Die Vorteile der alternativen Währungen

quelle: wiwo.de

Alternative Währungen dienen nicht nur als bloßes Zahlungsmittel. Sie stiften enge Beziehungen und vermitteln nicht-monetäre Werte.

Bild Ersatzgeld Havelblüten
Ersatzgeld Havelblüten

Wenn Wirtschaft heißt, dass Waren und Güter arbeitsteilig produziert und gehandelt werden, dann ist Geld der Schmierstoff der Wirtschaft. Als bloßes Dazwischen besteht sein Wert darin, laufend verschiedene Dinge miteinander vergleichbar zu machen. Andererseits ist die Neutralität des Geldes ein einzig Ärgernis: Weil es keinen Wert in sich trägt, ist es ihm ganz gleich, ob mit seiner Hilfe Butterbrote oder Beamte geschmiert werden.

Herzloses Geld

Dass der Kapitalismus mitunter als kalte Wirtschaftsform empfunden wird, hat viel mit der Herzlosigkeit des Geldes zu tun. Und so fehlt es nicht an Versuchen, subkapitalistische Währungen zu etablieren, um sie mit nicht-monetären Werten anzureichern, im Gegenteil: Das Spektrum alternativer Wertspeicher und komplementärer Zahlungsmittel ist mittlerweile unübersichtlich groß.

Was alle Nebengelder eint, ist der genossenschaftliche Gedanke, der in ihnen zum Ausdruck kommt: Mit dem Parallelgeld bringt (immer) ein bestimmter Personenkreis (meist) in einer bestimmten Region Werte in Umlauf, die a) von allen Nutzern geteilt werden und die sich b) nicht in Euro, Dollar oder Yen ausdrücken lassen. Kurzum: Anders als Geld, das zu nichts verbindet, läuft Parallelgeld in der dezidierten Absicht um, wechselseitige Verpflichtungen zu stiften.

Bild Ersatzgeld Urstromtaler
Ersatzgeld Urstromtaler

Das eminenteste Beispiel ist der schweizerische WIR-Franken, der 1:1 zum Franken steht und in einem geschlossenen Kreislauf zwischen mehr als 60 000 kleinen und mittelständischen Unternehmen zirkuliert. Emittent des Giralgeldes ist die genossenschaftliche WIR-Bank, eine Art Zentralbank, die Mitgliedern gegen Sicherheiten besonders zinsgünstige Kredite vergibt – typischerweise für eine Investition oder einen Neubau.

Der Clou des WIR-Geldes besteht aber nicht in seiner Billigkeit, sondern paradoxerweise darin, dass es sich bei ihm im Vergleich zum Schweizer Franken um das eigentlich schlechtere Geld handelt: Weil seine Kaufkraft im Teilnehmerkreis gebunden (also eingeschränkt) ist, möchte man ihn schneller wieder loswerden als universal gültiges Geld.

Auf diese Weise machen sich die WIR-Teilnehmer ihre Kaufkraft einander dienstbar – und verschaffen sich wechselseitig ein Umsatzplus: Der Darlehensnehmer kauft Dienstleistungen ein, die er mit WIR-Geld bezahlt – und er stottert seinen Kredit ab, indem er WIR-Geld verdient. Die Vorteile des Systems sind so offensichtlich, dass sie auch dem Staat einleuchten: Die Schweiz duldet das Nebengeld der 1936 mit einer Banklizenz geadelten Genossenschaft (WIR-Umsatz 2011: 1,55 Milliarden) auch deshalb, weil es eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur „made in Switzerland“ stärkt.

Bild Ersatzgeld Chiemgauer
Ersatzgeld Chiemgauer

Im Unterschied zum virtuellen WIR-Geld der Schweiz sind in Deutschland zahlreiche echte Blüten im Umlauf, darunter der Chiemgauer, die Havelblüte (Potsdam) und der Urstromtaler (Sachsen-Anhalt). Sie alle haben das doppelte Ziel, die regionale Wertschöpfung zu steigern und persönliche Vor-Ort-Verbindlichkeiten zu schaffen; bei allen handelt es sich um regionales Schwundgeld, also um Geld, dessen bleibender Wert von seiner rechtzeitigen Weitergabe abhängt – und das daher unter seinen Teilnehmern (550 Unternehmen im Chiemgau) möglichst oft und schnell kursiert.

Zeit als Währung

Noch einen Schritt weiter geht Rolf Schilling als Projektleiter Gemeinde- und Regionalwährungen der Talente-Genossenschaft im österreichischen Vorarlberg: Er implementiert nicht nur Komplementärwährungen (Langenegge Talente, Walser-Thaler), sondern versucht auch die Idee der angloamerikanischen Timebanks zu Ende zu denken: Für immerhin 2000 Vorarlberger (ein halbes Prozent der Bevölkerung) ist Zeit eine Währung, in der sie Kinderbetreuung gegen Rasenmähen oder Altenbetreuung gegen Sockenstricken verrechnen.

Schilling macht keinen Hehl daraus, dass mit diesem Tauschring vor allem soziale Probleme bekämpft werden: Die Zersiedelung der ländlichen Region, die Abwanderung der Jungen, eine älter und kleiner werdende Bevölkerung – „es geht darum, persönliche Beziehungen zu stärken und mit Leistungen, die in der Euro-Ökonomie unwirtschaftlich sind, nicht-materielle Werte zu schaffen“.

Eine ganz besonders hübsche Idee ist die Zeitvorsorge, die die Nachbarschaftshilfe ergänzt. Hier können Teilnehmer Altenbetreuungs- und Altenpflege-Stunden leisten und ihre Zeitguthaben (inflationssicher!) anlegen – bis sie dereinst selbst betreut und gepflegt werden müssen. Freilich: Die österreichische – und auch deutsche – Sozialversicherungsgesetzgebung spielt vorerst nicht mit: Sie sieht Dienstverhältnisse vorliegen und wittert Scheinselbstständigkeit. Gernot Jochum-Müller, Unternehmensberater und Obmann der Talente-Genossenschaft, projektiert ein Zeitvorsorgemodell daher gerade in Südtirol – um es beizeiten reimportieren zu können.

„Eine Hand wäscht die andere“

Ersatzgeld Chiemgauer

Im Unterschied zum virtuellen WIR-Geld der Schweiz sind in Deutschland zahlreiche echte Blüten im Umlauf, darunter der Chiemgauer, die Havelblüte (Potsdam) und der Urstromtaler (Sachsen-Anhalt). Sie alle haben das doppelte Ziel, die regionale Wertschöpfung zu steigern und persönliche Vor-Ort-Verbindlichkeiten zu schaffen; bei allen handelt es sich um regionales Schwundgeld, also um Geld, dessen bleibender Wert von seiner rechtzeitigen Weitergabe abhängt – und das daher unter seinen Teilnehmern (550 Unternehmen im Chiemgau) möglichst oft und schnell kursiert.

Zeit als Währung

Noch einen Schritt weiter geht Rolf Schilling als Projektleiter Gemeinde- und Regionalwährungen der Talente-Genossenschaft im österreichischen Vorarlberg: Er implementiert nicht nur Komplementärwährungen (Langenegge Talente, Walser-Thaler), sondern versucht auch die Idee der angloamerikanischen Timebanks zu Ende zu denken: Für immerhin 2000 Vorarlberger (ein halbes Prozent der Bevölkerung) ist Zeit eine Währung, in der sie Kinderbetreuung gegen Rasenmähen oder Altenbetreuung gegen Sockenstricken verrechnen.

Schilling macht keinen Hehl daraus, dass mit diesem Tauschring vor allem soziale Probleme bekämpft werden: Die Zersiedelung der ländlichen Region, die Abwanderung der Jungen, eine älter und kleiner werdende Bevölkerung – „es geht darum, persönliche Beziehungen zu stärken und mit Leistungen, die in der Euro-Ökonomie unwirtschaftlich sind, nicht-materielle Werte zu schaffen“.

Eine ganz besonders hübsche Idee ist die Zeitvorsorge, die die Nachbarschaftshilfe ergänzt. Hier können Teilnehmer Altenbetreuungs- und Altenpflege-Stunden leisten und ihre Zeitguthaben (inflationssicher!) anlegen – bis sie dereinst selbst betreut und gepflegt werden müssen. Freilich: Die österreichische – und auch deutsche – Sozialversicherungsgesetzgebung spielt vorerst nicht mit: Sie sieht Dienstverhältnisse vorliegen und wittert Scheinselbstständigkeit. Gernot Jochum-Müller, Unternehmensberater und Obmann der Talente-Genossenschaft, projektiert ein Zeitvorsorgemodell daher gerade in Südtirol – um es beizeiten reimportieren zu können.

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