Nachrichten aus Europa und der Welt: Explosiv! Dampfender Stuhl

von Axel B.C. Krauss

gelesen bei: ef-magazin

Ein polemischer Rundgang durch Bedburg-Hau

Ein EU-Abgehefteter, dessen Parteizugehörigkeit aus Gründen des Artenschutzes an dieser Stelle besser verschwiegen sei, schwang sich neulich von einer grotesk mutierten Regulierungsliane herab und keckerte: „Eine Art staatliche Prämie, die Deutsche kurzfristig dazu bewegt, nach Griechenland zu fahren, könnte der Anfang eines europäischen Konjunkturprogramms sein.“ Grandiose Idee. Richten wir also eine EuSHIT ein („Europäische Subventions-Hölle für Investitionen in den Tourismus“). Koste es, was auch immer in Mütterbäuchen heranwachsende Politikverdrossene der Zukunft sicher nicht werden bezahlen wollen. Die Schatzmakaken sind los!

Derweil hält Philipp Rösler eine Ankunft der Feuerwehr zur Bekämpfung der Brände in Griechenland für gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Für ihn habe das Löschen von Feuer mit Wasser statt mit Benzin längst seinen Schrecken verloren. Gut zu wissen, dass mehr als zehn Jahre alte Erkenntnisse nun auch im Bundeswirtschaftsministerium angekommen sind – dagegen ist die Bahn ein Synonym für Pünktlichkeit. Die Brandmelder hatte man ja vorsorglich demontiert und in der rechten Schmierfettecke mit Bergen von Zeitungspapier schallgedämpft, damit das schrille Pfeifen und Klingeln die Langschläfer nicht aus der REM-Phase reißt. Allerdings, so fügte Rösler einschränkend hinzu, sei zunächst mal der Bericht der Brandschutz-Troika abzuwarten, die momentan ihre Hände an die verkohlte Ruine Griechenlands hält, um einen ungefähren Eindruck der Flammentemperatur zu gewinnen. Viele rote Playmobil-Löschzüge sollen sie im Gepäck haben, die Rettungssimulanten. Wer nimmt diese lächerliche Aufführung eigentlich noch ernst?

Der uralte Streit Mythos versus Logos scheint also entschieden. Mein Anfangsverdacht hat sich wohl bestätigt: Ja, es handelt sich bei der Ziffer vor unserem Jahrhundert, daran besteht nun kein Zweifel mehr, tatsächlich um einen Zahlendreher. Den nächsten, der auf die Generation Adolf schimpft, werde ich lauthals auslachen. Warte mal ab, Freundchen, was passiert, falls das zunehmend verarmende binneneuropäische Umfeld uns den Exportkrückstock wegtritt und die Arbeitslosenzahlen nur hoch genug klettern. Guido Knopp dürfte sich schon die Hände reiben: „Euros Helfer“, „Euros Kinder“, „Euros Trümmerfrauen“, „Euros Manager“, „Euros Väter“. Um Ulm und um Ulm.

Schwenken wir kurz auf die VUP-Tribüne (Very Unimportant Person), wo man sich gegenseitig ein wenig kitzelt, giggelt und zur Volksbelustigung ein bisschen beißt. Problem ist nur: Das interessiert im Volk so gut wie niemanden mehr. Selbst ein TV-Testbild, ja sogar der in Sachen Unterhaltungswert noch darunter rangierende ZDF-Fernsehgarten ist spannender als das Mumiengemümmel irgendwelcher Polithansel und -kasper, die im Kreis hintereinander herlaufen wie der berühmte, seinen Schwanz jagende Wuffi. Vom regelmäßig ausgeschiedenen, dampfenden Stuhl vorschulhafter gegenseitiger Schuldzuweisungen – der Philipp war’s, nein der Jürgen, stimmt nicht, der Siggi hat angefangen – fallen zwar hin und wieder einige wahre Wortköttel ab, die sich bei näherer Betrachtung aber als Kieselsteine erweisen, die die Beteiligten aus ihrem jeweiligen Glashaus aufeinander werfen. Rösler vermutete, so stand’s in einem Online-Artikel der „Welt“, Trittin wolle vermutlich deshalb eine Schuldenvergemeinschaftung auf EU-Komm-auch-du-Greif-zu-Ebene, weil es ja nicht sein eigenes Geld sei, das da gegrillt wird. Völlig richtig, aber das ist keine Vermutung, sondern erstens eine ziemlich genaue epidemiologische Analyse des Hauptkrankheitsbildes im politischen Berufsstand und somit zweitens auch ein sehr gelungener Abriss der Entstehungsgeschichte von Staatsschuldenbergen.

Schnitt zum Popminister. Der stampft mit dem Fuß auf und möchte jetzt aber endlich mal härtere Strafen für Banken. Das sei ja kriminell, was die da treiben, findet Sigmar Gabriel. Erpressung und Abzocke wirft er ihnen vor. Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, kommt allerdings etwas verspätet und erweist sich unter Hinzunahme obiger Punkte eins und zwei als kräftiger Rückschläger. Es könnte sich auch um Wahlkampfgetöse handeln? Innovativer Gedanke.

Sehen Sie, liebe Volksvertreter, deshalb ist es auch so entnervend, überhaupt noch zu solchen Themen zu schreiben. Langweilig. Kurzform bitte: Wir wissen längst alles, was nötig ist, um nach dem ganzen Plumpaquatsch einen (hoffentlich besseren) Neuanfang zu machen. Wir wissen längst, dass wir über Jahrzehnte auf einem Geldsystem aus Treibsand Hochhäuser gebaut haben. Wir wissen außerdem, dass alles Gerede über „Europa“ nur noch lachhaft ist, da wir im Augenblick in keinem Europa leben, sondern auf einem von Schuldenbombentrichtern zerklüfteten Währungskriegs-Schauplatz namens Eumerica. Oder von mir aus Ameropa. Ebenso bekannt ist, dass viele von Ihnen das durchaus begriffen haben, sich aber aus „Fraktionszwängen“, Sorgen um die eigene Karriere beziehungsweise Angst vor Abstrafung und Verschiffung in einen Wahlkreis mit maximal 500 Einwohnern oder ein fensterloses Büro in der hintersten Ecke des Bundestages leider noch immer nicht trauen, endlich die Zähne auseinanderzukriegen und es deutlich auszusprechen. Das verlegt man auf einen späteren, risikolosen Zeitpunkt, wenn es ans Abfassen der Memoiren geht, wenn sich mit „Ein Elch packt aus!“-Büchern prächtig verdienen lässt. Erschwerend hinzu kommt der kategorische Imperativ der Politik: Handle stets so, dass die Folgen deiner Handlungen möglichst nicht anderen zum Wahlsieg verhelfen. Fähnchen in den Wind, da lacht ja jedes Kind. Zumindest in einer idealen Gesellschaft.

In einer solchen leben wir aber leider nicht, daher kann Wolfgang Schäuble der nicht weniger machtneurotischen Konkurrenz für ihre Äußerungen auch ernsthaft Populismus vorwerfen, ohne dass das Gelächter der Bürger für Erdbeben in Sizilien sorgt und die Lachtränen den Wasserstand in deutschen Straßen höher steigen lassen als derzeit in Peking. Ein Politiker wirft dem anderen Populismus vor. Ich gähne und räkele mich.

Krabbeln wir nun aber über den Tellerrand und werfen den versprochenen kurzen Blick auf den Rest der Welt. Ist eigentlich irgendjemandem aufgefallen, dass die Vorgehensweisen im Libyenkrieg und nun in Syrien sich frappierend ähneln? Beide Male haben nachweislich vom Ausland mitfinanzierte und logistisch unterstützte Gruppierungen Unruhe gestiftet, in beiden Fällen wiederholten sich gewisse Propagandamuster: Man gab mehrmals ältere Bilder und Videos von anderen Kriegsschauplätzen (Irak, Afghanistan) für authentische Nachrichten von aktuell berichteten Konflikten aus. Sobald jemand den Schwindel bemerkte, hieß es, es habe sich um ein Versehen gehandelt oder eine technische Panne. Auch der Plot um den von Syrien abgeschossenen türkischen Kampfjet geriet bei genauerer Prüfung zu einem C-Movie für die kriegstreibenden Parteien.

Kaum richtete sich die Aufmerksamkeit auf Syrien, hieß es, syrische Geheimdienstler seien in Berlin beim Versuch ertappt worden, Ex-Oppositionelle ihrer Heimat auszuspionieren. Als es dann gegen den Iran ging, tauchten umgehend entsprechende Schlagzeilen in der Presse auf: Der Iran habe Anschläge auch auf deutschem Boden geplant. Sich dann aber beschweren, wenn sich „verschwörungstheoretische“ Antennen so schnell aufrichten wie sonst nur Hugh Hefners Specht auf einer Viagra-Party im Playboy Mansion.

Auch die jüngeren Meldungen rund um Krieg und Krise sind nicht gerade geeignet, die Luft aus inflationär aufgeblähten Spekulationen zu lassen. Die Zeitung „Haaretz“ schrieb am 1. Juli dieses Jahres unter Berufung auf die „Sunday Times“, das Terrornetzwerk al-Qaida plane möglicherweise einen Anschlag auf die London Olympics – mit einem amerikanischen Verkehrsflugzeug (!). Beim Lesen dieser Nachricht erinnerte ich mich an haarsträubende Behauptungen aus der Verschwörerszene, zur Rechtfertigung eines großangelegten Krieges könne auch ein „zweites 9/11“ in Vorbereitung sein. Falls dem so sein sollte, hoffe ich mal, dass die Herrschaften beim zweiten Anlauf keinen, wie Professor Hans Jürgen Bocker es auf seine unnachahmliche Art ausdrückte, „Pfuschjob machen, bei dem jedes Schulkind lacht und sofort weiß, was das ist“.

Was man über Olympia 2012 außerdem wissen sollte: Knappe 400 Meter vom Veranstaltungsort der Olympischen Spiele entfernt lagern große Mengen radioaktiven Abfalls. Auf dem Gelände befand sich früher ein Forschungsreaktor. Nicht, dass in diesen Cocktail ein Sternenkreuzer des Imperiums rauscht.

Schon klar, dass man sich vor Schwarzweißdenken hüten sollte, wie schlaubärige Kommentatoren des Zeitgeschehens zu betonen nicht müde werden. Ich kenne die Einwände. Es ist ja richtig, dass man einen Despoten wie Assad nicht gandhisieren oder das Mullah-Regime in Teheran für einen Dachverband der Zuckerwatteproduzenten halten sollte. Weltbewegende Erkenntnis, denn ist die „Gegenseite“ wirklich so viel besser? Und ja, es gibt nach wie vor den üblichen linksdeutschen Antiamerikanismus, der seit jeher die Ursachen sämtlicher geopolitischen Verwerfungen den Vereinigten Staaten anzudifferenzieren und die gesamte restliche Welt zu armen Opfern und Unschuldslämmern zu stilisieren versucht. Es ist aber auch richtig, dass die derzeit so kraftvoll zubeißende, extrem aggressive außenpolitische, imperalistisch-kolonialistische Agenda der USA an der Spitze der NATO-Streitkräfte sich weniger aus humanitären Motiven speist als vielmehr aus Verzweiflung über den drohenden wirtschaftlichen Niedergang.

Die US-Eliten in Politik und Hochfinanz – was in Washington heute ein- und dasselbe ist, das Weiße Haus ist längst kein politisches Zentrum mehr – wissen sehr genau, wie es um ihre Währung steht. Arbeitslosenzahlen sowie Inflationsrate werden sich nicht ewig frisieren lassen, den Millionen von Amerikanern auf Lebensmittelmarken, viele davon bewaffnet, könnte bald der Geduldsfaden reißen. Zu allem Überfluss kommen nun auch noch die absehbaren Folgen einer langanhaltenden Dürre hinzu; ein drastischer Anstieg der Lebensmittelpreise wird befürchtet. Andere Kommentatoren verweisen unterdessen darauf, man solle sich lieber nicht zu sehr auf die Dollarnot oder Libor- und Euribor-Skandälchen konzentrieren, sondern einen schärferen Blick auf China werfen, wo die BIP-Zahlen und der Immobilienmarkt sich im Elfenwald gute Nacht sagen. Welch ein Stress.

So, jetzt muss ich mich aber sputen. Habe meiner Oma versprochen, ihr heute nacht beim Entsorgen der schmutzigen Bombe zu helfen, die Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde in ihrem Kräuterbeet verbuddelt haben. Sonst steht der Quatsch morgen noch in der Zeitung.

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