Gurkentruppe stürzt über Trojanisches Pferd

quelle: www.rottmeyer.de

(von Frank Meyer)

Da steht es, das trojanische Pferd – mitten auf dem Flur. Es war so groß, dass sogar der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages nun darüber gestürzt ist – wenige Tage nach der Bundestagsentscheidung zum Rettungsmonster ESM…

Es soll nun doch versteckte Risiken geben, meldet die WAZ-Gruppe und bezieht sich auf die schlaue und etwas langsam arbeitende Wissenschaftstruppe im Bundestag. Das Lesen des ESM-Vertrages hätte wahrscheinlich geholfen. Aber, welch glücklicher Zufall, dass das erst jetzt aufgefallen ist. Die Sache unter den Teppich zu kehren, wäre dringend angebracht, aber das Pferd ist zu groß und die Schläuche längst verlegt. Die Absaugstutzen passen.

Bald öffnen sich die Schleusen, um finanzielle Überschüsse, wenn überhaupt vorhanden, aus der deutschen Staatskasse in die Pumpstation ESM zu saugen – um dann im Süden des Kontinents verregne zu werden- außer, das Bundesverfassungsgericht stoppt alles noch, was einem Wunder gleichkäme.

Bei der Expertise aus dem Wissenschaftlichen Rat handelt sich um ein vertrauliches Dokument. Oha! Das war eigentlich nicht nötig. Die Experten hätten nur den ESM-Gesetzentwurf lesen müssen. Dort stand alles drin. Musste schnell gehen, denn der Euro war angeblich in Not und die Urlaubszeit nahe. Demnächst wird man vielleicht sogar im Geheimen darüber staunen, dass der ESM eine verschwiegene, geheime und anonyme Black-Box ist. Top Secret!

Wer im Vorfeld auf die Geheimnisse des ESM hingewiesen hat, wurde als Euroskeptiker und Anti-Europäer verschrien. Nun ist es zu spät. Wenn bei „Operationen“ des ESM Verluste auftauchen, kann das Stammkapital schnell wieder ausgeglichen werden. Deutschland mit seinen 27 Prozent Stimmrechtsanteil könne sich “letztlich gegen einen Kapitalabruf nicht sperren“. Na dann operiert mal los, Ihr Euroretter. Manche freuen sich heute schon, bald Millionär zu sein. Vielleicht klappt das.

Unsere Politiker haben den Weg frei gemacht – für südeuropäische Gefilde – auch wenn das Wetter zu wünschen übrig lassen wird. Und wenn Herr Brüderle wieder am Rednerpult im Bundestag steht und dann fragt: „Wer hat`s gemacht?“ könnten die Ja-Sager im Bundestag gemeinsam rufen – „Wir haben`s gemacht!“

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Strychnin und Schokolade

quelle: der Freitag

A–Z Olympia

Die Olympischen Spiele beginnen.

Strychnin und Schokolade

Foto: AFP/Imageforum

A

Ausgestorbene Disziplinen

Softballspieler haben keinen Zutritt zum Olympischen Dorf mehr. Ihre Sportart, eine Baseball-Variante, wurde vom IOC gestrichen. Und Baseball gleich mit. Das ist lange keiner Disziplin mehr passiert. Zum letzten Mal, 1936, erwischte es Polo.

Ein solcher Ausschluss hat vor allem mit der Popularität einer Sportart zu tun, auch mit ihrer Attraktivität für die Zuschauer. 1904 bei den Spielen in St. Louis etwa gab es den Kopfweitsprung. Dabei hüpfte der Sportler ins Wasser und durfte dort keine Schwimmbewegungen machen, bis er an die Oberfläche kam. Dann wurde die Weite gemessen. Ähnlich spektakulär für das Publikum: das Unterwasserschwimmen 1900 in Paris. Der damalige Goldmedaillengewinner tauchte erst nach mehr als einer Minute und 60 Metern wieder auf. So kamen viele Disziplinen nur zu einmaligen olympischen Ehren: Pferdeweitsprung, Motorbootrennen oder auch Taubenschießen – mit echten Tauben, versteht sich. Mark Stöhr

D

Doping

Es ist von den Spielen nicht wegzudenken, und auch 2012 wird die Kritik am Testsystem nicht abreißen. Die verbotene Leistungssteigerung ist so alt wie die Spiele selbst. Stierblut und Alkohol bescherten den Athleten in der Antike Wettbewerbsvorteile. Der Marathon-Gewinner von 1904 nahm mit Strychnin angereicherten Brandy ein; Kokain war damals ebenfalls verbreitet. 1960 kippte der dänische, mit Amphetaminen vollgestopfte Rennfahrer Knud Jensen vom Rad. Er ist das erste und einzige bestätigte olympische Dopingtodesopfer.

Alle des Dopings überführten Sportler aufzuzählen, darunter zahlreiche Medaillengewinner, , wäre freilich müßig. Zu ihrer hohen Zahl trug auch die Gründung der World Anti-Doping Agency bei, die dafür sorgt, dass man sie entdeckt. Sportler bemängeln allerdings, sie würden ob der strengen Kontrollen unter Generalverdacht gestellt. Und der für seine hohen ethischen Standards bekannte Fußballfunktionär Joseph Blatter sieht gar eine Hexenjagd am Werk. Tobias Prüwer

E

Exoten

Was wäre das „Treffen der Jugend der Welt“ ohne seine „Exoten“? Oder sollte man besser sagen: ohne seine Lachnummern? Es ist viel Heuchelei im Spiel, wenn Sportler wie der Kenianer Phil Boit oder Éric Moussambani aus Äquatorialguinea für ihre Olympiateilnahme beklatscht werden. Boit ging 1998 in Nagano beim Skilanglauf an den Start und wurde 92. von 92 Startenden. Éric Moussambani paddelte 2000 in Sydney auf den 100 Metern Freistil mühsam ins Ziel und gilt bis heute als schlechtester Olympionike in dieser Disziplin. Man reichte geschäftig die Geschichte herum, dass er erst acht Monate zuvor Schwimmen gelernt habe.

Die „Exoten“ erinnern das Medien- und Markenevent Olympia an sein altes Amateurversprechen. Und die Schlauen unter ihnen vermarkten ihr Exotentum. Wie der Brite „Eddie the Eagle“, der vielleicht schlechteste Skispringer aller Zeiten. Er verdiente nach seiner sehr kurzen Landung 1988 in Calgary geschätzt mehr als eine halbe Million Euro. MS

I

Ideal

Während die einen ihre gestählten Körper im Schweiße des Angesichts zur Schau stellen, machen es sich die anderen mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher bequem. Ein unwillkommener Nebeneffekt: Repräsentative Sportveranstaltungen können Gefühle der körperlichen Mangelhaftigkeit auslösen. Dazu besteht eigentlich kein Grund. Denn das Begehren nach vollkommener Kontrolle des muskulösen und athletischen Körpers à la Antike ist historisch geformt: Zahlreiche Analysen haben seit Leni Riefenstahls Film Olympia von 1936 die Idee eines idealen Olympia-Körpers als eines der zentralen Instrumente der NS-Ideologie enttarnt. Will man nicht wirklich. Deshalb kann man sich getrost über den Schnitzelfriedhof streicheln und Gedanken an potenzielle Trainingseinheiten beiseite schieben. Juliane Löffler

Idol

1972 war ich gerade 13 Jahre alt, frisch im Schwimmverein und hatte von Politik wenig Ahnung. Mark Spitz (➝ Schicksalsjahr ’72) wurde mein Idol. Einen Schwimmer wie ihn hatte es noch nicht gegeben, er gewann sieben Goldmedaillen, jede mit neuem Weltrekord. Das Poster, das ihn in einer Stars-and-Stripes-Badehose mit dem gesammelten Gold auf der Brust zeigt, ein Verkaufshit in den USA, zierte bald auch meine Zimmerwand. Direkt nach Olympia zog er sich aus dem Profisport zurück, was sollte er auch noch mehr erreichen? Hollywood klopfte an, aber mehr als ein paar Fernsehauftritte gab es nicht. Sein Comebackversuch vor Olympia 1992 scheiterte, vorhersehbar. Trotzdem sollte es 36 Jahre dauern, bis sein Medaillenrekord durch Michael Phelps gebrochen wurde. Jutta Zeise

J

Jesse Owens

Seine Teilnahme war schon im eigenen Land umstritten. Natürlich zeigten sich auch Hitler und Adjutanten (➝ Propaganda) not amused, zusehen zu müssen, wie der Mann durchstartet, ein schwarzer Student aus Columbus, Ohio, 22 Jahre alt. Er holte im August 1936 in Berlin erst Gold im 100-Meter-Sprint, dann im Weitsprung, schließlich in zwei weiteren Disziplinen.

Jesse Owens war der überragende Athlet der Spiele, die Zuschauer im Stadion feierten ihn. War er wirklich ein Sieger? Sein Leben danach war kaum ruhmreich. Die (weiße) Spitze der US-Gesellschaft ließ den Star abblitzen. Manche Sportfunktionäre weigerten sich, seine Leistungen anzuerkennen: die falsche Rasse. Hotels wiesen ihn und seine Frau ab. Er wurde zum tragischen Helden: Bei Spektakeln rannte er mit Pferden um die Wette. Mit Pferden! In den 1960ern erinnerte man sich wieder an Owens, gab ihm Werbeverträge. Er nahm sie alle an. So sehr er auch in die Kameras lächelte, sein Blick zeigte die Wunde. Maxi Leinkauf

K

Kleidervorschrift

Im antiken Griechenland waren die männlichen Athleten teilweise nackt, aus praktischen oder homoerotischen Gründen. Denn Frauen mussten leider draußen bleiben. Was Vorgaben der heutigen Zeit angeht: Laut einer 1996 erlassenen Kleidervorschrift sollen die Höschen der Frauen beim olympischen Beachvolleyball hübsch knapp sein; nur sieben Zentimeter breit, so die Vorgabe, durften sie an der Hüfte sein.

Nun hat der Volleyballweltverband den Bikinizwang gelockert: Shorts und Tops sind fortan auch erlaubt. Als Grund für die Regeländerung wurde nicht die Einsicht angegeben, dass die alte Regel sexistisch war, sondern Respekt vor religiösen Gebräuchen. Da nimmt es nicht Wunder, dass Saudi-Arabien erstmals zwei Frauen an Olympischen Sommerspielen teilnehmen lässt – allerdings im Judo und im 800-Meter-Lauf. TP

M

Medaillenspiegel

Olympische Disziplinen wie Kugelstoßen oder Gewichtheben nimmt man sonst kaum zur Kenntnis. Das mag an ihrer Robustheit liegen. Bei Olympia ist das jedoch anders. Schon weil die deutschen Teilnehmer in der Regel nicht so schnell laufen und so hoch springen können wie die anderen, dafür aber weit werfen und schwer stemmen, vielleicht noch gut schwimmen und reiten, fiebern wir mit No-Name-Nischensportlern mit, wegen des Medaillenspiegels. Denn der kommt im Leistungsvergleich der Länder gleich nach der Bruttoinlandsprodukt-Bilanz. Und siehe da, Deutschland liegt im ewigen Ranking auf Platz drei – dank der unzähligen Siege übrigens von DDR-Sportlern. MS

P

Propaganda

Sport und Politik, so hört man bisweilen, passen angeblich nicht zusammen. Das ist aber falsch, wie die olympische Geschichte zeigt. Sie ist gespickt mit propagandistischen Heimsuchungen. Schon die Idee des nach Nationalzugehörigkeit geordneten Wettkampfs zeugt davon. Boykotte – schon 1896 riefen deutsch-nationalistische Kreise zum Olympia-Boykott auf – sind da noch ein mildes Mittel. Berüchtigt ist Berlin 1936 (➝ Jesse Owens), als die Nazis „arische“ Überlegenheit demonstrieren wollten.

Als 1968 zwei US-200-Meter-Läufer während der Siegerehrung Fäuste in die Luft streckten und so die Black-Power-Bewegung international bekannt machten, wurden sie nach Hause geschickt.

Auf dem Gipfel des olympischen Terrors – auch hier wurde der Sport für politische Zwecke benutzt – wurden in München elf israelische Sportler ermordet (➝ Schicksalsjahr‘ 72). In Atlanta zündete ein Rassist 1996 eine Bombe, zwei Menschen starben, 111 wurden verletzt. TP

S

Schicksalsjahr ’72

Ach, wie verehrte ich als Jugendliche diesen Mark Spitz mit seinen sieben goldenen Schwimm-Medaillen (➝ Idol)! „Zehn Tage lang“, hält mein Tagebuch am 11. September 1972 fest, „ging alles gut, Deutschland heiter und bemüht, die Spiele von 1936 vergessen zu machen. Selbst Rhodesien ist kein Thema mehr.“ Dann der Anschlag und Schluss mit lustig. „Alle Welt empört sich über diese ‚verabscheuungswürdige Tat‘, Staatsmänner aus aller Welt erwarten etwas. Was eigentlich?“ Das Tagebuch rapportiert die sich überschlagenden Ereignisse und fragt: „Ist der olympische Friede im Eimer?“

Zwischenfälle bei den Siegerehrungen: Zwei amerikanische Sprinter protestieren gegen Flagge und Hymne; Pakistan fällt durch skandalöses Verhalten auf, die USA erscheinen nach dem umstrittenen Sieg der UdSSR im Basketball erst gar nicht. Am Ende die Frage vieler damaligen Jugendlichen: „Warum wurden die Spiele nicht abgebrochen?!“ Ulrike Baureithel

Schokolade

Woran ich denke, wenn ich an Olympia denke? An Sport. Selbstverständlich zuerst an Ritter Sport Olympia. Diese Füllung aus Haselnüssen und einer Creme aus Joghurt, Traubenzucker und Honig – diese Sorte vermittelt einem das Gefühl, man tue sich was Gutes. Ich weiß, ich klinge wie ein bezahlter Werbeträger. Bin ich aber nicht. Die Sorte war Segen meiner Kindheit, Trost in der Jugend, Beruhigung im Studium, Stress-Stopper im Job. Vor wenigen Jahren hieß es, Olympia würde aus dem Sortiment genommen. Ich war im achten Monat schwanger und verzweifelt. Ich schrieb denen eine flehende E-Mail. Wenige Wochen später sah ich die goldene Glitzerschoki wieder in den Regalen stehen, das Leben hatte wieder Sinn. Und als Schwangere sagt man sich: „Ha, gut gemacht!“ Die Tochter hat dann aber doch einen anderen Namen bekommen. Stefanie Leimsner

Z

Zivilisierung

„Dabei sein ist alles“ mag heute das Grundverständnis der Spiele sein, mit dem olympischen Geist der Antike hat es aber wenig zu tun. Bei den alten Griechen zählte nicht das Dabeisein, sondern einzig und allein der Sieg. Zweit- und Drittplatzierte wurden nicht prämiert, eigentlich nicht einmal wahrgenommen. Dem glücklichen Sieger winkte dagegen ein erfülltes Leben. Statt der Goldmedaille gab es den Olivenkranz als Zeichen der Göttlichkeit, in seiner Heimatstadt wurden ihm lebenslang Unterkunft und Verpflegung gestellt.

Für die nicht so Erfolgreichen konnten die Spiele dagegen tödlich enden. Faustkampf und Ringen wurden bis zum bitteren Ende ausgefochten, mehrfach starben Athleten im Ring. So gesehen haben die Spiele der Neuzeit vielleicht an Nervenkitzel eingebüßt, dafür aber an Humanität gewonnen. Sebastian Triesch

Athen 2004 Wie die Olympischen Spiele Griechenland ruinierten

Schulden, Ruinen und gebrochene Versprechen: Jetzt, wo alle nach London schauen, ist in Griechenland die Misere des Olympia-Erbes erschreckend zu erkennen.

quelle: zeitonline

© Angelos Tzortzinis/AFP/GettyImages

Olympia-Anlage in Athen, Juni 2012Olympia-Anlage in Athen, Juni 2012

Leonidas Galanos hat die Bilder noch vor Augen: die bunten Fahnen und die glitzernden Lichter, die vielen fröhlichen Menschen, die berauschende Eröffnungszeremonie, das grandiose Feuerwerk. Für die Olympischen Spiele hatte sich Galanos extra Urlaub genommen, über 2.000 Euro investierte er in Eintrittskarten, von morgens bis abends war er in den Stadien und Sporthallen. „Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen“, sagt der 41-Jährige. Aber der Sommer 2004, als Athen die Welt zu den Olympischen Spielen begrüßte, liegt eine kleine Ewigkeit zurück.

„Das ist vergangen, für immer vorbei“, sagt Leonidas Galanos. Wie er blicken jetzt viele Griechen wehmütig nach London. 2004: Das war das Jahr der Griechen. Erst der Gewinn der Fußball-Europameisterschaft, dann die friedlichen, fröhlichen Spiele von Athen, die trotz aller Unkenrufe dank des sprichwörtlichen griechischen Improvisationstalents, der cleveren Last-Minute-Lösungen und der traditionellen hellenischen Gastfreundschaft zum Erfolg wurden. Die Welt blickte auf Athen.

Acht Jahre später macht Griechenland wieder Schlagzeilen – als ein gescheiterter Staat, als ein Krisenland, das vor dem Absturz in die Pleite steht. Wenn Leonidas Galanos heute über das Olympia-Gelände im Athener Stadtteil Maroussi geht, packen ihn Trauer und Wut. Nur ab und zu irren einige Neugierige über das riesige Areal. Viel zu sehen gibt es da auch nicht. Die Wasserspiele sind versiegt. Viele Bäume, die für die Spiele gepflanzt wurden, sind längst verdorrt, weil sich niemand um die Bewässerung kümmert. Die Toilettenhäuschen sind verriegelt. Nicht mal eine Erfrischungsbude gibt es. Verdorrtes Unkraut überall. Der Wind wirbelt Staubfahnen auf. „Es ist eine Schande, ein Verbrechen“, sagt Leonidas Galanos. Keine Spur von dem Freizeitpark, den die Athener Olympia-Strategen einst versprachen. Hoch ragt der Zehnmeterturm des Schwimmstadions auf. Hinunterspringen sollte man nicht – im Becken ist kein Wasser.

An der kühnen Stahlkonstruktion des spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava, die das Glasdach des Olympiastadions trägt, nagt der Rost. Ab und zu finden hier Erstliga-Fußballspiele statt. Dann demolieren die griechischen Fans meist die Plastikstühle, hinterlassen Zerstörung, Müll und Chaos. Der olympische Geist: In Maroussi hat er sich längst verflüchtigt.

So trostlos wie hier sieht es acht Jahre nach den Spielen an den meisten Olympiastätten in Athen aus. Nicht einmal die Hälfte der Bauten wird genutzt. Die Mehrzahl steht leer, verrottet allmählich. Wer von Irini („Frieden“), wie der Haltepunkt der Athener Vorortbahn am Olympiastadion heißt, den Zug nach Süden nimmt, kommt nach rund 20 Minuten zur Station Faliron. In diesem Athener Küstenvorort befand sich der zweite große Brennpunkt der Spiele. Heute ist dies die wohl trostloseste Küste Griechenlands. Freibäder, Liegewiesen, Radwege und einen ökologischen Park müsste es hier eigentlich geben. So war es in der Olympia-Planung vorgesehen. Nichts davon wurde verwirklicht.

Das Areal ist eine staubige, verwahrloste Einöde. Nachts kippen hier im Schutz der Dunkelheit Lastwagen illegal Bauschutt und Sperrmüll ab. Einige Roma-Familien hausen in selbst gezimmerten Verschlägen auf dem Gelände. Die Anwohner nennen es die Sahara. Wie das Gerippe eines toten Tieres ragt die Stahlgitterkonstruktion des Beachvolleyball-Stadions aus dieser Wüste auf. Kaum etwas verdeutlicht das Versagen der griechischen Politik und die Misere des Olympia-Erbes so bedrückend wie diese 24 Hektar Land bei Faliron. Man muss nicht bis nach Barcelona fahren, um sich auszumalen, was man aus diesem Küstenstreifen hätte machen können.

Wenn man von Faliron nach Süden blickt, sieht man in der Ferne den Kontrollturm des alten Athener Flughafens Ellinikon. Seit über elf Jahren ist dort kein Flugzeug mehr gelandet, aber die Schilder hängen noch: Domestic Departures, International Arrivals. Nicht mal für die Sommerspiele von 2004 hat man sich die Mühe gemacht, die verrosteten Wegweiser abzumontieren. Damals erwachte das Flughafengelände für drei Wochen zu neuem Leben. Auf einem Teil des Vorfelds wurden in einem künstlich angelegten Wildwasser Kanu-Wettbewerbe ausgetragen, in einem umgebauten Flugzeughangar spielte man Basketball. Aber seit dem Ende der Spiele ist das 600 Hektar große Gelände wieder eingezäunt und menschenleer.

„Den größten Park Europas“ versprach 2001 der damalige Premier Kostas Simitis hier anzulegen. Darauf warten die Athener immer noch vergeblich. In einer Ecke des Rollfelds vergammeln mehrere Flugzeugwracks der längst aufgelösten Staatslinie Olympic Airways – Symbole des Niedergangs eines ganzen Landes.

Immerhin verdanken die Athener den Spielen von 2004 ihren neuen Flughafen bei der Ortschaft Spata. Und auch die moderne Ringautobahn hätte es ohne die Spiele wohl ebenso wenig gegeben wie die neue S-Bahn oder die Straßenbahn, die vom Syntagmaplatz zur Küste des Saronischen Golfs fährt. Ansonsten aber ist von den Spielen wenig geblieben – außer einem riesigen Schuldenberg.

Das Budget für die Spiele betrug ursprünglich 4,6 Milliarden Euro. Tatsächlich wurden es nach offiziellen Angaben 11,2 Milliarden Euro. Unabhängige Schätzungen gehen sogar in eine Größenordnung von 20 Milliarden Euro. Olympia 2004 ist den Griechen zum Verhängnis geworden. Nachdem das Haushaltsdefizit 2002 noch bei erträglichen 3,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gelegen hatte, schoss die Quote im Olympiajahr auf 7,5 Prozent. Binnen einem Jahr stieg die Staatsverschuldung von 182 auf 201 Milliarden Euro. Damit war der Weg Griechenlands ins Schuldendesaster vorgezeichnet.

Der Olympia-Fan Leonidas Galanos wollte übrigens nach London fliegen, um wenigstens die Eröffnungsfeier mitzuerleben. Diesen Plan hat er aufgeben müssen. Die Krise hat auch ihn eingeholt. Vor einem halben Jahr verlor er seinen Job als Verkaufsleiter bei einem Athener Möbelhaus. Das Unternehmen meldete Insolvenz an. Jetzt bekommt Leonidas Galanos 360 Euro Arbeitslosengeld im Monat. Für die Reise nach London reicht das nicht.

Wer kämpft in Syrien?

quelle: voltaire-net

von Thierry Meyssan

Während die westliche Presse die Freie Syrische Armee [FSA] als eine revolutionäre Armee darstellt, sagt Thierry Meyssan seit mehr als einem Jahr, dass es sich im Gegenteil um eine konterrevolutionäre Aufstellung handelt. Ihm zufolge wäre sie allmählich aus den Händen der reaktionären Golfmonarchien zur Türkei übergegangen, die für die NATO handelt. Solch eine gegenströmige Behauptung benötigt einer begründeten Demonstration…

Voltaire Netzwerk | Damaskus (Syrien) | 26. Juli 2012

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Seit 18 Monaten ist Syrien das Opfer von Unruhen, die nicht aufgehört haben zuzunehmen, um ein großer bewaffneter Konflikt zu werden, der bereits den Tod von etwa 20.000 Menschen verursacht hatte. Wenn es auch Konsens über diese Feststellung gibt, divergieren darüber hinaus die Erzählungen und Interpretationen.

Für die westlichen Staaten und ihre Presse würden die Syrer eine westliche Lebensart in einer Markt Demokratie anstreben. Den tunesischen, ägyptischen und libyschen Modellen des „arabischen Frühlings“ folgend hätten sie sich aufgelehnt, um ihren Diktator Baschar Al-Assad zu stürzen. Dieser hätte die Demonstrationen im Blut unterdrückt. Während der Westen gewünscht hätte zu intervenieren um das Massaker zu stoppen, hätten sich die Russen und Chinesen aus Berechnung oder aus Menschenverachtung der Intervention widersetzt.

Stattdessen hätten die Vereinigten Staaten für alle Staaten, die nicht von den USA zu Vasallentum reduziert wurden und für ihre Presse eine Operation gegen Syrien gestartet, die von lange her geplant war. Zuerst durch ihren regionalen Verbündeten, und dann direkt, hätten sie nach dem Vorbild der Contras von Nicaragua bewaffnete Banden infiltriert, die das Land destabilisierten. Jedoch hätten sie dort nur eine sehr geringe interne Unterstützung gefunden und eine Niederlage erlitten, während die Russische Föderation und China die NATO verhindert hätten, die syrische Armee zu zerstören und das regionale Gleichgewicht zu brechen.

Wer hat Recht? Wer täuscht sich?

Die bewaffneten Gruppen in Syrien verteidigen nicht Demokratie,
sie bekämpfen sie

Zunächst ist die Interpretation der syrischen Ereignisse als eine Episode des „arabischen Frühlings“ eine Illusion, denn dieser „Frühling“ ist keine Realität. Es ist ein Werbeslogan um unterschiedliche Fakten positiv darzustellen. Wenn es auch in der Tat eine populäre Revolte in Tunesien, Jemen und Bahrain gab, war es in Ägypten oder Libyen nicht der Fall. In Ägypten beschränkten sich die Straßenproteste auf die Hauptstadt und eine bestimmte Mittelschicht, niemals, absolut niemals aber spürte sich das ägyptische Volk von dem auf dem Tahrir Platz sich abrollenden Fernsehspektakel betroffenen [1]. In Libyen gab es keine politische Revolte sondern eine separatistische Bewegung von der Kyrenaika gegen die Macht von Tripolis und dann das militärische Eingreifen der NATO das ca. 160.000 Menschen das Leben kostete.

Das libanesische Fernsehen NourTV war bei der Verbreitung einer Fernsehserie von Hassan Hamade und Georges Rahme mit dem Titel „Arabischer Frühling, von Lawrence von Arabien bis zu Bernard-Henri Lévy“ sehr erfolgreich. Die Autoren entwickeln die Idee, dass der „Arabische Frühling“ ein Remake von der „arabischen Revolte“ von 1916-1918 sei, welche von den Briten gegen die Osmanen orchestriert wurde. Diesmal hat der Westen jedoch die Situationen manipuliert, um eine Generation von Führungskräften zu stürzen und die Muslimbruderschaft aufzudrängen. In der Tat ist der „Arabische Frühling“ eine lügnerische Werbung. Von nun an werden Marokko, Tunesien, Libyen, Ägypten und der Gaza-Streifen von einer Bruderschaft regiert, die einerseits eine moralische Ordnung auferlegt, und andererseits den Zionismus und den pseudoliberalen Kapitalismus unterstützt, d.h. die Interessen Israels und der Angelsachsen. Die Illusion hat sich in Luft aufgelöst. Einige Autoren, wie etwa der syrische Said Hilal Alcharifi, verspotten jetzt schon den „NATO Frühling.“

Zweitens sind die Führer von dem syrischen nationalen Rat (SNR) sowie die der Freien syrischen Armee (ASL) keine Demokraten, in dem Sinne, dass sie für „eine Regierung des Volkes durch das Volk, für das Volk“ wären, nach der Formel von Abraham Lincoln, die in der französischen Verfassung aufgegriffen wurde.
So war der erste Präsident des SNR der Pariser akademische Burhan Ghalioun. Er war in keiner Weise „ein syrischer durch das Regime verfolgter Gegner “ da er in seinem Land frei unterwegs war. Er war kein „säkularer Intellektuelle“ wie er behauptete, er war der politische Berater von dem algerischen Abbassi Madani, Präsident von der islamischen Wohlfahrt-Front (IWF), der jetzt im Katar Zuflucht gefunden hat.
Sein Nachfolger, Abdel Basset Syda [2], ist erst in den letzten Monaten in die Politik eingestiegen und hat sich sofort als einfacher Ausführer der US-Willen gezeigt. Nach seiner Wahl an die Spitze des SNR, hat er sich eingesetzt, nicht den Willen seines Volkes zu verteidigen, sondern den „Roadmap“ zu implementieren, den Washington für Syrien vorbereitet hatte: The Day after.
Die Kämpfer der FSA sind auch keine Demokratie-Aktivisten. Sie anerkennen die spirituelle Autorität des Scheich Adnan al-Arour, ein takfiristischer Prediger-Ideologe, der zum Sturz und zum Tod von Bashar al-Assad aufruft, und zwar nicht aus politischen Gründen, sondern nur weil er Alawit ist, d.h. in seinen Augen ein Häretiker. Alle identifizierten Offiziere der FSA sind Sunniten und alle Brigaden der FSA tragen Namen von sunnitischen historischen Persönlichkeiten. „Revolutionäre Gerichte“ von der FSA verurteilen ihre politischen Gegner zum Tod (und nicht nur Anhänger von Baschar Al-Assad) und vergreifen sich an Ungläubigen, denen sie in aller Öffentlichkeit den Hals abschneiden. Das ASL-Programm soll dem säkularen, von der Baath Partei, dem PSNS und den Kommunisten installierte Regime ein Ende setzen, zugunsten eines reinen sunnitischen sektiererischen Regimes.

Der syrische Konflikt wurde vom Westen vorsätzlich geplant

Die westliche Bereitschaft Syrien ein Ende zu machen ist bekannt, und sie reicht aus, um die aktuellen Ereignisse zu erklären. Wir rufen ein paar Fakten in Erinnerung, die keinen Zweifel für den Vorsatz der Ereignisse erlauben [3].

Der Krieg gegen Syrien wurde von Präsident George w. Bush bei einem Treffen in Camp David am 15. September 2001, kurz nach den spektakulären Anschlägen in New York und Washington beschlossen. Es wurde geplant, gleichzeitig in Libyen und Syrien einzugreifen, um die Handlungsfähigkeit auf doppeltem Einsatzgebiet zu zeigen. Diese Entscheidung wurde durch ein Interview des General Wesley Clark, oberster ex-Kommandeur der NATO bezeugt, die er nicht teilte.

Im Zuge des Sturzes von Bagdad im Jahr 2003 verabschiedete der Kongress zwei Gesetze, die dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Anweisung zur Vorbereitung eines Krieges gegen Libyen und einen anderen gegen die Syrien (Syria Accountability Act) gaben.

Im Jahr 2004 hat Washington Syrien beschuldigt, Massenvernichtungswaffen zu verstecken, die man nicht im Irak finden konnte. Diese Anklage ist im Sande verlaufen, als es klar wurde, dass es diese Waffen nie gegeben hatte und nur ein Vorwand war, um im Irak einzumarschieren.

Im Jahr 2005, nach der Ermordung von Rafik Hariri, versuchte Washington Krieg gegen Syrien zu machen, aber es nicht zustande brachte, da Syrien seine Armee aus dem Libanon zurückzog. Die Vereinigten Staaten schufen dann falsche Zeugenaussagen, um Präsident Al – Assad als Drahtzieher des Angriffs zu beschuldigen und haben ein internationales Ausnahme- Tribunal geschaffen um ihn zu verurteilen. Aber sie wurden schließlich gezwungen, ihre falsche Anklage zurückzuziehen, nachdem ihre Manipulationen ans Licht kamen.

Im Jahr 2006 begannen die Vereinigten Staaten die „syrische Revolution“ vorzubereiten, indem sie das Syria-Democracy-Program erstellten. Es ging darum, prowestliche Widerstandsgruppen zu erstellen und zu finanzieren (wie bei der Bewegung für Gerechtigkeit und Entwicklung). Zur offiziellen Finanzierung vom State-Departement kam eine geheime Finanzierung von der CIA über einen kalifornischen Verein, das Democracy Council.

Noch in 2006 haben die Vereinigten Staaten mit Israel als Subunternehmen einen Krieg gegen den Libanon ausgelöst, in der Hoffnung Syrien darin zu verwickeln und um eingreifen zu können. Aber der rasche Sieg der Hisbollah brachte diesen Plan zum Scheitern.

Im Jahr 2007 griff Israel Syrien an und bombardierte eine militärische Einrichtung (Operation Orchard). Aber auch da behielt Damaskus seine Beherrschung und ließ sich nicht in einen Krieg ein. Nachfolgende Audits von der Internationalen Atomenergie-Organisation [AIEA] zeigten, dass es sich nicht um einen Kernkraft Ort handelte, im Gegensatz zu dem, was von den Israelis geltend gemacht wurde.

Im Jahr 2008 an der Tagung, die die NATO jährlich unter dem Titel Gruppe von Bilderberg organisiert, erklärten die Direktorin der arabischen Reform Initiative [Arab Reform Initiative], Bassma Kodmani, und der Direktor der Stiftung Wissenschaft Und Politik, Volker Perthes, kurz dem euro-amerikanischen Gotha die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Vorteile einer möglichen Intervention der Allianz in Syrien.

Im Jahr 2009 hat die CIA die Syrien bestimmten Werkzeuge der Propaganda aufgebaut, wie der BaradaTV-Sender mit Sitz in London, und OrientTV mit Sitz in Dubai.

Zu diesen historischen Elementen fügen wir hinzu, dass ein Treffen in der zweiten Februar Woche von 2011 in Kairo stattfand, mit John McCain, Joe Lieberman und Bernard-Henry Levy, mit libyschen Figuren wie Mahmoud Jibril (dann Nummer 2 der libyschen Regierung) und syrischen Persönlichkeiten wie Malik al-Abdeh und Ammar Qurabi. Es ist dieses Treffen, das das Signal der geheimen Operationen gab, die zugleich in Libyen und Syrien (15. Februar in Bengasi und am17. in Damaskus) begannen.

Im Januar 2012 bildeten die US Außen- und Verteidigungsministerien die Arbeitsgruppe The Day After. Supporting a democratic transition in Syria [Am Tag danach. Unterstützung von einen demokratischen Übergang in Syrien], die sowohl eine neue Verfassung für Syrien als auch ein Regierungs-Programm schrieb  [4].

Im Mai 2012 erstellten die NATO und der GCC die Working Group on Economic Recovery and Development of the Friends of the Syrian People [Arbeitsgruppe für wirtschaftliche Erholung und Entwicklung der Freunde des syrischen Volkes], unter deutschem und der Vereinigten Arabischen Emirate Ko-Vorsitz. Der syrisch-britische Ökonom Ossama el-Kadi bereitete eine Aufteilung der syrischen Ressourcen zwischen den Mitgliedstaaten der Koalition vor, die am „Tag danach“ angewendet werden sollte (d. h. nach dem Sturz des Regimes durch die NATO und die CGC)  [5].

Revolutionäre oder Konterrevolutionäre?

Die bewaffneten Gruppen stammen nicht aus den friedlichen Protesten von Februar 2011. Diese Proteste prangerten tatsächlich Korruption an und forderten größere Freiheiten, während die bewaffneten Gruppen, die wir oben gesehen haben, vom Islamismus kommen.

In den letzten Jahren trat eine schreckliche Wirtschaftskrise am Land ein. Es waren Missernten, die zu Unrecht als vorübergehend betrachtet wurden, während sie die Folgen von langfristigen Klimaveränderungen waren. Dazu kamen Fehler bei der Umsetzung der Wirtschaftsreformen, die den primären Sektor gestört haben. Es folgte eine starke Landflucht, der die Regierung standzuhalten wusste, und eine sektiererische Bewegung von einigen Bauern die von der Regierung vernachlässigt wurden. In vielen Regionen waren die ländlichen Häuser nicht in Dörfern konzentriert, sondern verstreut als isolierte Bauernhöfe, und niemand hatte das Ausmaß des Phänomens erkannt, bis sich seine Anhänger versammelten.

Während die syrische Gesellschaft das Paradigma der religiösen Toleranz verkörpert, entwickelte sich letztlich in ihrem Inneren eine Takfiristen-Ideologie. Sie hat die Grundlage für bewaffnete Gruppen bedeutet. Sie wurden reichlich von den Wahhabiten Monarchien (Saudi-Arabien, Katar, Sharjjah [6]) finanziert. Diese Manna wurde der Sammelpunkt neuer Kämpfer, unter denen man die Verwandten der Opfer der massiven Unterdrückung des blutigen, misslungenen Staatsstreichs der Muslimbruderschaft von 1982 findet. Ihr Motiv ist oft weniger ideologisch als persönlich. Es ähnelt der Vendetta.
Durch das leicht gewonnene Geld angezogen, kamen viele Schläger und gewöhnliche Kriminelle hinzu: Ein „Revolutionärer“ ist 7-mal besser bezahlt als das durchschnittliche Gehalt.
Schließlich sind Berufsleute, die in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien oder Irak gekämpft haben dazu gekommen. In erster Linie die der Al Qaida aus Libyen, unter der Führung von Abdelhakim Belhaj persönlich [7]]. Die Medien präsentieren sie als Dschihadisten, was unangebracht ist, weil der Islam keinen Heiligen Krieg gegen gleichgesinnte Mohammedaner unternimmt. Es sind vor allem Söldner.

Die westliche Presse und der Golfstaaten bestand auf das Vorhandensein von Deserteuren in der FSA. Dies ist sicher, aber es ist falsch, dass sie nach der Weigerung, politische Demonstrationen zu unterdrücken, übergetreten wären. Die Deserteure gehören fast immer zu dem Fall, den wir bereits erwähnt haben. Darüber hinaus hat ein Heer von 300.000 Mann notwendigerweise immer unter sich religiöse Fanatiker und seine Handlanger.

Die bewaffneten Gruppen verwenden eine syrische Flagge mit einem grünen Streifen (statt dem roten Band) und mit drei Sternen (statt zwei). Die westliche Presse nennt es „die Fahne der Unabhängigkeit“, weil sie zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1946 in Kraft war. In Wirklichkeit ist es die Flagge des französischen Mandates, die während der formalen Unabhängigkeit des Landes (1932 – 1958) in Kraft blieb. Die drei Sterne repräsentieren die drei Glaubens-Kreise des Kolonialismus (Alawiten, Drusen und Christen). Diese Flagge zu verwenden ist sicherlich kein revolutionäres Symbol. Vielmehr bedeutet es das koloniale Project zu verlängern, das des Sykes-Picot-Abkommens von 1916 und des Umbaus des „Größeren mittleren Ostens“.

In den 18 Monaten der bewaffneten Aktion haben sich diese bewaffneten Gruppen strukturiert und mehr oder weniger koordiniert. Im aktuellen Zustand haben sich die allermeisten unter das türkische Kommando, mit der Etikett der freien syrischen Armee [FSA] gestellt. In der Tat sind sie Proxys der NATO geworden, das Hauptquartier der ASL ist sogar in der Air Base der NATO von Incirlik installiert. Die härtesten Islamisten bildeten ihre eigenen Organisationen oder sind der al-Qaida beigetreten. Sie stehen unter der Kontrolle des Katar oder der Zweigniederlassung Sudeiri der saudischen Königsfamilie [8]. De facto sind sie an die CIA angefügt.

Dieser progressive Aufbau, der mit armen Bauern beginnt und einem Zustrom von Söldnern endet, ist identisch mit dem, was man in Nicaragua kannte, als die CIA die Contras gegen die Sandinisten organisierte, oder was man in Kuba erlebt hatte, als die CIA die Schweinebuchtinvasion organisierte, um die Castristen zu stürzen. Es ist genau dieses Modell, das die syrischen bewaffneten Gruppen heute beanspruchen: im Mai 2012 haben die kubanischen Contras in Miami Trainings-Seminare der konterrevolutionären Guerilla für ihre syrischen Kollegen organisiert  [9].

Die Methoden der CIA sind überall die gleichen. So haben die syrischen Contras ihre militärische Aktion einerseits auf die Schaffung von festen Basen konzentriert (aber keine dauerte, nicht einmal das islamische Emirat von Baba Amr), und dann auf die Sabotage der Wirtschaft (Zerstörung von Infrastruktur und Brandstiftung in Großanlagen), und zuletzt auf Terrorismus (Entgleisung von Personenzügen, Autobombenanschläge in stark besuchten Orten, Mord von religiösen, politischen und militärischen Führern).

Daher sind die Teile der syrischen Bevölkerung, die zu Beginn der Ereignisse Sympathie für die bewaffneten Gruppen haben konnten, weil sie dachten, dass sie eine Alternative zu der derzeitigen Regierung darstellten, allmählich davon abgekommen.

Ohne Überraschung bestand die Schlacht von Damaskus darin, die 7.000 in dem Land verstreuten Kämpfer und die Armeen von Söldnern, die in den Nachbarländern darauf warten, in der Hauptstadt zu vereinen. Zehntausende von Contras versuchten in das Land einzudringen. Sie zogen gleichzeitig in langen Kolonnen von Pick-up ein, überquerten eher die Wüsten als Autobahnen zu benützen. In Teil davon wurde durch Flugangriffe gestoppt und musste sich zurückziehen. Andere konnten nach Einnahme von Grenzposten bis in die Hauptstadt vordringen. Sie fanden dort nicht die erwartete Unterstützung. Stattdessen sind es die Einwohner, die die Soldaten der Armee führten, um sie zu identifizieren und dann zu entfernen. Am Ende wurden sie zum Rückzug gezwungen und kündigten an, dass sie mangels eines Erfolges in Damaskus, Aleppo einnehmen würden. Darüber hinaus zeigt dies, dass sie weder aufständische Damaszener, noch Alepper sind, sondern mobile Kämpfer.

Infiltration der Contras durch die Wüste nahe von Dera

Die Unbeliebtheit der bewaffneten Gruppen sollte mit der Popularität der regulären Armee und der Selbstverteidigungs-Milizen verglichen werden. Die syrische Armee ist eine Armee mit Wehrpflicht, sie ist eine Volksarmee und es ist unvorstellbar, dass sie für politische Repression verwendet werden könnte. Vor kurzem hat die Regierung die Errichtung von Nachbarschafts-Milizen autorisiert. Sie verteilte Waffen an die Bürger, die sich verpflichteten, 2 Stunden ihrer Zeit jeden Tag zu verbringen, um ihre Nachbarschaft unter militärischer Aufsicht zu verteidigen.

Ein X für ein U vormachen

Präsident Reagan begegnete in seiner Zeit einigen Schwierigkeiten, die Contras als „Revolutionäre“ zu präsentieren. Er schuf dafür eine Propaganda Struktur, das Amt für öffentliche Diplomatie, deren Führung er Otto Reich übertrug [10]. Er korrumpierte die Journalisten in den meisten großen US- und europäischen Medien um die Öffentlichkeit zu berauschen. Unter anderem erfand er ein Gerücht, dass die Sandinisten chemische Waffen besäßen und sie gegen ihr eigenes Volk verwenden würden. Heute wird Propaganda vom Weißen Haus ab von dem stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater für strategische Kommunikation, Ben Rhodes geleitet. Er benützt die guten alten Methoden und hat gegen Präsident Al – Assad das Gerücht von chemischen Waffen erfunden.

In Zusammenarbeit mit dem britischen MI6, war es Rhodes gelungen, als Hauptquelle der Informationen für die westlichen Presse Agenturen eine virtuelle Struktur zu verhängen: die Syrische Beobachtungsstelle der Menschen Rechte (OSDH). Die Medien haben die Glaubwürdigkeit dieser Signatur nie bezweifelt, obwohl ihre Behauptungen durch Beobachter der Arabischen Liga und der Vereinten Nationen widerlegt wurden. Besser noch, diese virtuelle Struktur, die über keine Räumlichkeiten, Personal oder Fachwissen verfügt, ist auch die Quelle der Informationen der europäischen Außenministerien geworden, seit dem das Weiße Haus sie überzeugt hatte, ihr diplomatisches Personal von Syrien abzuziehen.

Auf die Direktsendung wartend telefoniert der Korrespondent von Al-Dschasira Khaled Abu Saleh seiner Redaktion. Er behauptete, dass Baba Amr bombardiert werde und organisiert die Gerüchte. Herr Abu Saleh war Ehrengast von François Hollande auf der 3. Konferenz der Freunde von Syrien.

Ben Rhodes organisierte ebenfalls Spektakel für Journalisten die Emotionen brauchten. Zwei Reise-Operatoren wurden aufgebaut, der eine von dem Büro von Premierminister Erdogan und der zweite im Kabinett vom ehemaligen Premierminister des Libanon Fouad Siniora. Journalisten, die wünschten in Syrien illegal einzureisen, wurden eingeladen. Monatelang wurde eine Reise angeboten, die von der türkischen Grenze bis zu einem Bergdorf als Zeuge führte. Man konnte dort Fotos mit „Revolutionären“ machen und das „tägliche Leben der Veteranen“ teilen. Dann, für die Sportlichsten, konnte man von der libanesischen Grenze aus dem islamischen Emirat von Baba Amr einen Besuch abstatten.

Sehr seltsam, viele Journalisten entdeckten selbst riesige Fälschungen, aber zogen daraus keinen Schluss. So hat ein berühmter Fotograf-Reporter „Revolutionäre“ von Baba Amr beim Reifen Brennen gefilmt, um schwarzen Rauch zu machen und den Glauben an eine Bombardierung der Gegend zu stärken. Er veröffentlichte diese Bilder auf Channel4 [11], aber behauptete weiterhin, dass er Zeuge der Bombardierung von Baba Amr war, welche von der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte erzählt wurde.

Oder: die New York Times stellte fest, dass die von dem Pressedienst der freien syrischen Armee gesendeten Fotos und Videos, tapfere Kämpfer zeigten die inszeniert waren [12]. Kriegswaffen waren tatsächlich Repliken, Spielzeug für Kinder. Die Zeitung glaubte jedoch weiterhin an die Existenz von einer Armee von Deserteuren von fast 100.000 Mann.

Lesen einer Deklaration der freien syrischen Armee. Die stolzen „Deserteure“ sind Statisten, die Attrappe-Waffen tragen.

In einem klassischen Muster bevorzugen die Journalisten zu lügen, als anzuerkennen, dass sie manipuliert wurden. Sobald sie getäuscht sind, nehmen sie also bewusst an der Entwicklung der Lüge teil, die sie entdeckt haben. Frage ist, ob Sie, Leser dieses Artikels, auch vorziehen ein Auge zuzudrücken, oder ob Sie beschließen, das syrische Volk gegen die Aggression der Contras zu unterstützen.

[1] Der Tahrir-Platz ist nicht der größte in Kairo. Er wurde aus Marketing-Gründen gewählt, da das Wort Tahririn europäischen Sprachen Freiheit bedeutet. Natürlich wurde dieses Symbol nicht von den Ägyptern gewählt, da es mehrere Worte auf Arabisch für die Freiheit gibt. Tahrir ist jedoch die Freiheit, die empfangen wird, nicht die, die man erwirbt.

[2] Die westliche Presse ist gewohnt, den Namen des Herrn Syda zu buchstabieren, indem sie ein „a“ an „Sayda“ hinzufügt, um Verwechslungen mit der Krankheit mit dem gleichen Namen zu verhindern. Anmerkung des Herausgebers.

[3] Normalerweise ist der Begriff „Vorsatz“ aus dem Strafrecht. In politischen Angelegenheiten ist der richtige Ausdruck „Komplott“, aber der Autor hat darauf verzichtet, ihn zu benützen, da er eine hysterische Reaktion seitens derer hervorruft, die sich bemühen glauben zu machen, dass westliche Politik transparenter und demokratischer ist. Anmerkung des Herausgebers

[4] « Washington a rédigé une nouvelle constitution pour la Syrie », Réseau Voltaire, 21 juillet 2012.

[5] « Les « Amis de la Syrie » se partagent l’économie syrienne avant de l’avoir conquise », par German Foreign Policy, traduction Horizons et débats, Réseau Voltaire, 14 juin 2012.

[6] Sharjjah gehört zu den sieben Emiraten, aus denen sich die Vereinigten Arabischen Emirate zusammensetzen.

[7] [„Die Syrische Freie Armee wird von dem Militärgouverneur von Tripolis kommandiert“, von Thierry Meyssan, Traduction Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 19. Dezember 2011.

[8] Für mehr Einzelheiten, hier „Konterrevolution im Nahen-Osten “, von Thierry Meyssan, Traduction Horst Frohlich, Komsomolskaïa Pravda , Voltaire Netzwerk, 9. Juni 2011.

[9] « L’opposition syrienne prend ses quartiers d’été à Miami », par Agence Cubaine de Nouvelles, Jean Guy Allard, Réseau Voltaire, 25 mai 2012.

[10] « Otto Reich et la contre-révolution », par Arthur Lepic, Paul Labarique, Réseau Voltaire, 14 mai 2004.

[11] « Syria’s video journalists battle to tell the ’truth’ », Channel4, 27 mars 2011.

[12] “Syrian Liberators, Bearing Toy Guns”, par C. J. Chivers, The New York Times, 14 juin 2012.

<span lang='fr'>Thierry Meyssan</span>Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

Nachrichten aus Europa und der Welt: Explosiv! Dampfender Stuhl

von Axel B.C. Krauss

gelesen bei: ef-magazin

Ein polemischer Rundgang durch Bedburg-Hau

Ein EU-Abgehefteter, dessen Parteizugehörigkeit aus Gründen des Artenschutzes an dieser Stelle besser verschwiegen sei, schwang sich neulich von einer grotesk mutierten Regulierungsliane herab und keckerte: „Eine Art staatliche Prämie, die Deutsche kurzfristig dazu bewegt, nach Griechenland zu fahren, könnte der Anfang eines europäischen Konjunkturprogramms sein.“ Grandiose Idee. Richten wir also eine EuSHIT ein („Europäische Subventions-Hölle für Investitionen in den Tourismus“). Koste es, was auch immer in Mütterbäuchen heranwachsende Politikverdrossene der Zukunft sicher nicht werden bezahlen wollen. Die Schatzmakaken sind los!

Derweil hält Philipp Rösler eine Ankunft der Feuerwehr zur Bekämpfung der Brände in Griechenland für gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Für ihn habe das Löschen von Feuer mit Wasser statt mit Benzin längst seinen Schrecken verloren. Gut zu wissen, dass mehr als zehn Jahre alte Erkenntnisse nun auch im Bundeswirtschaftsministerium angekommen sind – dagegen ist die Bahn ein Synonym für Pünktlichkeit. Die Brandmelder hatte man ja vorsorglich demontiert und in der rechten Schmierfettecke mit Bergen von Zeitungspapier schallgedämpft, damit das schrille Pfeifen und Klingeln die Langschläfer nicht aus der REM-Phase reißt. Allerdings, so fügte Rösler einschränkend hinzu, sei zunächst mal der Bericht der Brandschutz-Troika abzuwarten, die momentan ihre Hände an die verkohlte Ruine Griechenlands hält, um einen ungefähren Eindruck der Flammentemperatur zu gewinnen. Viele rote Playmobil-Löschzüge sollen sie im Gepäck haben, die Rettungssimulanten. Wer nimmt diese lächerliche Aufführung eigentlich noch ernst?

Der uralte Streit Mythos versus Logos scheint also entschieden. Mein Anfangsverdacht hat sich wohl bestätigt: Ja, es handelt sich bei der Ziffer vor unserem Jahrhundert, daran besteht nun kein Zweifel mehr, tatsächlich um einen Zahlendreher. Den nächsten, der auf die Generation Adolf schimpft, werde ich lauthals auslachen. Warte mal ab, Freundchen, was passiert, falls das zunehmend verarmende binneneuropäische Umfeld uns den Exportkrückstock wegtritt und die Arbeitslosenzahlen nur hoch genug klettern. Guido Knopp dürfte sich schon die Hände reiben: „Euros Helfer“, „Euros Kinder“, „Euros Trümmerfrauen“, „Euros Manager“, „Euros Väter“. Um Ulm und um Ulm.

Schwenken wir kurz auf die VUP-Tribüne (Very Unimportant Person), wo man sich gegenseitig ein wenig kitzelt, giggelt und zur Volksbelustigung ein bisschen beißt. Problem ist nur: Das interessiert im Volk so gut wie niemanden mehr. Selbst ein TV-Testbild, ja sogar der in Sachen Unterhaltungswert noch darunter rangierende ZDF-Fernsehgarten ist spannender als das Mumiengemümmel irgendwelcher Polithansel und -kasper, die im Kreis hintereinander herlaufen wie der berühmte, seinen Schwanz jagende Wuffi. Vom regelmäßig ausgeschiedenen, dampfenden Stuhl vorschulhafter gegenseitiger Schuldzuweisungen – der Philipp war’s, nein der Jürgen, stimmt nicht, der Siggi hat angefangen – fallen zwar hin und wieder einige wahre Wortköttel ab, die sich bei näherer Betrachtung aber als Kieselsteine erweisen, die die Beteiligten aus ihrem jeweiligen Glashaus aufeinander werfen. Rösler vermutete, so stand’s in einem Online-Artikel der „Welt“, Trittin wolle vermutlich deshalb eine Schuldenvergemeinschaftung auf EU-Komm-auch-du-Greif-zu-Ebene, weil es ja nicht sein eigenes Geld sei, das da gegrillt wird. Völlig richtig, aber das ist keine Vermutung, sondern erstens eine ziemlich genaue epidemiologische Analyse des Hauptkrankheitsbildes im politischen Berufsstand und somit zweitens auch ein sehr gelungener Abriss der Entstehungsgeschichte von Staatsschuldenbergen.

Schnitt zum Popminister. Der stampft mit dem Fuß auf und möchte jetzt aber endlich mal härtere Strafen für Banken. Das sei ja kriminell, was die da treiben, findet Sigmar Gabriel. Erpressung und Abzocke wirft er ihnen vor. Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, kommt allerdings etwas verspätet und erweist sich unter Hinzunahme obiger Punkte eins und zwei als kräftiger Rückschläger. Es könnte sich auch um Wahlkampfgetöse handeln? Innovativer Gedanke.

Sehen Sie, liebe Volksvertreter, deshalb ist es auch so entnervend, überhaupt noch zu solchen Themen zu schreiben. Langweilig. Kurzform bitte: Wir wissen längst alles, was nötig ist, um nach dem ganzen Plumpaquatsch einen (hoffentlich besseren) Neuanfang zu machen. Wir wissen längst, dass wir über Jahrzehnte auf einem Geldsystem aus Treibsand Hochhäuser gebaut haben. Wir wissen außerdem, dass alles Gerede über „Europa“ nur noch lachhaft ist, da wir im Augenblick in keinem Europa leben, sondern auf einem von Schuldenbombentrichtern zerklüfteten Währungskriegs-Schauplatz namens Eumerica. Oder von mir aus Ameropa. Ebenso bekannt ist, dass viele von Ihnen das durchaus begriffen haben, sich aber aus „Fraktionszwängen“, Sorgen um die eigene Karriere beziehungsweise Angst vor Abstrafung und Verschiffung in einen Wahlkreis mit maximal 500 Einwohnern oder ein fensterloses Büro in der hintersten Ecke des Bundestages leider noch immer nicht trauen, endlich die Zähne auseinanderzukriegen und es deutlich auszusprechen. Das verlegt man auf einen späteren, risikolosen Zeitpunkt, wenn es ans Abfassen der Memoiren geht, wenn sich mit „Ein Elch packt aus!“-Büchern prächtig verdienen lässt. Erschwerend hinzu kommt der kategorische Imperativ der Politik: Handle stets so, dass die Folgen deiner Handlungen möglichst nicht anderen zum Wahlsieg verhelfen. Fähnchen in den Wind, da lacht ja jedes Kind. Zumindest in einer idealen Gesellschaft.

In einer solchen leben wir aber leider nicht, daher kann Wolfgang Schäuble der nicht weniger machtneurotischen Konkurrenz für ihre Äußerungen auch ernsthaft Populismus vorwerfen, ohne dass das Gelächter der Bürger für Erdbeben in Sizilien sorgt und die Lachtränen den Wasserstand in deutschen Straßen höher steigen lassen als derzeit in Peking. Ein Politiker wirft dem anderen Populismus vor. Ich gähne und räkele mich.

Krabbeln wir nun aber über den Tellerrand und werfen den versprochenen kurzen Blick auf den Rest der Welt. Ist eigentlich irgendjemandem aufgefallen, dass die Vorgehensweisen im Libyenkrieg und nun in Syrien sich frappierend ähneln? Beide Male haben nachweislich vom Ausland mitfinanzierte und logistisch unterstützte Gruppierungen Unruhe gestiftet, in beiden Fällen wiederholten sich gewisse Propagandamuster: Man gab mehrmals ältere Bilder und Videos von anderen Kriegsschauplätzen (Irak, Afghanistan) für authentische Nachrichten von aktuell berichteten Konflikten aus. Sobald jemand den Schwindel bemerkte, hieß es, es habe sich um ein Versehen gehandelt oder eine technische Panne. Auch der Plot um den von Syrien abgeschossenen türkischen Kampfjet geriet bei genauerer Prüfung zu einem C-Movie für die kriegstreibenden Parteien.

Kaum richtete sich die Aufmerksamkeit auf Syrien, hieß es, syrische Geheimdienstler seien in Berlin beim Versuch ertappt worden, Ex-Oppositionelle ihrer Heimat auszuspionieren. Als es dann gegen den Iran ging, tauchten umgehend entsprechende Schlagzeilen in der Presse auf: Der Iran habe Anschläge auch auf deutschem Boden geplant. Sich dann aber beschweren, wenn sich „verschwörungstheoretische“ Antennen so schnell aufrichten wie sonst nur Hugh Hefners Specht auf einer Viagra-Party im Playboy Mansion.

Auch die jüngeren Meldungen rund um Krieg und Krise sind nicht gerade geeignet, die Luft aus inflationär aufgeblähten Spekulationen zu lassen. Die Zeitung „Haaretz“ schrieb am 1. Juli dieses Jahres unter Berufung auf die „Sunday Times“, das Terrornetzwerk al-Qaida plane möglicherweise einen Anschlag auf die London Olympics – mit einem amerikanischen Verkehrsflugzeug (!). Beim Lesen dieser Nachricht erinnerte ich mich an haarsträubende Behauptungen aus der Verschwörerszene, zur Rechtfertigung eines großangelegten Krieges könne auch ein „zweites 9/11“ in Vorbereitung sein. Falls dem so sein sollte, hoffe ich mal, dass die Herrschaften beim zweiten Anlauf keinen, wie Professor Hans Jürgen Bocker es auf seine unnachahmliche Art ausdrückte, „Pfuschjob machen, bei dem jedes Schulkind lacht und sofort weiß, was das ist“.

Was man über Olympia 2012 außerdem wissen sollte: Knappe 400 Meter vom Veranstaltungsort der Olympischen Spiele entfernt lagern große Mengen radioaktiven Abfalls. Auf dem Gelände befand sich früher ein Forschungsreaktor. Nicht, dass in diesen Cocktail ein Sternenkreuzer des Imperiums rauscht.

Schon klar, dass man sich vor Schwarzweißdenken hüten sollte, wie schlaubärige Kommentatoren des Zeitgeschehens zu betonen nicht müde werden. Ich kenne die Einwände. Es ist ja richtig, dass man einen Despoten wie Assad nicht gandhisieren oder das Mullah-Regime in Teheran für einen Dachverband der Zuckerwatteproduzenten halten sollte. Weltbewegende Erkenntnis, denn ist die „Gegenseite“ wirklich so viel besser? Und ja, es gibt nach wie vor den üblichen linksdeutschen Antiamerikanismus, der seit jeher die Ursachen sämtlicher geopolitischen Verwerfungen den Vereinigten Staaten anzudifferenzieren und die gesamte restliche Welt zu armen Opfern und Unschuldslämmern zu stilisieren versucht. Es ist aber auch richtig, dass die derzeit so kraftvoll zubeißende, extrem aggressive außenpolitische, imperalistisch-kolonialistische Agenda der USA an der Spitze der NATO-Streitkräfte sich weniger aus humanitären Motiven speist als vielmehr aus Verzweiflung über den drohenden wirtschaftlichen Niedergang.

Die US-Eliten in Politik und Hochfinanz – was in Washington heute ein- und dasselbe ist, das Weiße Haus ist längst kein politisches Zentrum mehr – wissen sehr genau, wie es um ihre Währung steht. Arbeitslosenzahlen sowie Inflationsrate werden sich nicht ewig frisieren lassen, den Millionen von Amerikanern auf Lebensmittelmarken, viele davon bewaffnet, könnte bald der Geduldsfaden reißen. Zu allem Überfluss kommen nun auch noch die absehbaren Folgen einer langanhaltenden Dürre hinzu; ein drastischer Anstieg der Lebensmittelpreise wird befürchtet. Andere Kommentatoren verweisen unterdessen darauf, man solle sich lieber nicht zu sehr auf die Dollarnot oder Libor- und Euribor-Skandälchen konzentrieren, sondern einen schärferen Blick auf China werfen, wo die BIP-Zahlen und der Immobilienmarkt sich im Elfenwald gute Nacht sagen. Welch ein Stress.

So, jetzt muss ich mich aber sputen. Habe meiner Oma versprochen, ihr heute nacht beim Entsorgen der schmutzigen Bombe zu helfen, die Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde in ihrem Kräuterbeet verbuddelt haben. Sonst steht der Quatsch morgen noch in der Zeitung.

Die Arroganz des Olympischen Komitees

quelle: infosperber

Urs P. Gasche / 26. Jul 2012

Ein Club mit vielen Adligen, der am Austragungsort der Olympiade jegliche Kritik verbietet. London zahlt dafür rund 30 Milliarden.

Ein Land, das olympische Spiele austragen will, muss sich dem Diktat des Olympischen Komitees IOK beugen. Für die Winterspiele in Vancouver musste die Stadt eine Gesetzesverordnung erlassen, die sämtliche Plakate, Inserate, Banners oder Logos verbot, welche die Olympischen Spiele kritisierten und nicht im besten Licht zeigten («celebrate the Olympic Games»). Die Polizei wurde sogar ermächtigt, solche Plakate und Ähnliches auf privaten Grundstücken zu entfernen. Auch in London sind kritische Plakate verboten.

Positives Umfeld für die Sponsoren

Den Sponsoren hat das Olympische Komitee nicht nur ein ausschliesslich positives Umfeld versprochen, sondern auch das exklusive Vermarkten der zusammenhängenden Worte «Spiele», «2012» und «London». Um dies zu garantieren, verlangte das IOK ein Gesetz namens «London Olympic Games and Paralympic Games Act of 2006». Dieses Gesetz ahndet es als «Markenverletzung», wenn jemand die Wörter «Spiele», «2012» und «London» in einem kommerziellen Zusammenhang «nahe beieinander» verwendet.

Dafür sind den Werbeflächen von Sponsoren kaum Grenzen gesetzt. Sogar auf Halterungen der Olympischen Fackel darf geworben werden. Die Olympischen Spiele sind «der längste Werbespot der Welt», sagte Michael R. Payne, ein früherer Marketing-Direktor des Komitees.

Sponsoren und VIPs freie Fahrt durch London gewährt

Während Londons Bevölkerung und Touristen ein Verkehrschaos gewärtigen müssen, erhalten die Sportler, die Sponsoren und VIPS in der Stadt London nicht weniger als 400 Kilometer reservierte Fahrspuren.

Das IOK ist ein privater Elite-Verein

Das IOK hat den Sitz in Lausanne und ist als gewöhnlicher Verein organisiert. Im Jahr 1894 hatte Baron Pierre de Coubertin die Wiederbelebung der Olympischen Spiele der Antike initiiert. Sie sollten die Völker und Nationen der Welt einander näher bringen, nationale Egoismen überwinden und zum Frieden und zur internationalen Verständigung beitragen.

Erst 1981, zehn Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, durften Frauen Mitglieder des IOK werden. Das heutige IOK unter dem belgischen Präsidenten Jacques Rogge zählt 105 Mitglieder, davon zwanzig Frauen. Unter den Mitgliedern befinden sich auffällig viele Prinzen und Prinzessinnen (z.B. Prinzessin Nora von Liechtenstein oder Prinz Nawaf Faisal Fahd Abdulaziz von Saudi-Arabien), sonstige «Berühmtheiten» sowie frühere Teilnehmer an Olympischen Spielen.

«Hinter dem Spektakel der Olympischen Spiele verstecken sich die Abgehobenheit und Arroganz des IOK», kritisieren der US-Professor Jules Boykoff und der britische Professor Alan Tomlinson, die sich beide intensiv mit dem IOK befasst haben.

Massive Budgetüberschreitung

Bei der Bewerbung hatte Grossbritannien die «sportlichen» Kosten der Sommerspiele in London mit 8,5 Milliarden Dollar veranschlagt. Tatsächlich kosten sie fast das Doppelte. Weitere 17 Milliarden Dollar zahlte die öffentliche Hand für ein besseres Angebot an Transportwegen, eine Modernisierung von FLughäfen und Hotels, wie eine Studie der Said Business School der Universität Oxford berechnete. Insgesamt also Kosten von rund 30 Milliarden Dollar oder Franken.

Von Bundessteuer und Mehrwertsteuer befreit

Der Bundesrat hat mit Beschluss vom 16. September 1998 die frühere Entscheidung vom 8. Juli 1981 bestätigt, wonach das IOK gemäss Artikel 56 Buchstabe g DBG «wegen öffentlicher Zwecksetzung» von der direkten Bundessteuer zu befreien ist. Der Bundesrat zeigte sich «überzeugt, dass die olympische Idee im weitesten Sinne der weltweiten Förderung der körperlichen Ertüchtigung der Jugend dient und auch zur Völkerverständigung beiträgt».

Das IOK ist die einzige internationale Sportorganisation, die aufgrund der vom Bundesrat am 16. September 1998 für diesen besonderen Fall getroffenen Verfügung weitgehend von der Mehrwertsteuerpflicht befreit ist.

Diese Privilegierung des IOK ist rechtlich schwach abgestützt. Der Bundesrat zitiert Artikel 102 Ziffer 8 der Bundesverfassung. Danach hat der Bundesrat «die Interessen der Eidgenossenschaft nach aussen zu wahren» und «die auswärtigen Angelegenheiten überhaupt zu besorgen».

Nicht der Mehrwertsteuer unterworfen ist insbesondere die Abtretung von Fernseh- und anderen Übertragungsrechten im Zusammenhang mit der Austragung der Olympischen Spiele; dasselbe gilt in bezug auf die damit erzielten Einnahmen, soweit diese an einen internationalen Verband, ein nationales Olympisches Komitee oder ein Organisationskomitee für die Olympischen Spiele überwiesen werden.

Dieser Artikel stützt sich unter anderem auf Informationen von Professor Jules Boykoff von der Pacific University in Oregon, der ein Buch über «Dissent and the Olympics» schreibt.