Schuldentoleranz

quelle: http://www.journal21.ch/

Warum macht unsere Generation mehr Schulden als alle früheren?

Von David Brooks, New York (mit einem Zusatz von Jörg Thalmann, Brüssel)

Jede Generation macht Schulden. Jede Generation hat einen Anreiz, sich Geld aus der Zukunft zu borgen, um es für sich selber auszugeben. Aber keine Generation hat das in einem Ausmass getan wie die unsrige. Warum?

Frühere Generationen lebten in permanenter Unsicherheit. Ohne moderne Medizin und Technologie und ohne den uns rundum sichernden Wohlfahrtsstaat. Eine Krankheit, eine Trockenheit, eine Wirtschaftsrezession, und ich fiel in die Misere. Und sie entwickelten einen Horror vor hohen Schulden, welche ihre Verwundbarkeit noch verstärkt hätten.

Unser Leben ist besser und sicherer geworden, und damit hat unsere Abneigung gegen Schulden abgenommen. Kreditkarten verführen die Leute, sich mehr zu verschulden. Politiker entdecken, dass sie mit geborgtem Geld Wahlen gewinnen konnten. Die Menschen fühlen sich behaglicher mit Schulden.

Heute leben wir in einem Zeitalter von Verschuldung. Dreimal in den letzten fünfzehn Jahren platzten zwei Schuldenblasen, die Internet- und die Hypothekenblase und jetzt droht das Platzen der dritten, der Staatschulden- und Bankenblase.

In den USA hat die Regierung allein in den letzten vier Jahren mehr als 6 Billionen Dollar geliehen, um den Auswirkungen der beiden ersten Blasen zu begegnen. Die Bundesstaaten kämpfen mit Pensionsversprechen, die sie nie hätten machen dürfen. Europa steht am Rand des Kollapses weil seine Regierungen nicht mehr wissen wie sie aus ihren Schulden herauskommen sollen. Schulden von 90% des jährlichen Bruttosozialprodukts sind die Grenze, wo sich das Wachstum verlangsamt und der Wohlstandlahmt; in der ganzen Welt stehen Staaten an dieser Grenze Punkt oder nähern sich ihr.

Alles das hat mit der wachsenden Schuldentoleranz zu tun.

1) Sinngemässe Übersetzung von Jörg Thalmann

Zusatz von Jörg Thalmann

Diese erste Hälfte eines Artikels des Kolumnisten David Brooks erschien in der International Herald Tribune vom 6.Juni. In der zweiten hier nicht mehr abgedruckten Hälfte beschäftigt er sich mit einer Wahl im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, welche betreffend Sensibilität der Wähler für die Schuldenmentalität symptomatisch sein und ein „Signal“ aussenden werde, ob sie harte Massnahmen zur Reduktion von Defiziten akzeptieren oder nicht.

(Die Wähler haben in seinem Sinn entschieden: Sie haben die von den Demokraten mittels Referendum erstrebte Abberufung des republikanischen Gouverneurs Scott Walker abgelehnt, der ihnen die Kürzung vieler Staatsausgaben zumutete und damit ein Defizit von 3,6 Milliarden Dollar in einen Überschuss von 150 Millionen verwandelte.)

In der hier abgedruckten Einleitung zeigt Brooks, dass die Finanzkrise nicht nur mit Finanzen zu tun hat sondern mit einem psychologischen Wandel in unserer Gesellschaft gegenüber allen früheren Epochen der Menschheit. Seit es Geld gibt, machen Menschen Schulden, aber früher hatten sie eine Heidenangst vor grossen Schulden. Heute nicht mehr, die Sicherheit vor Natur- und menschlichen Katastrophen, welche uns die moderne Technologie und Medizin gebracht hat, hat unsere Abneigung gegen das Schuldenmachen stark vermindert, oft existiert sie gar nicht mehr.

Die Finanzkrise, das ist die Quintessenz dieser grundsätzlichen Betrachtung, ist nicht nur ein Finanzproblem und kann nicht nur mit finanz- und währungspolitischen Mitteln bewältigt werden: Es braucht auch eine wachsende Einsicht und Veränderungsanstrengungen gesellschaftlicher und psychologischer Art. Wir müssen eine neue psychologische Grenze fürs Schuldenmachen finden und die Schuldentoleranz auf ein nachhaltig erträgliches Mass abbauen. (JTH)

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