

Vielleicht ergibt sich nach dem Urteil des BVGs nun eine willkommene Denkpause, so dass sich Vorschläge zu einer dringend notwendigen Volksabstimmung über den ESM und Fiskalpakt über den Sommer abermals Gehör verschaffen können. Denn letztendlich kann es einfach nicht angehen, dass man einer kleinen Clique von Politikern und Bankern, die am grünen Tisch im Hinterzimmer Fragen einer solchen Tragweite allein und über den Kopf der Bevölkerung hinweg bestimmen wollen, freie Hand dabei lässt.

Wie kann es überhaupt sein, dass diejenigen, die das Geld aus dem ESM am dringendsten benötigen – nämlich die Banken – ein derart großes Gewicht in Bezug auf politische Entscheidung haben. Diese Kamikaze-Banker sind echt zu allem bereit und fähig. Auch wenn das heißt, das deutsche Volk zu bankrottieren, um sich selbst zu retten – und nur darum geht es doch. Hoffen wir, dass das auch unter den Richtern des BVGs hinlänglich erkannt worden ist!

Eurorettung gescheitert – Es wird Zeit die Krise zu beenden

Charles Wyplosz, Professor für Internationale Wirtschaft beim Graduate Institute in Genf und Direktor des interantionalen Zentrums für Geld- und Banken-Studien, schreibt in einem ausführlichen Artikel bei Voxeu.org, dass die Politik der Eurorettung, welche die Politiker der Eurozone seit Mai 2010 verfolgen, grandios gescheitert ist. Es sei Zeit dies einzusehen und die Krise zu beenden.

quelle: http://de.ibtimes.com/

Wyplosz schreibt: „Die EZ-Rettungs-Strategie, die im Mai 2010 beschlossenen wurde, hat es versäumt, die Tragfähigkeit der Staatsschulden wiederherzustellen, Ansteckungen zu vermeiden oder Moral Hazards zu reduzieren.“ Eine Kehrtwendung sei deshalb notwending. Die Schulden von Griechenland, Portugal, Italien und vielleicht auch Irland, Spanien und Frankreich müssen neu strukturiert werden, damit in diesen Ländern wieder Wachstum einkehren und die Krise beendet werden kann.

Dafür sollten alle Mitglieder der Eurozone zahlen, da ihre Staats- und Regierungschefs gegen die No-Bailout-Klausel des Maastrichter Vertrages verstossen haben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, dass Deutschland den Euro nicht retten kann. Damit habe sie verdammt recht. Von Beginn der Euro-Krise war es klar, dass ein Domino-Effekt angstossen worden ist, und dass ein hoch verschuldetes Deutschland nicht den Retter in der Not spielen kann.

Alle Staats- und Regierungschefs der Eurozone, einschließlich Merkel, sind für die heutige missliche Lage verantwortlich zu machen. Die politische Entscheidung im Mai 2010, Griechenland zu „retten“ wurde offiziell als alternativlos verkauft. Die Politiker behaupteten, diese Aktion sei „einzigartig und außergewöhnlich“. „Zwei Jahre später ist es offensichtlich, dass dies ein historischer aber voraussehbarer Politik-Fehler war,“ so Wyplosz.

Die Krise hat in der Zwischenzeit mit Griechenland, Irland und Portugal drei kleine Länder verschlungen und ist nun auf dem Weg in Richtung Spanien und Italien. Frankreich könnte das nächste Opfer sein. Die öffentlichen Schulden dieser sechs Länder belaufen sich auf 200 Prozent des jährlichen BIP Deutschlands. Mit eigenen Schulden von gut 80 Prozent ist Deutschland also nie und nimmer in der Lage, den Euro zu retten.

Wyplosz fragt sich nun weiter, welche Länder es denn waren, die den Stabilitätspakt mit Füssen getreten haben und welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien.

Bereits vor der Finanzkrise 2008 hatten einige Länder der Eurozone finanzielle Schwierigkeiten. Die Grafik unten zeigt, dass Länder wie Finnland, Irland, Spanien und die Niederlanden wenig Schulden hatten, während Griechenland und Italien bereits massiv verschuldet waren. Die meisten anderen Länder, inkl. Deutschland, waren in der Grauzone.

Öffentliche Verschuldung der Euroländer 2007, Source: AMECO, European Commission

Öffentliche Verschuldung der Euroländer 2007, Source: AMECO, European Commission

Wie wir wissen, haben schwache Bankenaufsichten in Irland und Spanien dazu geführt, dass diese beiden Länder sich den „schuldigen“ Ländern anschlossen. Wäre Griechenland nicht gerettet worden, dann hätten wohl einige französische und deutsche Großbanken, die bereits durch die Finanzkrise angeschlagen waren, schwerwiegende Probleme bekommen.

Die Verhandlungen mit Griechenland um einen Teil-Haircut, die lange genug verzögert wurden, hatten diesen Banken eine Exit-Strategie ermöglicht, die es ihnen erlaubten, die meisten ihrer Bestände zu entsorgen.

Doch die öffentlichen Kosten, um diese Banken zu retten, sind gewaltig. Griechenland befindet sich in einem „nie endenden wirtschaftlichen Niedergang.“ Eine massive Arbeitslosigkeit führte dazu, dass der Widerstand in der Gesellschaft gegen die, eigentlich notwendigen Sparmaßnahmen und Reformen, so intensiv wurde, dass die Fremdenfeindlichkeit ein spektakuläres Hoch erlebt, während Parteien am linken und rechten Rand massenweise Zulauf bekommen.

Die Strategie des Mai 2010 sei nicht nur gescheitert, sondern hat uns gezeigt, dass eine 180-Grad-Wende erforderlich ist, welche leider sehr teuer wird.

Eine Reihe von Ländern werde nie imstande sein, ein nachhaltiges Wachstum unter dem Gewicht ihrer aktuellen öffentlichen Schulden zu erreichen. Dies sei für Griechenland, Portugal und Italien der Fall. Die Liste müsste wahrscheinlich noch um Irland, Spanien und Frankreich erweitert werden.

Doch warum sollten deutsche, holländische, finnische und österreichische Steuerzahler für die Lösung der Krise in den südeuropäischen Ländern bezahlen? „Weil ihre Regierungen verantwortlich sind für die katastrophale Situation, in der sie sind,“ so der Ökonom.

Der recht gut gemachte Vertrag von Maastricht hatte eine No-Bailout-Klausel, die entworfen wurde, um alle Steuerzahler der Eurozone vor der Disziplinlosigkeit anderer Länder zu schützen.

Unter Merkels Führung, wurde diese Klausel im Mai 2010 zum ersten Mal geritzt. Später wurde sie für die Rettung Irlands und Portugals und jetzt auch noch für Spanien verletzt. „Dies war ein wirtschaftspolitisches Verbrechen“, entrüstet sich Wyplosz. Damals schaute das ganze recht billig aus, zumindest unter der Annahme, dass es keine Ansteckungen geben wird.

Ein grundlegend moralisches Prinzip ist es, dass Kriminelle für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden, auch wenn sie die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht beabsichtigt hatten.

Die Steuerzahler der Eurozone sind die Opfer ihrer gewählten Regierungen. Nun stehen sie vor die Wahl zwischen dem Aufbrechen der Eurozone und weiteren Rettungsaktionen. Rettungsaktionen sind heute die günstigere Alternative, aber nicht für lange.

«Menschen wollen keine Dummköpfe sein»

hüpfen und lesen bei: infosperber

Urs Fitze / 21. Jun 2012 – Für komplexe Probleme können Menschen gemeinsame Lösungen finden. Davon war US-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom immer überzeugt.

(Red.) Es war eines der letzten Interviews von Elinor Ostrom. Der Journalist Urs Fitze konnte es am 25. April dieses Jahres telefonisch führen. Am 12. Juni starb die berühmte Politikwissenschafterin und Ökonomin 78-jährig an Krebs. Sie hatte ihr Forscherleben den Gemeingütern gewidmet, also der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen wie Wasser, Weiden, Wälder oder Luft. Für ihre bahnbrechenden Erkenntnisse erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das US-Magazin Time reihte sie 2011 unter die weltweit 100 einflussreichsten Persönlichkeiten ein.

Frau Ostrom, einer der Kernsätze Ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises heisst: Es ist besser, die Komplexität der Welt zu verstehen und einen Weg zu finden, damit umzugehen, als sie einfach zu negieren. Wie verhalten sich diesbezüglich Politiker und Wirtschaftstreibende?

Elinor Ostrom: Der Mainstream geht sicher in Richtung viel zu starker Vereinfachung, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, und das entspricht auch weitgehend der gängigen ökonomischen Lehre. Dabei ginge es zuerst einfach darum, zu akzeptieren, dass die Dinge, seien sie physischer oder psychischer Natur, eben kompliziert sind. Vereinfachungen führen allzu oft zu falschen Schlussfolgerungen.

Woran liegt das?

Schwer zu sagen. Ich kann nur als Sozialwissenschaftlerin antworten, die seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der Gemeingüter und deren Bewirtschaftung forscht und zum Schluss kommt, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, auch ausserordentlich komplexe Herausforderungen gemeinschaftlich zu meistern. Über viele Jahre wurden meine Forschungsergebnisse von den meisten Kollegen aus der Wirtschaftswissenschaft praktisch ignoriert. Es wurde einfach behauptet, die Menschen seien nicht in der Lage, gemeinsam Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten. Man sprach von der Tragödie der Allmende, dem gemeinschaftlich bewirtschafteten Boden, und behauptete, sie gehe an den überhöhten Ansprüchen der Nutzer zugrunde. Gleichzeitig hielt man an Modellen fest, die von dieser falschen Annahme ausgingen und kam zu Lösungen, die stets darauf hinausliefen, entweder den Staat oder die private Wirtschaft als lenkende Kraft anzurufen.

Hat sich mit Ihrem Nobelpreis etwas an dieser Missachtung geändert?

Ich und meine Kollegen werden jetzt sicher verstärkt wahrgenommen. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Ein anderes Schlüsselwort Ihrer Nobelpreis-Rede heisst Vertrauen. Warum ist Vertrauen so wichtig?

Weil man ohne gegenseitiges Vertrauen nicht zusammenarbeiten kann. Die gemeinsame Nutzung von Weiden in den Schweizer Alpen konnte nur über so lange Zeiträume funktionieren, weil die Menschen bereit waren zur Zusammenarbeit – und weil sie einander vertrauten. Vertrauen gibt es aber nicht einfach als Vorschuss. Vertrauen muss man sich erarbeiten, und Vertrauen kann nur wachsen, wenn man gemeinsam Regeln definiert, Spielräume absteckt und auch dafür sorgt, dass es Sanktionen für jene gibt, die sich nicht daran halten.

Aber wie wird man jener Herr, die nur das Ausplündern von Gemeingütern im Kopf haben?

Wenn ich die Ressourcen nicht übernutzen soll, muss ich tatsächlich darauf vertrauen können, dass der andere sie auch nicht übernutzt. Wenn ich mich gut verhalte, der andere aber nicht, bin ich schlicht ein Dummkopf, wenn ich mich nicht zur Wehr setze. Und Menschen wollen keine Dummköpfe sein. Man hat in meiner Wissenschaft immer angenommen, dass man den Staat braucht, die grossen Männer mit den Gewehren, die uns befehlen, was wir in solchen Angelegenheiten zu tun und zu lassen haben. Doch dem ist nicht so. Ich habe überall auf der Welt Beispiele gefunden, die zeigen: Die Menschen finden ihren eigenen Weg, um Gemeingüter zu verwalten. Sie definieren ihre Regeln, so dass sie auch über lange Zeiträume funktionieren und flexibel genug sind. Dann wächst auch das Vertrauen.

Es ist nicht der Staat, es ist nicht die Wirtschaft, es braucht etwas dazwischen, wenn Gemeingüter nachhaltig bewirtschaftet werden sollen, lautet die Kernbotschaft Ihrer Forschung. Dieses Etwas ist komplex, es muss verhandelt und entwickelt werden. Gibt es so etwas wie eine ideale Lösung?

Nein, es gibt keine ideale Lösung, es gibt auch keinen Modellfall. Das ist die Erkenntnis, mit der wir leben müssen und aus der es Lehren zu ziehen gilt. Ich kann Ihnen von vielen Beispielen erzählen, die ganz unterschiedliche Lösungen mit sich bringen. Sie funktionieren, aber eben nur in diesem Einzelfall. Ein Modell lässt sich daraus nicht ableiten. Wir können einzig den Rahmen definieren, die wichtigsten Bedingungen, die es einzuhalten gilt. Umsetzen müssen die Menschen das selbst in der Form, die zu ihrer Gemeinschaft passt. Wir müssen diese Vielfalt anerkennen und darauf aufbauen, um die Verschiedenheit der Welt bewältigen zu können. Es gibt jenseits von Staat und Markt die institutionelle Vielfalt. Dort liegt die Lösung.

Lassen sich Erkenntnisse, die Sie aus der gemeinsamen Bewirtschaftung von Allmenden im Wallis gewonnen haben, auf die aktuellen Klimaverhandlungen übertragen, bei denen es um die Bewirtschaftung der Atmosphäre geht?

Ja und nein. Natürlich lässt sich die Lösung, wie sie im Walliser Bergdorf Törbel entwickelt wurde, nicht einfach für ein globales Problem übernehmen, ja nicht einmal auf die Gegebenheit im Talgrund des Wallis, wo man andere Modelle entwickelt hat. Aber die Grundsätze bleiben stets dieselben: Es geht um klare Grenzen zwischen Nutzniessern und jenen, die nicht beteiligt sind, Kosten und Nutzen müssen sich für alle gleich die Waage halten. Entscheidungen sind gemeinschaftlich zu treffen und es braucht eine wirksame Überwachung. Natürlich sind die Klimaverhandlungen extrem schwierig zu führen und Lösungen nur sehr mühsam, wenn überhaupt, zu erreichen. Ich plädiere deshalb auch dafür, den lokalen und den globalen Weg zu gehen, um Gemeingüter wie die Atmosphäre zu verwalten. Wenn man sich auf globaler Ebene nicht finden kann, heisst das ja nicht, dass Kommunen oder lokale Gemeinschaften nicht selbst etwas unternehmen sollten, um die Klimagas-Emissionen zu reduzieren. Es geht letztlich doch auch darum, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern etwas zu tun. Im Idealfall mag es gelingen, vernetzte Strukturen zu entwickeln, in die die verschiedenen Beteiligten auf allen Ebenen eingebettet werden.

Können globale Probleme an der Basis gelöst werden?

Ich glaube schon. Nichts zu tun wäre sicher die schlechteste Lösung. Und wir haben aus der Geschichte genügend Beispiele, bei denen es gelungen ist, Gemeingüter über lange Zeiträume gemeinschaftlich zu verwalten, ohne damit die Grundlagen einer Gesellschaft und deren Wirtschaft zu zerstören.

Welche organisatorische Form eignet sich am besten für die Verwaltung von Gemeingütern?

Da gibt es für mich keine Präferenzen, das hängt vom Einzelfall ab, vom Verlauf der Gespräche, die die Betroffenen miteinander führen.

Wie können global tätige Grossunternehmen in die Verwaltung von Gemeingütern integriert werden?

Da sehe ich grundsätzlich keine unüberwindbaren Hindernisse. Es gibt ja schon heute einige Grossunternehmen, die aus eigener Einsicht damit begonnen haben, ihren Energieverbrauch zu reduzieren. Damit schaffen sie selbst die besten Voraussetzungen, sich in die gemeinschaftliche Nutzung der Atmosphäre zu integrieren. Grösse schliesst Teilhabe nicht aus. Und in gewisser Weise lässt sich auch ein grosser Konzern als Gemeinschaft beschreiben, die einen Weg finden muss, Allmendegüter so zu nutzen, dass sie auch auf lange Sicht erhalten bleiben.

Soziale Unternehmer möchten das Geschäft und gesellschaftliches Engagement in Einklang bringen. Was halten Sie davon?

Ich sehe einiges Potenzial. Aber so richtig etabliert haben sich die sozialen Unternehmer noch nicht, und der Beweis, dass sie mehr sind als eine vorübergehende Erscheinung, steht für mich noch aus. Die sozialen Unternehmer müssen ihren Platz erst noch finden.

Das Konzept des Social Business könnte doch der Schlüssel sein zur Lösung vieler Probleme.

Da wäre ich zurückhaltend. Nicht, weil Social Business keine gute Sache wäre, aber, wie schon gesagt: Die Dinge sind sehr komplex. Für mich haben soziale Unternehmer einen wichtigen Platz im Gefüge, aber es ist letztlich wie mit anderen Organisationsformen: Es sind die beteiligten Menschen, die entscheiden sollen, welchen Weg sie gehen. Diese Selbstverwaltung kann viele Formen annehmen, und auch ein soziales Unternehmen kann eine sehr gute Lösung sein.

Nochmals zum grossen Ganzen: Die Welt schlägt sich heute mit Problemen wie Klimawandel, Hunger, Armut und Ungleichheit herum, dringlicher denn je. Als Einzelner sieht man sich überfordert. Brauchen wir nicht den grossen Wurf, die grosse Lösung?

Sie meinen eine Art Weltkonsens oder Weltregierung? Nein, das halte ich für nicht machbar, weil es nicht funktionieren kann und letztlich auch nicht durchsetzbar wäre. Denn von oben nach unten lässt sich nichts durchsetzen, und sei es noch so gut gemeint: Das zeigen unsere Forschungsergebnisse eindrücklich.

Und von unten nach oben?

Das ist wesentlich vielversprechender. Wir müssen es nur versuchen und bereit sein, uns auseinanderzusetzen. Und die Mächtigen müssen uns lassen.

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Das Interview mit Elinor Ostrom ist leicht gekürzt. Vollversion unter www.brotimtank.org. Sie erscheint im August auch in einem Buch über Genossenschaften.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

 

Spanien: Schuldenlawine aus klammen Regionen

nein, wer hätte das gedacht……

gelesen bei: cash

Spaniens Pleite-Regionen drohen zu einer Zeitbombe für den Zentralstaat und den maroden Bankensektor des Landes zu werden.

Der Schuldenberg aller Regionen von Andalusien bis Katalonien ist Anfang des Jahres auf schwindelerregende 145,1 Milliarden Euro angestiegen – das sind 13,5 Prozent der Wirtschaftsleistung des EU-Landes. Die Schuldenlawine ist alles andere als ein lokales Problem. Sie droht Banken wie auch den Zentralstaat zu überrollen. Denn viele Institute haben Anleihen der Regionen in ihren Büchern, die ausfallen und damit Milliardenlöcher in die Bilanzen reißen könnten. „Im schlimmsten Fall werden die Bonds nicht mehr bedient – dann müssen die Banken bluten“, warnt Spanien-Experte Alessandro Giansanti von der Großbank ING.

Investoren zögern

Zugleich hat Regierungschef Mariano Rajoy mit dem lange hinausgezögerten Hilferuf in Brüssel zur Rettung der Banken dem Zentralstaat in gewisser Weise einen Bärendienst erwiesen: Denn die zugesagten Hilfen für die maroden Institute in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro schlagen voll auf die Schuldenstandsquote durch. Sie dürfte bis Ende des Jahres auf 90 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen. Diese Aussicht schreckt Investoren ab und lässt Spanien wegen der hohen Risikoaufschläge am Anleihenmarkt bereits als Kandidaten für den großen Euro-Rettungsschirm erscheinen.

Fast ein Drittel des horrenden Schuldenbergs der 17 autonomen Regionen hat mit Katalonien das wirtschaftliche Kraftzentrum des Landes angehäuft. Am Markt muss die katalanische Regionalregierung für zweijährige Anleihen mittlerweile höhere Kapitalkosten schultern, als Investoren von dem von EU und IWF vor der Pleite geretteten spanischen Nachbarn Portugal verlangen. Da sich auch die Bonität des spanischen Zentralstaats nach der jüngsten Herabstufung durch Moody’s nur noch knapp über Ramsch-Status hält, können auch Staatsgarantien die Kreditkosten der Regionen kaum noch schmälern. Ein von Madrid ausgetüftelter Plan, die Regionen mit sogenannten „Hispanobonds“ von der Kreditwürdigkeit des Zentralstaats profitieren zu lassen, ist seit Spaniens Herabstufung durch Moody’s weitgehend obsolet.

Letzter Ausweg Schuldenschnitt

Die Bonitätswächter von Fitch gehen zugleich davon aus, dass die Schulden der Regionen noch auf 17 Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung anwachsen werden. In ihrer Not könnten die Regionen die Reißleine ziehen und ihre Schulden umstrukturieren. Die Banken müssten als Halter umlaufender Anleihen dabei die stärksten Einbußen verkraften. Zum Bezahlen ihrer Rechnungen sind die Regionen teilweise bereits auf Milliarden-Kredite der staatlichen Agentur ICO angewiesen. Trotzdem bleiben viele Rechnungen zwischen Sevilla und San Sebastian vorerst liegen – von der Straßenreinigung bis hin zu Arzneimittel-Lieferungen. Doch dieses Durchwursteln können sich die Regionen nicht mehr lange erlauben, wollen sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verspielen. Falls der Zentralstaat ihnen nicht helfen sollte und die Regionen teure Bankkredite verschmähen, bleibt ihnen als letzter Ausweg wohl nur noch ein Schuldenschnitt.

Das ist der Giftschrank der EZB

EZB in Frankfurt: In der Krise SOS-Stelle und Notausgang für vieles und viele.
quelle: cash.ch

Wieder einmal blicken alle in der Euro-Schuldenkrise gebannt nach Frankfurt: Die EZB soll es im schlimmsten Fall richten, falls die Märkte nach der Griechenland-Wahl ausser Rand und Band geraten sollten.

EZB-Chef Mario Draghi versicherte Banken und Finanzmärkten am Freitag, dass seine Zentralbank bereit sei, noch mehr Liquidität ins Finanzsystem zu pumpen, sollte es zum großen Knall kommen.

Zwar streiten sich Fachleute und auch die Notenbanker darüber, wie effektiv, nachhaltig und sinnvoll weitere Eingriffe der Geldpolitik sein könnten. Fest steht aber: die EZB verfügt als einzige Institution über einen gut gefüllten und theoretisch sofort verfügbaren Instrumentenkasten, um angeschlagenen Banken unter die Arme zu greifen, Institute im Falle eines Bank-Runs mit neuem Geld zu schützen und durch ihre Finanz-Feuerkraft wenigsten für eine begrenzte Zeit wieder für Ruhe an den Börsen zu sorgen.

LIQUIDITÄTSSALVEN FÜR DAS FINANZSYSTEM

Vor dem Wahlsonntag in Athen verdichten sich die Hinweise, dass die großen Notenbanken der Welt gemeinsame Sache machen und die Märkte mit Geld fluten könnten. Eine solche konzertierte Aktion der Zentralbanken gab es schon einmal – Anfang Oktober 2008, kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, als weltweit die Finanzströme zu versiegen drohten. In der aktuellen Krise rund um die Überschuldung Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder hat bislang nur die britische Notenbank angekündigt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzminister in London ihren Bankensektor zum Schutz vor aus Griechenland überschwappenden Problemen mit 100 Milliarden Pfund fluten will. Am Freitag sorgte die Aussicht auf eine gemeinsame Intervention der Zentralbanken zunächst für bessere Stimmung an den Märkten.

SENKUNG DES LEITZINSES UNTER EIN PROZENT

Aktuell steht der Leitzins der EZB bei einem Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger. Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab – schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

ABSENKEN DES EINLAGEZINSSATZES AUF NULL

Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftkreislauf zu geben, könnte die EZB den sogenannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch Geld dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

WEITERE LANGFRIST-REFINANZIERUNG DER BANKEN

Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent. Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei den wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

WEITERE ERLEICHTERUNGEN FÜR DAS BANKENSYSTEM

Damit den Banken die Sicherheiten nicht ausgehen, die diese als Pfand bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank stellen müssen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um gezielter zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

ERNEUTER START DER STAATSANLEIHENKÄUFE

Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht seit drei Monaten, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden. Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

ZUSÄTZLICHER KAUF ANDERER WERTPAPIERE

Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute deutschen oder österreichischen Banken vorzuziehen.

WEITERE REDUZIERUNG DER MINDESTRESEVEANFORDERUNG

Theoretisch kann die EZB auch ihre Anforderungen an die Mindestreserve der Banken, die diese bei ihr halten müssen, absenken. Sie hat dies um den Jahreswechsel bereits getan und den Satz ihrer gesamten Einlagen, den jede Geschäftsbank bei ihr parken muss, von zwei auf ein Prozent halbiert. Dadurch hatte sie damals eine Summe von rund 100 Milliarden Euro für die Banken freigemacht. Ein solcher Schritt würde es für Banken in Südeuropa, die wohl am ehesten unter einer Kapitalflucht leiden würden, leichter machen, Mittel flüssig zu halten.

Notenbanken sind für Griechen-Wahl ………..gewappnet !

gelesen bei: http://www.rentner-news.de/

Die Griechen wählen am Sonntag eine neue Regierung und entscheiden gleichzeitig über ihre Zukunft im Euro oder der Drachme. Die Banken weltweit sind für alle Eventualitäten gewappnet.

Die wichtigsten Notenbanken der Welt haben sich bereits auf schwere Marktturbulenzen nach der Wahl in Griechenland vor. Die Zentralbanken stehen für eine koordinierte Aktion zur Stabilisierung der globalen Finanzmärkte bereit.
Um eine Kreditklemme zu verhindern, bereiteten sich die Notenbanker auf eine Versorgung der Finanzmärkte mit Liquidität vorbereitet. Der Ausgang der Parlamentswahl in Athen könnte Experten zufolge das Ende des Euros in Griechenland sein, sollten sich die Spar- und Reformgegner aus dem linksradikalen Lager durchsetzen. Gestern bekräftigte Syriza-Parteichef Alexis Tsipras die EU-Hilfsbedingungen nach seinem Wahlsieg zu annullieren.
Weltweit laufen die Vorbereitungen für den Ernstfall unter dem Namen „Grexit“. Die Finanzminister der Euro-Zone wollen am Sonntagabend in einer Telefonkonferenz über das Ergebnis der Wahl beraten. Die Hauptsorge ist das Risiko von grösseren unkontrollierten Kapitalabflüssen, sollte sich die radikale Linkspartei Syriza durchsetzen, sagte ein Vertreter der Euro-Zonen. Im schlimmsten Fall könnte es zu einem sogenannten Bankensturm kommen, wenn Bankkunden ihre Konten plündern und ihr Geld ins Ausland bringen oder unter der Matratze verstecken.  In der Folge würde das griechische Bankensystem zusammen brechen.
Um schweren Marktreaktionen entgegenzuwirken, sind auch Währungsinterventionen möglich.
Die Börse in New York (NYSE) wollte von den gelisteten Unternehmen im Aktienindex S&P 500 wissen, wie sie sich auf den Extremfall, dem Auseinanderbrechen der Euro-Zone, vorbereitet haben. Laut der „Financial Times“ wurde am Mittwoch eine E-Mail mit detaillierten Fragen an die Unternehmen verschickt.
Auch Japan könnte eingreifen und ihre Währungen schwächen, sollten Anleger auf der Suche nach einem sicheren Hafen den Wert des Yen in die Höhe treiben.
Ein G20-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag, abhängig von der Heftigkeit der Reaktionen könnte am Montag oder Dienstag ein Krisentreffen von Ministern der Gruppe der sieben grössten Industriestaaten (G7) angesetzt werden. Per Telefon könnten dann auch die Notenbankpräsidenten zugeschaltet werden.