Ideologischer Rückschlag für deutsche Medienkampagnen gegen Griechenland

quelle: the intelligence
Zbigniew Brzezinski ist nach Henry Kissinger vielleicht die wichtigste graue Eminenz des außenpolitischen Establishments der USA. Dekade um Dekade wiederholte der Ex-Direktor der Trilateralen Kommission seine Forderung nach einer Bekämpfung Russlands – bis jetzt. Sein neues Buch „Strategic Visions“ brachte die Wende: Brzezinski deutet Fürsprache für einen Pakt der USA mit Putins GUS an . Und dies gerade jetzt, wo deutsche Medien just anti-russische, anti-slawische Ressentiments in einer zynischen Medienkampagne auf Griechenland ausdehnten – womit sie eine ideologische Linie vom Klassiker Fallmerayer bis zum NS-Ideologen Rosenberg im Dienste aktueller Finanzkriminalität mobilisierten.

Kalter Krieg – ewig aufgewärmt

Zbigniew Brzezinski, der 1977-81 als Carter-Berater den Konflikt mit Sowjetrussland stets zu verschärfen suchte, wurde vor allem Ronald Reagan und die beiden Bush-Präsidenten gerne aufgegriffen

In Brzezinskis letztem großen Buch „The Grant Chessboard“ (1998) ging es um die Kontrolle über Zentralasien, und er phantasierte dort von einer „neuen Seidenstraße“, geschaffen durch eine ostwärts expandierende EU und eine Nato, die sich Georgien und die Ukraine einverleiben sollte. Ein Gürtel aus Handelsrouten, Pipelines, pro-westlichen Staaten und US-Militärbasen würde diese „Seidenstraße“ zum Rückgrat einer neuen Weltordnung unter Führung Washingtons machen.

Noch 2008 hatte Brzezinski Putin mit Hitler verglichen und sprach sich während der Georgienkrise für eine dauerhafte Isolierung Russlands aus. Das Ausspielen von Islam und China gegen Putin sollte die GUS von zentralasiatischen Ressourcen abschneiden und diese in die Gewalt des US-Unilateralismus bringen.

WikiLeaks ruinierte die „Second Chance“

2008 sah Brzezinski die Rolle der USA schon weit weniger enthusiastisch, sprach aber immerhin noch von einer „Second Chance“ für die unipolare Supermacht Amerika. Er ging mit der besinnungslosen Großmannssucht der Neokons hart ins Gericht. Ihre grenzenlose Gier und ihr plumper Imperialismus hätten das Ansehen Amerikas ramponiert und damit verhindert, dass seine, Brzezinskis, Vorhersagen sich hätten in die Tat umsetzen lassen. Der blutige globale Bush-Krieg „gegen den Terror“ hätte die USA in der islamischen Welt zum Satan gemacht und ihre geopolitische Position dadurch empfindlich geschwächt.

Die Lügengebäude, die westliche Medien zur Glorifizierung der Besatzungsregime in Irak und Afghanistan fabrizieren, haben seitdem sogar im westlichen Lager stark an Glaubwürdigkeit verloren, wozu insbesondere Julian Assange mit seinen Enthüllungen auf WikiLeaks beigetragen haben dürfte [1]. Gegen die Entwicklung einer Achse Moskau-Peking, so Brzezinski schon 2008, hätte eine tolpatschige US-Diplomatie zu wenig getan – den Rest gab den USA auch auf dieser Ebene vermutlich, was aber Brzezinski zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte, 2010 die Publikation der US-Depeschen durch WikiLeaks

USA im Niedergang

Angesichts zahlreicher Rückschläge sieht der „neue Brzezinski“ in seinem neuesten Buch die Washingtoner Weltherrschaftspläne als Makulatur an, auch Obama habe versagt, den US-Amerikanern die Wahrheit über die schrumpfende Bedeutung der USA zu sagen. Er konstatiert die wachsende Schwäche des Westens, der inzwischen unter Führung der USA sogar in eine globale Isolierung zu geraten droht. Das politische Gravitationszentrum der Welt verlagere sich nun von Westen nach Osten. Den Ausweg, den die militaristischen Neokons offenbar anstreben, neue Kriege gegen Iran oder womöglich gegen Nordkorea anzuzetteln, sieht Brzezinski wenig optimistisch: Das Image Amerikas und der Nato würde noch weiter leiden, eine Dominanz über China, Russland, Indien, selbst über Brasilien und Mexiko sei so nicht mehr zu erlangen. Die neuen Medien, siehe die tunesische Jasminrevolution, hätten zudem eine Welle von erwachendem politischen Bewusstsein ermöglicht. Ausweg sieht Brzezinski nunmehr nur noch in einer Annäherung Europas an Putins GUS und die Türkei – statt der Umklammerung und Isolierung des russischen Heartland, schlägt Brzezinski also eine Bündnispolitik vor.

Die USA seien heute in der Lage der Sowjetunion der 80er Jahre: Bankrott durch Rüstungswahn und militärische Abenteuer, namentlich Irak und Afghanistan; eine politische Klasse von Privilegierten, die sich nicht ums eigene Volk scheren, folglich sinkender Lebensstandard der Mehrheit und sozialpolitischer Zündstoff; Versuche, von inneren Problemen durch äußere Feinde abzulenken und eine Außenpolitik, die in Isolation zu führen droht.

Brzezinski, Europa und der Ethnorassismus

Europa und die Europäer hat Brzezinski in seinen „Strategic Visions“ nicht wirklich im Blick, kritisiert hauptsächlich ihre mangelnde Fähigkeit zur Überwindung politischer Zerstrittenheit, fordert aber implizit, die Aufnahme der Türkei in die EU endlich voranzutreiben. Die strategische Rolle, die Ankara künftig in Bezug auf die turksprachigen Völker Zentralasiens spielen wird, ist ihm wohlbewusst. Brzezinskis Hauptanliegen ist aber die Warnung vor einem Niedergang der USA, dies würde die instabile Welt, die wir heute erleben, noch chaotischer machen.

Unterschwelliger Rassismus war schon früh bei Brzezinski spürbar. Schon als er in den 60er Jahren zusammen mit seinem Kollegen Samuel P. Huntington das Verhältnis von USA und Sowjetunion analysierte, mischten sich ethnorassistische Ressentiments mit elitären Dünkel: Slawischem Barbarentum stehe der angelsächsische Gentlemen gegenüber. Huntington sollte diese Ideen später zum traurigen Höhepunkt seiner „Kampf der Kulturen“-Ideologie weiterentwickeln, die Washington als ethnorassistische Rechtfertigung seiner unipolaren Weltmachtpolitik dienen durfte. Antislawismus war dabei ein tragendes ideologisches Element, das sich auch insgesamt gegen den orthodoxen Kulturkreis der Ostkirchen richtet.

Antislawismus und Anti-Griechentum

Mit dem griechischen Geist, den Giganten der Philosophie und dem Welteroberer Alexander, identifizierte sich der Westen gerne. Dabei blieb nur ein Problem: Das angeblich dekadente Byzanz war ein griechisch geprägtes Reich und die Griechen gehören bis heute dem orthodoxen Kulturkreis an. Der österreichische Orientalist und Publizist Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861) löste diesen „Widerspruch“ indem er in seinen Büchern die heutigen Griechen rassisch und kulturell vom klassischen Griechentum trennte.

Bekannt wurde Fallmerayer, der Experte für eine Byzanz-Abspaltung, das anatolische Trapezunt, hauptsächlich durch seine ethnogeographischen Arbeiten. Darin postulierte er eine Ethnie von blonden, blauäugigen Hellenen im antiken Griechenland und stellte die These auf, dass die antiken arischen Griechen im Mittelalter völlig ausgerottet worden wären:

„Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet (…) Denn auch nicht ein Tropfen ächten und ungemischten Hellenenblutes fließet in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands.“

Fallmerayers Thesen zur Rassenkunde der Griechen wurden auch von Hitlers Leibhistoriker, Alfred Rosenberg in seinem Buch „Der Mythus des 20.Jahrhunderts“ für seine kruden Rassentheorien verwendet. Die modernen Griechen sah Rosenberg, an Fallmerayer anknüpfend, ihrer ruhmreichen Vorfahren unwürdig, weil die Übermacht des „Vorderasiatentums durch tausend Kanäle einsickerte, Hellas vergiftete und anstelle des Griechen den schwächlichen Levantiner zeugte, der mit den Griechen nur den Namen gemeinsam hat“

Was Slawen, Russen und Griechen angeht, schließt Rosenberg an die von Fallmerayer aufgebauten Ressentiments an. Dem NS-Ideologen gleich tun es heute die meisten deutschen Medien – und zwar beileibe nicht nur im Gossenblatt BILD mit seiner plump-stereotypen Hetzkampagne.

Der mediale Rechtspopulismus setzt dabei zwar nicht mehr auf den traditionellen Rassismus des Kolonialismus und Nationalsozialismus, aber auf einen modernisierten Ethno-Rassismus frei nach dem “Kampf der Kulturen” des Brzezinski-Kollegen Samuel Huntington. Die Griechen wurden in diesem Sinne in Deutschland zum Sündenbock für die von der Finanzindustrie verursachten Krise gemacht.

Selten haben sich die deutschen Medien so deutlich bemüht, in den Wahlkampf eines anderen europäischen Landes einzugreifen. Die Mühe des Flaggschiffes der mächtigen Bertelsmann-Medienflotte trug für die Griechen bittere Früchte: Tsipras wurde um seinen Sieg betrogen, die Konservativen stellten die Regierung. Seither wird das Spardiktat der EU-Kommissare, die Berlins Austeritätspolitik exekutieren fortgesetzt. Die Bertelsmann-Linie, Athen aus dem Euro zu drängen wird seither von Politikern der Bundesregierung weiter propagiert, zum Nutzen und Frommen der Finanzindustrie. Sogar der alles andere als sozialistisch gesinnte Luxemburger Jean Claude Juncker hat inzwischen die deutsche Politik aufgefordert, die Kampagne einzustellen und an das schlimme Schicksal der griechischen Bevölkerung zu denken. Anders als in der SPIEGEL-Titelstory „Akropolis adieu!“ im Mai wahrheitswidrig behauptet, wäre eine Rückkehr zur Drachme für die Hellenen keineswegs mit einer Sicherung ihrer Lebensgrundlagen verbunden

Vielmehr droht einem wachsenden Teil der Griechen Arbeitslosigkeit und Elend, während selbst ehedem liberale Medien sich in Deutschland im Sinne antislawisch-antirussischer Ressentiments betätigen. Die Verwicklung führender Großbanken in die Erzeugung der desolaten Lage Athens wird dabei selbstverständlich von keinem der Mainstream-Medien erwähnt

Seltsam genug, dass ein Pentagon-Ideologe wie Brzezinski sich zur Abkehr vom Antislawismus durchgerungen hat, und damit implizit ideologische Unterstützung für die Griechen gegen ein gnadenloses Berlin leistet. Vielleicht können wir tatsächlich bald einem geopolitischen Umschwenken der USA gegen über Putins GUS entgegensehen, Brzezinski hat mehr als einmal dem strategischen Denken Washingtons seinen Stempel aufgeprägt. Wenn Wikileaks einen Beitrag zur Schwächung der bisherigen antirussischen Linie der US-Ideologen geleistet hat, wäre dies auch eine Erklärung für die Stärkung von Assange durch das Moskauer Fernsehen. Von Seiten der angelsächsischen Politik hätte Wikileaks wohl dennoch keine Milde zu erwarten

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