Die Wahrheit stirbt in der Vereinfachung

quelle: journal21
Schon wieder „clash of civilizations“?

Von Helmut Scheben

Ein einziges Hass-Video bringt die Welt aus den Fugen. Ist es so einfach? Vermutlich nicht. Zumindest im Fall Libyen ergibt die Faktenlage ein anderes Bild.

Botschaften westlicher Länder gehen in Flammen auf, amerikanische Diplomaten werden ermordet, die muslimische Welt ist in Aufruhr. Und was ist der Grund für all das? Offenbar ein Video-Filmchen, das fanatische Islam-Hasser ins Netz gestellt haben. Aber Vorsicht vor verkürzten Kausalitäten, da sind noch eine Menge anderer Faktoren im Spiel.

Wanis el-Sharif, Vize-Innenminister in der östlichen Region von Libyen, war nach eigenem Bekunden der leitende Krisenmanager in der Nacht vom 11. auf den 12. September. Er geht davon aus, dass die Angriffe in Bengasi, bei denen der US-Botschafter Chris Stevens und drei weitere Amerikaner getötet wurden, langfristig vorbereitet wurden. Der Anschlag war demnach ein sorgfältig geplanter Terrorakt, und das Datum 9/11 – der Jahrestag der Anschläge in den USA – war selbstverständlich nicht zufällig gewählt.

Eine willkommene Koinzidenz

Laut Wanis el-Sharif waren die Angreifer schwer bewaffnet, nicht nur mit Sturmgewehren, sondern mit Panzerfäusten und Maschinengewehren. Sie erschienen mit den hinlänglich bekannten Pickups vor Ort, und sie benutzten offensichtlich eine wütende Menschenmenge als eine Art Cover für ihren Angriff (International Herald Tribune, 14. 09. 2012). Aus den Erklärungen von el-Sharif lässt sich ableiten, dass das anti-islamische Video zufällig zur gleichen Zeit bekannt geworden war und für Empörung sorgte, – eine Koinzidenz, die die Angreifer vortrefflich für ihre Zwecke zu nutzen wussten.

Die libyschen Sicherheitskräfte, die das amerikanische Personal im Konsulat schützen sollten, sahen sich dazu offenbar nicht in der Lage. Sie riefen eine islamische Miliz zu Hilfe, die „Brigade 17. Februar“, die wohl stärkste bewaffnete Gruppe im Osten von Libyen. Laut dem Führer dieser Brigade sind Polizei oder Militär der libyschen Regierung im Osten des Landes „abwesend“, und selbst wenn sie vor Ort wären, wären sie nicht in der Lage, die verschiedenen Milizen zu entwaffnen: „Die Milizen beherrschen die Strassen, ihre Entwaffnung ist ein ungelöstes Problem.“ (New York Times, 15. 09.12).

Gut informierte Angreifer

Der Mob drang gegen 22.15 Uhr in das Konsulatsgebäude ein und legte Feuer. Es ist möglich, dass Botschafer Stevens im Rauch erstickte, er wurde offenbar von seinen Leuten getrennt, und die Suche nach ihm musste wegen des Feuers und der Schiesserei aufgegeben werden. Laut offiziellen amerikanischen Quellen konnten die Angreifer nach ungefähr einer Stunde zurückgedrängt werden. Unterdessen war ein libysch-amerikanisches Kommando aus Tripolis am Flughafen eingetroffen, um den Rest des amerikanischen Personals – rund 30 Personen – auszufliegen.

Aus bislang unbekannten Gründen hatte man sich jedoch entschieden, die Amerikaner zunächst in ein sicheres Haus in Bengasi zu bringen. Als das Kommando dort eintraf, griffen die Milizen erneut an. Sie kannten also offenbar das geheime “safe house“ und waren bestens über die Rückzugsmöglichkeiten der Amerikaner informiert. „Sie müssen einen Spion in den Security-Leuten gehabt haben“, vermutet der regionale Vize-Innenminister Wanis el-Sharif. All das deutet darauf hin, dass die Anschläge von Bengasi von langer Hand geplant war und von einer spontanen Erhebung empörter Salafisten keine Rede sein kann.

Libyen – eine Erfolgs-Story?

Chris Stevens war offenbar ein sympathischer Diplomat. Der 52-jährige US-Botschafter sprach gut arabisch und wurde in Libyen von vielen politischen und sozialen Gruppen als zuverlässiger und freundlicher Gesprächspartner geachtet. Das sagt jedenfalls sein Kollege in Bern, Botschafter Donald Beyer. Der Diplomat zeigt sich erstaunt über den Angriff: „Überraschend war, dass dieser Angriff in Libyen stattfand. Wir hatten das Land als Erfolgsgeschichte gesehen.“ (Sonntagszeitung, 16.09.2012)

Ein erstaunlicher und befremdender Satz. Libyen eine Erfolgs-Story? Der durchschnittlich interessierte Zeitungsleser muss seit Monaten zur Kenntnis nehmen, dass Libyen nach Gaddafi im Chaos zu versinken droht. Bewaffnete Stammes-Milizen, islamistische Gotteskrieger, ehemalige Gaddafi-Anhänger und kriminelle Banden machen sich die Macht im Land streitig. Alte Rechnungen werden beglichen. Ein Beispiel: Vor vier Wochen griffen libysche Regierungseinheiten 60 Kilometer südöstlich der libyschen Hauptstadt ein Waffenlager der sogenannten „Brigade der Getreuen“ an, Anhänger des gestürzten Muammar Gaddafi. 30 Raketenwerfer und 100 Panzer wurden dabei beschlagnahmt. In Worten: hundert Panzer. Dieselbe Miliz hatte im Juni den internationalen Flughafen von Tripolis gestürmt und den Flugverkehr lahmgelegt (NZZ, 26.08.2012).

Die grösseren Städte sind nach wie vor unter der Kontrolle von einem „patchwork of independent militias“, schreibt die New York Times. Und die Anschläge in Bengasi vom 11. September sind „nur ein neues Zeichen für die Schwierigkeiten der Behörden in Tripolis, die vielen bewaffneten Gruppen im Land in Schach zu halten.“ (NZZ, 13.09.2012)

Der simple Mythos für Libyen

Alles deutet zur Zeit darauf hin, dass Libyen eine „Erfolgs-Story“ von der afghanischen und irakischen Sorte zu werden droht. Besonnene Stimmen hatten gewarnt. Doch die NATO-Strategen sahen im sogenannten arabischen Frühling die Chance, Gaddafi zu stürzen und damit die Machtverhältnisse im Maghreb zum Kippen zu bringen. Inwieweit das libysche Erdöl oder die gewaltigen Wasservorkommen unter der Sahara bei der NATO-Intervention eine Rolle spielten, darüber kann nur spekuliert werden.

Um die Sache plausibel zu machen, wurde den komplizierten historisch gewachsenen Stammeskonflikten in Libyen ein simpler Mythos übergestülpt: „Das Volk erhebt sich gegen den Tyrannen.“ Solche stets brauchbaren Märchenbilder (der Mythos vom Massenaufstand, der Mythos von David gegen Goliath etc.) vereinfachen komplizierte soziale Konflikte und werden zudem von den Medien immer dankend aufgegriffen.

Sie erleichtern die Berichterstattung besonders für diejenigen News-Journalisten, die unter grossem Zeitdruck arbeiten und komplexe Zusammenhänge meistens in wenigen Sätzen erklären müssen (Tagesschau, Radionachrichten). Praktisch und überzeugend ist – so unwahrscheinlich es tönen mag – die Erstklässler-Vorstellung, dass die Welt ziemlich einfach in Böse und Gute einzuteilen ist. Die Message der NATO lautete: Wir bombardieren die Bösen und bringen die Guten an die Macht. Das Resultat muss folglich von der Art sein, wie es US-Botschafter Beyer ausdrückt: „Wir dachten, Libyen sei eine Erfolgs-Story.“

Zweierlei Arten von Flüchtlingen

Nein. Libyen ist keine Erfolgs-Story und wird es in absehbarer Zeit nicht sein. Denn die Toten sind immer noch tot, und die Beinamputierten sind immer noch beinamputiert, die Vergangenheit ist nicht vergangen, und der Hass wird über Generationen hinweg weiterschwelen. Es gibt wohl wenige Familien in Libyen, die nicht Tote oder verkrüppelte Opfer des Libyen-Feldzuges zu beklagen haben.

Mehrere hunderttausend Flüchtlinge wurden registriert, verschämt verschwiegen wurde aber in den Pressekonferenzen der NATO die hohe Zahl derjenigen, die nicht vor den Truppen Gaddafis fliehen mussten, sondern vor den Bomben der NATO und vor den ethnischen und politischen Säuberungen der sogenannten Rebellen. Erst als ganze Touareg-Brigaden den Norden von Mali besetzten, merkten manche, dass der Sturz Gaddafis mehr Probleme nach sich ziehen könnte als die schnell schiessenden NATO-Strategen erwartet hatten.

Angriff auf die Identität

Arnold Hottinger hat im Journal21 („Der Film des Anstosses“) überzeugend dargelegt, dass die Verunglimpfung des Propheten Mohammed in der muslimischen Welt nicht nur als Beleidigung des Glaubens empfunden wird, sondern als ein direkter Angriff auf die eigene persönliche Identität.

Hottinger: „Man sieht diesen Versuch, genauer man empfindet ihn, als die Kumulation aller Angriffe, als die letzte Konsequenz und den beabsichtigten Todesstoss, nach allen vorausgegangenen Angriffen.“ Und diese vorausgegangenen Angriffe beginnen spätestens bei der Vertreibung der Palästinenser und den sinnlosen Kriegen im Irak und in Afghanistan.

Das Hass-Video ist in diesem Sinn nicht mehr und nicht weniger als der Tropfen, der das Fass einmal mehr zum Überlaufen bringt. Ein Fass gefüllt mit all der Wut, die sich in der muslimischen Welt angestaut hat, seit die Regierung George W. Bush ihren absurden „Krieg gegen den Terror“ begonnen hat. Man kann gegen den Terror ebensowenig Krieg führen wie gegen den Krebs. Man kann eine Lebensweise vermeiden, die nachweislich das Entstehen von Krebs begünstigst. Und man kann politische Verhältnisse ändern, die nachweislich Selbstmord-Attentäter am Fliessband produzieren. Zum Beispiel in den von Israel besetzten Gebieten.

Der nächste Angriffskrieg

In dieser Hinsicht stellt sich die Frage: Was ist bedrohlicher für den Weltfrieden, das blödsinnige Video eines gestern noch unbekannten Hass-Predigers, der ein Nobody wäre ohne das Internet, oder die Predigt eines Regierungs-Chefs, der mit fanatischem Eifer einen weiteren Angriffskrieg im Nahen Osten herbeiredet? Seit Monaten plant Benjamin Netanyahu, Premierminister der Atom-Macht Israel, einen Erstschlag gegen den Iran, obwohl selbst die notorischen „westlichen Geheimdienst-Kreise“ keine Beweise dafür haben, dass Teheran eine Bombe baut. Die Gasmasken in Israel werden bereits verteilt, die Bunker hergerichtet.

Verkehrte Welt: Überall wird darüber diskutiert, ob das Produkt eines kleinen Hass-Predigers verboten werden muss. Staatsmänner, die Angriffskriege predigen, können dagegen ungehindert ihre Botschaft verkünden, niemand wagt es, ihnen Einhalt zu gebieten.

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