Die Rezession umzingelt Europa

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Europa droht ein verlorenes Jahrzehnt, warnt Zeit-Herausgeber Josef Joffe. Die Rezession hat noch lange kein Ende genommen, Europa stehe vor einem „Double-Dip“. Das schwache Wachstum bedroht uns mehr als Griechenland.

„Grexit“, Euro und Schuldenkrise liefern das tägliche Futter für die Schlagzeilen. Dahinter aber reckt sich ein zweites Monster – die Double-Dip-Rezession. Und hinter diesem ein noch hässlicheres: die Stagnation wie die japanische, die mit dem „verlorenen Jahrzehnt“ in den Neunzigern begann. Wer allein auf Euro und Athen starrt, sieht die fürchterlichsten Angstgegner nicht, die unsere Zukunft bedrohen.

Die Rezession: Aufwärts ging es überall seit 2009, aber kein Land außer Deutschland ist mit seinem Wachstum wieder dort, wo es vor dem Crash war. Sie bleiben allesamt unter dieser Schwelle, wobei Frankreich noch am besten mit seiner horizontal verlaufenden Kurve abschneidet. Bei den anderen Großen – England, Italien, Spanien – zeigt der Trend seit Mitte vergangenen Jahres abermals nach unten.

Josef Joffe ist einer der Herausgeber der „Zeit". Quelle: picture alliance / ZB
Josef Joffe ist einer der Herausgeber der „Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Der US-Ökonom Carl Weinberg: „Dies ist kein normaler Konjunkturzyklus. Ich kann mich an keine Phase in der Nachkriegszeit erinnern, wo der Abschwung wieder begann, bevor die Erholung vom vorherigen komplett war.“ Ist das schon die Rezession in ganz Euro-Land – definiert durch zwei Quartale Minuswachstum hintereinander?

Die Auguren glauben: „Ja“. Ihr Kaffeesatz ist der „Einkaufsmanager-Index“ (PMI), und der lag laut Markit-Institut im August sichtbar unter jenen magischen 50 Punkten, die Wachstum ankündigen. Mit Blick auf die Großen in Euro-Land murmelt Markit von einem „bedeutsamen Rückgang der Produktion“.

Die Wirtschaft der gesamten Euro-Zone werde im laufenden dritten Quartal um ein halbes Prozent schrumpfen. Im zweiten waren es minus 0,2 Prozent. Ergo: Double Dip, die zweite Rezession. Commerzbank-Ökonom Christoph Weil stemmt sich gegen die dunklen Prophezeiungen. „Die Daten geben Hoffnung, dass die Rezession im Euro-Raum zur Jahreswende endet.“ Das wäre schön, zumal die Arbeitslosigkeit weiter steigt.

Aber selbst wenn Europa das hinkriegt, wird trotzdem nicht alles gut. Blicken wir auf die USA. Amerika hat das Tal der Tränen durchschritten, das BIP ist wieder oberhalb des Crash-Levels. Das ist die gute Nachricht. Aber die Lehman-Rezession war auch die längste seit 1945, doppelt so lang wie der Durchschnitt. Und die Arbeitslosigkeit will nicht schmelzen.

Wir scheinen uns also in einer anderen Welt zu befinden, als der dogmatische Keynesianismus wähnt. Ein Zehn-Prozent-Defizit reicht offensichtlich nicht aus, um ein dauerhaftes Feuer im Kessel zu entfachen. Wie wär’s dann mit 60 Prozent vom BIP? Erst mit dieser „Atombombe“ haben die USA die Große Depression bezwungen.

Zeit zum Aufwachen

Die Stagnation: Vielleicht gibt’s nur ein ganz kleines Double Dip. Die längerfristige Zukunft sieht dagegen gar nicht gut aus – besagt jedenfalls der Rückblick auf die letzten 40 Jahre. Die „lange Reihe“ der Daten kündet von einem sanften, wiewohl anhaltenden Abstieg. Das Wachstum der EU-27 sieht so aus: Siebziger: 3,13 Prozent; Achtziger: 2,46 Prozent; Neunziger: 2,14 Prozent; 2001 bis 2010: 1,38 Prozent.

Die Rechnung für das vergangene Jahrzehnt ist nicht fair, weil in dieser der große Abschwung von 2009 steckt. Aber am Gesamtbild ändert der Crash nur wenig. Die Tendenz zeigt seit 40 Jahren nach unten, und nichts deutet darauf hin, dass 2013 ff. das frühere Wachstum zurückholt. Jedenfalls fragt die „Herald Tribune“ in Anspielung auf Japan: „For Europe, a lost decade?“ Ein „verlorenes Jahrzehnt“?

Man darf die Zeitreihen auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Seit 1970 ist der EU-Anteil am Weltprodukt um sage und schreibe zehn Punkte gefallen, derweil der amerikanische stabil blieb und die üblichen Verdächtigen – China, Indien und Co. – kräftig zugelegt haben. Diese 500 Millionen Menschen mit ihrem wunderbaren Wohlstand und der feinsten Infrastruktur fallen zurück – im Wachstum wie im Anteil am Weltwirtschaftsprodukt.

Dies ist das gefährlichste Monster von den dreien, denn es wächst seit Jahrzehnten heran. Es zeugt von einer schleichenden strukturellen Krise, vom kollektiven Versagen der EU-27, die Anpassung an die neue Welt zu bewältigen. Wie sollte sie auch angesichts der Verhärtungen, die sich Europa selber auferlegt hat?

Rigide Arbeitsmärkte, steigender Staatsanteil, anschwellende Transferzahlungen, Steuer- und Subventionssysteme, die Ressourcen ins Unproduktive lenken … Sie haben alle einen gemeinsamen Nenner: die Bewahrung des Status quo. „Zeit zum Aufwachen!“ darf man der politischen Klasse zurufen. Zeit, sich das ehemalige Wunderkind Japan anzusehen, damit wir dieses traurige Schicksal vermeiden. Zeit, weit über den „Grexit“-Tellerrand zu blicken.

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