Vernunft und Macht

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von Axel B.C. Krauss

Vernunft und Macht: Newtonsche Europamechanik

Wenn Machtpragmatismus später kommt als die nächste S-Bahn

Wer wissen möchte, warum  Europa momentan auf ein Dunkles Zeitalter zuzumarschieren scheint, der lese bei einem der klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts nach, dem britischen Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead. „Das erste Dämmerlicht glänzender Epochen wird jedesmal wieder vom massiven Obskurantentum der menschlichen Natur überschattet. Dieses Obskurantentum ist der Trägheitswiderstand, den die praktische Vernunft mit ihren jahrmillionenalten methodischen Gewohnheiten den Einmischungen durch die vergleichsweise neue Gewohnheit der Spekulation entgegensetzt. Es ist tiefer in der menschlichen Natur verwurzelt als jedes sonstige Interesse. Es ist bei Wissenschaftlern nicht weniger stark ausgeprägt als bei Geistlichen, und bei Akademikern und Geschäftsleuten ebenso anzutreffen wie bei den Angehörigen anderer Schichten“.

Im nächsten Satz liefert Whitehead eine mögliche Antwort auf die Frage, warum trotz aller gegenläufigen realwirtschaftlichen Daten die herrschende EU-politische Elite sich beharrlich uneinsichtig zeigt, wenn es um die Erkenntnis der Krisenursachen und ihre entschlossene Bewältigung geht: „Obskurantentum ist die Weigerung, frei über die möglichen Begrenztheiten traditioneller Methoden zu spekulieren. Ja noch mehr: es ist die Weigerung zu glauben, dass solche Spekulationen wirklich wichtig werden können, das Herumreiten auf ihren möglicherweise gefährlichen Nebenwirkungen. Vor einigen Generationen war die Geistlichkeit – oder genauer: ein nicht unbeträchtlicher Teil der Geistlichkeit – der Repräsentant des Obskurantentums. Aber inzwischen sind – durch ihre achtbaren Verdienste auch im Schlechten groß geworden – die Wissenschaftler an ihre Stelle getreten“.

Aber die aktuelle Schieflage Europas hat doch nichts mit Wissenschaft zu tun? Im Gegenteil, denn der Glaube, eine Vielzahl unterschiedlicher Völker mit teilweise stark differierenden ökonomischen, politischen, weltanschaulichen, mentalitätsgeschichtlichen, kurz: kulturgenetischen Charakteristika zwangsweise angleichen, verschmelzen, auf eine vorgezeichnete politische und planwirtschaftliche Linie bringen zu können, scheint mir im Wesentlichen dem Primat eines politisch adaptierten, dabei allerdings oft auch missverstandenen und stark reduzierten sowie trivialisierten naturwissenschaftlich-technischen Weltverständnisses und -gestaltungswillens geschuldet zu sein, einem „Szientismus“ – in diesem Fall vielleicht besser: sich als Ultima Ratio selbst überschätzenden „Politizismus“ –, dessen Alternativlosigkeit und Überlegenheit im Sinne eines bereits erreichten Maximums an zivilisatorischer Selbstkontrolle und -beherrschung aber noch lange nicht  ausgemacht ist. Bevor es Missverständnisse gibt: Ich stelle selbstverständlich nicht die zahlreichen großartigen Errungenschaften moderner Wissenschaft in Frage. Ich flöte auch kein neoromantisch-esoterisches, quasireligiös-ökologistisches „Zurück auf die Bäume“; das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen, sollte man Leuten überlassen, die sich (nicht selten aus intellektueller Überforderung vor der Komplexität der modernen Lebenswelt) in ihren grünen Luftschlössern verbarrikadiert und den Schlüssel dem Juchtenkäfer übergeben haben. Ich frage mich lediglich, ob das, was heute gemeinhin als politische „Vernunft“ gilt, diesen Namen überhaupt verdient.

Man sollte sich wirklich einmal fragen, inwieweit die aktuelle Krise nicht auch einer geistes- und ideengeschichtlichen Not- und Extremsituation (im Sinne Husserls) oder, wenn man denn bei Whitehead bleiben will, Prozessgeschichtlichem geschuldet ist, einem eventuellen Überhang oder – so paradox es zunächst klingen mag – einer „kultischen Überhöhung“ einer instrumentellen, angeblich von vormodernen Mythen befreiten Vernunft, in der tatsächlich aber noch ein gut Teil „moderner Mythologie“ steckt.

Dass so manche Kritiker der aktuellen finanzpolitischen Dauerschrauberei der EU schon öfter scherzhaft von „Voodoo-Ökonomie“ sprachen, kommt nicht von ungefähr. Denn oftmals haben die in großer Eile aufgetragenen Kosmetika und hurtig zusammengerührten Wundsalben eher den Charakter einer Druidenrezeptur denn durchdachter Maßnahmen, sie ähneln mehr Zaubertränken als vernunftbestimmten Lösungsstrategien.  Man könnte mit Blick auf die Planwirtschaftsspiele nicht nur auf EU-, sondern auch nationalpolitischer sowie ökologischer Ebene fast schon von einem „Newtonschen Politizismus“ sprechen. Oder eben Newtonschem Ökologismus. Ein solches mehr oder weniger ingenieurwissenschaftliches Modell von der Funktionsweise menschlicher Gesellschaften ist jedoch, wie sich nun – wieder einmal – mehr und mehr herausstellt, unhaltbar. Auch die Ersatzreligion Sozialismus beruhte im Wesentlichen auf einem deterministischen Geschichtsbild beziehungsweise der Vorstellung eines prädeterminierten Geschichtsverlaufs und den daraus folgenden falschen soziologischen und ökonomischen Schlüssen – mit wohlbekanntem Ergebnis. Es scheint, dass der Westen sich über den angeblichen Untergang von Sozialismus und Kommunismus zu früh gefreut hat. Ein Blick nach Brüssel genügt.

Es wäre allerdings unfair, spräche EU-Kritik immer nur von politischem Versagen. Schließlich haben dort auch international tätige Konzerne ihre Finger im Spiel, der Filz aus politischer und großindustrieller Korruption ist mittlerweile schier undurchdringlich geworden. Steffen Krug (Institut für Austrian Asset Management) bezeichnete die EU daher sehr treffend auch als „merkantilistische Plutokratie“. Fernab aller Spekulationen über historisch Unaufgearbeitetes beziehungsweise zu wenig Reflektiertes, das in den sich allmählich wieder verdichtenden „Großmannsträumen“ von einer einheitlichen, zentralen Planbarkeit der Welt und aller menschlichen Belange durchzubrechen scheint, ließe sich auch viel einfacher festhalten: Eine solch großdimensionierte Konzentration von politisch-dirigistischer Macht im Verbund mit Konzern- und Lobby-Interessen kann eigentlich nur zu Missbrauch führen. Bei allem, was man dem vielgescholtenen Ronald Reagan auch vorwerfen kann – er brachte diese Problematik auf den Punkt: „Konzentrierte Macht ist immer der Feind der Freiheit“.  Schade allerdings, dass er nicht fähig oder willens war, aus dieser richtigen Erkenntnis die überfälligen Konsequenzen auch für sein eigenes Land zu ziehen.

Und der Irrsinn scheint kein Ende zu nehmen, sondern sich im Gegenteil noch zu beschleunigen. Kaum offenbart zum Beispiel die so genannte „nachhaltige“ (was auch immer dieses Zauberwort, dieses unablässig gebrauchte, verbale Beschwörungsritual im Einzelnen konkret bedeuten mag) Energiewende ihre Kosten (sprich: drastische Mehrbelastungen der Steuerzahler), was macht man? Man kabbelte sich bereits – kein Witz – über „Sozialstrom“. Frei nach „Hartz IV“ könnte es demnächst also „Sozialstrom VI“ geben. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, ob der büro- und sozialtechnokratische Moloch eigentlich noch anderes zu tun hat, als sich bis zum Platzen (= nächster Staatsbankrott) selbst zu füttern. Frei nach Monty Python: Ein Gesetzesentwurf geht doch bestimmt noch rein …

Immer deutlicher zeigen sich die Folgen der sowjeteuropäischen Umverteilungs- und Enteignungspolitik. So mancher Leser wird sich bestimmt die Augen gerieben haben angesichts des auf handelsblatt.com erschienenen Artikels „Deutschlands Nahverkehr steht vor dem Kollaps“. Völlig unmöglich. Kann doch nicht sein. Nichts als Panikmache. Das ist Deutschland. Stärkste Volkswirtschaft der Zone. Solche Probleme gibt es höchstens in den sündenbockigen, unfähigen, faulen, korrupten, spar- und reformunwilligen Südländern, aber doch nicht bei uns. Tja: Man muss nur lange genug hart erwirtschaftetes Geld mit vollen Händen einem gouvernemental (im Sinne Foucaults) pervertierten Traum opfern – es wird dann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Folgen sich auch in den solideren, vermeintlich unerschütterlichen Geberländern zeigen. Die größenwahnsinnigen Planbarkeitsphantasien unserer Eliten stoßen nun sehr unsanft an ihre Grenzen. Und das dürfte erst der Anfang sein. Die so genannten „Untergangspropheten“ scheinen recht behalten zu haben, was ihre unermüdlichen Warnungen vor den unkalkulierbaren Risiken vieler politischer Entscheidungen betrifft. Siehe eben erwähnter „Sozialstrom“. Gesellen sich noch einige andere Risiken dazu – Spanien, demnächst mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Italien als „Rettungskandidaten“ – sowie diverse Fehlentwicklungen im Renten-, Gesundheits-, Bildungs- und Infrastrukturbereich, dürfte es sehr eng werden, was den finanziellen Gestaltungsspielraum betrifft.

„Die Funktion der Vernunft besteht darin, dass sie die Kunst zu leben fördert“, so Alfred N. Whitehead im ersten Kapitel seines Werkes „Die Funktion der Vernunft“. Im Augenblick erreicht sie – zumindest das, was sich auf machtpragmatischer Ebene als solche geriert – eher das Gegenteil.

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