Wem gehört das Geld?

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Make love not law: Kleines Lanzebrechen für Heckenschützen

quelle: eigentümlich frei

Gruß an Wikipedia und Co.

Wer kennt es nicht? „Fluppy12“ und „Dildo38“ lästern im Netz über einen Dritten. Ihren wirklichen Namen nennen sie nicht. Sie verstecken sich hinter der Anonymität des weltweiten Netzes. Was für Martin Luther als Junker Jörg oder Erich Kästner als Berthold Bürger notwendig war, um lebensbedrohlichen Repressionen zu entgehen, oder was für Charlotte Brontë alias Currer Bell überhaupt erst die Publikationsmöglichkeit eröffnete, ist heute zu einem Problem eigener Art geworden. Namenverbergendes Cyber-Mobbing beschäftigt die Gemüter.

Wikipedia beschreibt das Phänomen: „Mit Cyber-Mobbing werden Formen der Diffamierung, Bedrängung und Nötigung anderer mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet bezeichnet. Die Opfer werden durch Verbreitung falscher Behauptungen gemobbt. Täter werden als Bullies bezeichnet. Die Motive sind vielschichtig: Man versucht, Konkurrenz klein zu halten. Die Hemmschwelle, im Internet andere zu verhöhnen, ist gering. In der Anonymität muss ein Täter seinem Opfer nicht in die Augen blicken. Es ist einfach, Unwahrheiten zu äußern: Dieser Effekt wird als Online Disinhibition Effect (Enthemmungseffekt) bezeichnet. Es fällt Menschen, insbesondere Jugendlichen, schwerer, ihre Impulse zu zügeln, wenn soziale Kontrolle wegfällt.“ Generell müsse allerdings, heißt es weiter, „in der digitalen Wirklichkeit wie im analogen Leben das allgemeine Prinzip der Verantwortlichkeit gelten: Alle sind selbst für das verantwortlich, was sie sehen, tun (oder unterlassen), veröffentlichen.“ Grundsätzlich hätten die Betreiber von sozialen Netzwerken im Internet daher „ein starkes Interesse, Cyber-Mobbing einzudämmen, denn ihr Erfolg hängt entscheidend ab von ihrem guten Ruf“.

In der Tat. Anders als zu Zeiten Luthers und Kästners herrschen heute Presse- und Meinungsfreiheit. Sie schützen jeden, der sich äußert, vor Repression und Verfolgung. Zur Ehre eines jeden seriösen Meinungsinhabers gehört daher, mit offenem Visier zu argumentieren, Gesicht zu zeigen und Verantwortung für seine Äußerung zu übernehmen. Gerade weil Meinungsfreiheit für eine Demokratie „schlechthin konstituierend“ ist, wie das Bundesverfassungsgericht definiert hatte, sollen Äußerungen auf ihre Quelle zurückverfolgt werden können. Paragraph 8 des Landespressegesetzes Nordrhein-Westfalen bestimmt daher: „Auf jedem im Geltungsbereich dieses Gesetzes erscheinenden Druckwerk müssen Name oder Firma und Anschrift des Druckers und des Verlegers, beim Selbstverlag des Verfassers oder des Herausgebers, genannt sein. Auf den periodischen Druckwerken sind ferner Name und Anschrift des verantwortlichen Redakteurs anzugeben.“

Allerdings wird man fragen müssen, ob diese professionellen Maßstäbe auf Internetäußerungen angewendet werden können, die augenscheinlich von Urhebern zwischen früher Pubertät und später Adoleszenz stammen. Für jugendliche Autoren, die ihre ersten öffentlichen Gehversuche mit Meinungsäußerungen wagen, ist menschlich nur allzu verständlich, wenn sie sich nicht gleich drohender Lächerlichkeit preisgeben mögen.

So hat die anthropologische Besonderheit, dass Heranwachsende ausgerechnet zum Zeitpunkt ihrer maximalen intellektuellen Desorientierung auch den Höhepunkt ihrer emotionalen Gewaltpotentiale erreichen, den Gesetzgeber bewogen, mit dem sogenannten „Vermummungsverbot“ bei Demonstrationen auf eine gezielte Reduzierung des von Wikipedia beschriebenen „Enthemmungseffektes“ hinzuwirken. Nach Paragraph 17a Absatz 2 Versammlungsgesetz gilt bei öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel: Es ist verboten, an derartigen Veranstaltungen in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen oder den Weg zu derartigen Veranstaltungen in einer solchen Aufmachung zurückzulegen.

Hat ein Jugendlicher allerdings erst einmal ein solches Stadium erreicht, in dem er zu körperlichen oder verbalen Aggressionen aus der vermummten Anonymität heraus bereit ist, dann fällt es schwer, ihn wieder auf den Pfad eines intellektuell redlichen und herrschaftsfreien Diskussionsbetriebes zurückzuführen. Der FID-Verlag in Bonn jedenfalls ist auf seiner Seite elternwissen.com, einem „kompetenten Eltern-Ratgeber rund um Kindergesundheit, Lernen, Schule und Freizeit“, sicher, dass schon früher in der Erziehung angesetzt werden sollte, um die Frage zu beantworten: „Wie wachsen Kinder zu anständigen, ehrlichen, liebevollen und friedfertigen Menschen heran?“

Der Ratgeber erläutert: „Kinder kommen als kleine Egoisten auf die Welt, die anfangs nur ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Jüngere Kinder sind noch nicht in der Lage, zwischen Mein und Dein unterscheiden. Wenn ein Kleinkind versucht, die Welt kennenzulernen, kann es das nur, indem es so tut, als sei alles seins. Bis zum Alter von drei bis vier Jahren ist dieses Verhalten keine böse Absicht, sondern schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu entscheiden. Erst danach, mit zunehmender sozialer Erfahrung, steigt auch die Fähigkeit des Kindes, bei persönlichen Entscheidungen die Interessen anderer Kinder und Erwachsener mit einzubeziehen. Erst im Vor- und Grundschulalter können Kinder also die moralische Dimension ihres Handelns erkennen.“

Ebenso sieht dies das „Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt“, das auf buendnis-toleranz.de sein Projekt „Balu und Du. Oder wie können Kinder Toleranz und Demokratie schätzen lernen?“ vorstellt. Dort heißt es: „Welche Erfahrungen sollte ein Kind im Alter von sechs bis zehn Jahren machen, um als Jugendlicher und Erwachsener eine aktiv demokratische, tolerante und partizipative Lebenseinstellung zu erlernen? Das Programm Balu und Du vermittelt Erlebnisse, Lerninhalte oder Einsichten, die dem Verstehenshorizont eines Grundschulkindes entsprechen und die mit der Hoffnung verbunden sind, dass sich Gewalt, Extremismus, Rücksichtslosigkeit und Intoleranz in unserer Gesellschaft gar nicht erst etablieren. Mit dem Mentorenprogramm Balu und Du soll benachteiligten Grundschulkindern der Start ins Leben einfacher gemacht werden. Kinder erhalten die persönliche Betreuung durch einen jungen Erwachsenen. Dieser große Freund, der Balu, trifft das Kind, den Mogli, um es in seiner Entwicklung zu fördern. Die Gründe für die Aufnahme in das Mentorenprogramm sind unterschiedlich. So beispielsweise, wenn Kinder oft alleine zu Hause sind. Manchmal fallen sie als Mobber auf und ihre Sozialentwicklung gibt Anlass zu Sorge. Oft haben Kinder auch bizarre Vorurteile. Die wöchentlichen Tagebücher der Balus stellen einen Erfahrungsschatz bezüglich der kindgemäßen Vermittlung von tolerantem und partizipativem Verhalten dar. Es handelt sich dabei um Vorformen oder auch Voraussetzungen für spätere Demokratie und Toleranz. Diese sind einfache Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Perspektivwechsel, respektvoller Umgang, Entscheidungen treffen, unterschiedliche Normen respektieren. Die Tagebücher zeigen, dass sozial benachteiligte Kinder vieles im Alltag erst noch lernen müssen.“

Erwachsene sind demnach wohl gut beraten, das Verhalten mobbender Internet-Autoren im Entwicklungsstadium der Vor- und Grundschule nicht mit den strengen Augen des Gesetzes zu betrachten, sondern allen Bullies, denen das Toleranz- und Demokratieerlernen mit einem liebevollen Balu versagt geblieben ist, ein wohlwollendes Friedenssignal zu senden: Ich weiß, dass Dein Verhalten keine böse Absicht ist. Du kannst es einfach noch nicht besser. Du musst auch keine Angst haben. Lass uns einfach darüber reden. Gemeinsam entdecken wir die moralischen Dimensionen Deines Tuns.

von Carlos A. Gebauer

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 128

Alana Thompson, die Schlagzeilenschleuder

gelesen beim Tages Anzeiger

Von Simone Meier

Honey Boo Boo ist der grösste Reality-TV-Star der USA: Die siebenjährige Alana Thompson stammt aus einer mausarmen Familie in den Südstaaten – und ist Amerikas neues Integrationsmaskottchen.

Aspirierende Schönheitskönigin: Alana Thompson alias Honey Boo Boo.

Aspirierende Schönheitskönigin: Alana Thompson alias Honey Boo Boo.
Bild: Keystone

Die Sache mit dem toten Tier katapultierte die Thompsons auf eine ganz andere Ebene im Bewusstsein der USA. Plötzlich waren sie praktische, gerissene, überlebensfähige Selbstversorger. Ein karitativer Polizist hatte die Thompsons angerufen: Er hatte mal wieder ein schönes Stück «Roadkill» gesehen, ein überfahrenes Tier, ein Reh wahrscheinlich. Vater Mike (40), Mutter June (32 und 159 Kilo schwer), die drei Töchter im Teeniealter und die damals sechsjährige Alana, die unter dem Künstlernamen Honey Boo Boo an Schönheitswettbewerben auftrat, machten sich dankbar auf, kratzten das Tier von der Strasse, tauften es auf den Namen Darlene und verarbeiteten es zu Steaks und Hackfleisch. Das kleine Holzhaus der Thompsons in McIntyre, Georgia, stellte sich trotzig dem kalten Atem der Wirtschaftskrise.

Reality-TV vor dem Sündenfall

Das war im Frühling in der Sendung «Toddlers & Tiaras», die kleine Mädchen zu «Pageants», also zu diesen perversen Schönheitswettbewerben am Rand der Kinderprostitution begleitete. Alana war eines davon, das lauteste, ordinärste, mit der lautesten, ordinärsten und ärmsten Familie. Der Vater ein Kalkminenarbeiter ohne Job, Tochter Anna (17) schwanger und kein Kindsvater in Sicht. White Trash. Rednecks dazu. Also reaktionäre, ungebildete, weisse Südstaatler, die in ihrer Freizeit gerne in Wasserbottichen nach abgesägten Schweinefüssen tauchen. Mit dem Mund. Und jetzt sah Amerika Alana, wie sie zu einem blutigen Knochen von Darlene sagte: «You look soooo good!», und wie sie hingebungsvoll die kleinsten Reste von Darlene in den Fleischwolf stopfte. «Ob Reh, ob Hirsch, wir freuen uns immer über Gratisfleisch», sagte die Mutter.

Dass sich ausgerechnet ein Mädchen mit Genuss in diese blutrünstige Archaik wirft und sich als Nachfahrin hartgesottener Siedler qualifiziert, das hatte Amerika zuletzt im Kino gesehen. In «Hunger Games», wo Jennifer Lawrence als bitterarmes Kind in einer TV-Show ums Überleben kämpfte und Eichhörnchen ass. In «Winter’s Bone», wo Jennifer Lawrence als Tochter mausarmer Hinterwäldler Eichhörnchen grillierte und sich mit ihrer Drogen fabrizierenden Verwandtschaft herumschlug.

Honey Boo Boo, dieses entsetzliche, aber auch auf seltsame Art süsse Kind verkörpert zugleich Amerikas Bodensatz und Bodenschatz. Jedenfalls aus der Sicht smarter Fernsehmacher. Da lässt sich etwas ausbeuten, was sich der Ausbeutung noch nicht bewusst ist. Unterschichtsfernsehen knapp vor dem Sündenfall gewissermassen. Was für ein Fund. Was für eine Faszination. Und was für ein Erfolg.

Honey Boo Boo überflügelt mit ihren Quoten jede andere Reality-Show in Amerika. Sie ist der krasse Gegenentwurf zu andern Mädchenpflanzen der Reality-Landschaft. Zu glitzrigen Luxusgeschöpfen wie Paris Hilton, wie den «Real Houswives of New York», wie den dauerbesoffenen Party-Volldeppen in «Jersey Shore» oder wie den Schwestern Kardashian, von denen die berühmteste, Kim, jetzt mit dem steinreichen Rapper Kanye West liiert ist. Zu Leuten also, für die der amerikanische Traum vom Glück im grossen Geld noch funktioniert.

Fast wie bei Michael Moore

Für Alana alias Honey Boo Boo funktioniert er nicht, ihre Reality entspricht der Realität ihrer Klasse, glitzrig sind nur die Pailletten ihrer albernen Wettbewerbskostüme. Und das, obwohl sie seit August ihre eigene TV-Show «Here Comes Honey Boo Boo» hat. Es ist dort ihr Leben zwischen Dreck und BeautyPageants zu verfolgen, die Wettbewerbe verliert sie so gut wie immer, und dafür, dass der Dreck auch Dreck bleibt, sorgt der TV-Sender TLC.

Die Abkürzung TLC steht für «The Learning Channel», gegründet wurde er einst vom Gesundheitsministerium, der Sozialhilfe und der Nasa. TLC bezahlt den Thompsons für jede der zehn Folgen 2000 Dollar, und im September verkündete Mutter June stolz, dass sie jetzt schon unfassbare 3000 Dollar für die Zukunft ihrer Kinder gespart habe. Vielleicht gönnt sich die Frau, die fast nichts mehr sieht, zuerst einmal einen Augenarzt. Und vielleicht muss sie bald nicht mehr jeden Gutschein sammeln, auch aus dem Altpapier fremder Leute, um riesige Mengen von Sonderangeboten zu erstehen. «Gutscheine sind besser als Sex», sagt June. Spätestens da wähnt man sich in einem Dokumentarfilm von Michael Moore. Die Drastik des amerikanischen Elends. Das (noch) nicht vorhandene Gesundheitswesen. Der böse Staat. Die harte Faust des Schicksals.

Cleverer Trick des Schicksals

Natürlich ist das Baby von Honey Boo Boos Schwester behindert. Es kommt mit sechs Fingern zur Welt. «Jedes Kind kommt mit einer Besonderheit zur Welt», sagt die 32-jährige Oma June und wackelt mit ihrem Dreifachkinn. «Es ist einfach ein weiteres Familienmitglied, das ich liebe!», sagt Honey Boo Boo. Die Abwesenheit von Bildung wird aufgewogen durch die Anwesenheit von Herzensbildung.

Und natürlich ist Honey Boo Boos Onkel schwul. Schwul in den Südstaaten! Was für ein cleverer Trick des Schicksals – oder doch ein cleverer Trick der Scriptwriter? Und natürlich ist ihre beste Freundin schwarz! Und sie selbst, was spricht sie da eigentlich für ein interessantes Idiom? Eins, das aus dem Fernsehen kommt, sagen die Linguisten, es sei der Slang von schwarzen Frauen, wie er in Talkshows präsent ist. Und schon war Honey Boo Boo das Wunderwesen, das eine Brücke schlägt zwischen weisser und schwarzer Unterschicht. Das Integrationsmaskottchen.

Erst sieben und schon politisch

Honey Boo Boo ist Teil des sich endlos selbst befruchtenden Medienzirkus. Eine Schlagzeilenschleuder. Anfang dieser Woche sagte Jennifer Lawrence, sie habe neulich einen Autounfall gebaut, weil sie auf den T-Shirts von ein paar Frauen «Boo» gelesen und gedacht habe, die warteten auf Honey Boo Boo. Es hiess dann allerdings «Boobs», und die Frauen protestierten gegen Brustkrebs. Honey Boo Boo hatte höhere Einschaltquoten als die Verkündigung von Mitt Romneys Präsidentschaftskandidatur. Worauf Mitt Romney in einer Talkshow sagte, er ziehe die schicken Kardashians dem Dreckspatz aus McIntyre vor. Worauf Honey Boo Boo in einer Talkshow sagte, sie würde Obama wählen.

Die «Washington Post» verglich Honey Boo Boo mit Shirley Temple, dem quirligen Kinderstar, der die Kinozuschauer in den 30er-Jahren an eine unbeschwerte Zukunft jenseits der Weltwirtschaftskrise glauben liess. Stimmiger ist jedoch der Vergleich mit dem kleinen, dicken, nervigen Mädchen aus dem Film «Little Miss Sunshine», das ums Verrecken Beauty-Queen werden wollte und dessen Eltern zwar kein totes Reh, aber einen toten Grossvater im Kofferraum mit sich führten. Wie Little Miss Sunshine verspricht Honey Boo Boo den Amerikanern keine bessere Zukunft. Dafür eine Gegenwart, in der das Wildbret manchmal auf der Strasse und das Geld im Altpapier liegt. Und der Glamour, den Shirley Temple einst wie eine Kinderfee über Amerika verstreute, der zählt am Ende eines Tages der Familie Thompson ganz einfach nichts. Da zählt nur noch der nächste Gutschein.

Die Wirtschaft ist ein (grausames) Spiel

quelle: the intelligence

Auf den ersten Blick wirkt alles so selbstverständlich: Jeder Mensch geht einer Arbeit nach, wird dafür bezahlt und bestreitet mit dem erhaltenen Geld seine Lebenshaltungskosten. Dabei geben wir uns der Illusion hin, dass der Wert der erbrachten Leistungen zumindest annähernd mit denen korrespondiert, die wir im Gegenzug in Anspruch nehmen. Obwohl der technische Fortschritt den Produktionsprozess deutlich vereinfacht und gleichzeitig Unmengen an Energie verbraucht werden, nimmt der allgemeine Komfort regelmäßig ab. Wir stecken in einer Schulden- und Wirtschaftskrise. In der westlichen Welt sind die Märkte mit praktisch allem übersättigt. Doch gleichzeitig fehlt es an Kaufkraft. Gleicht dies nicht dem sprichwörtlichen „Verhungern vor der vollen Schüssel“?

Immer wieder werden wir mit denselben Schlagworten konfrontiert: Das Schaffen von Arbeitsplätzen! Das Beleben der Märkte! Das Befriedigen der internationalen Investoren! Was steckt hinter diesen Konzepten?

Der Arbeitsplatz wird grundsätzlich mit Gelderwerb gleichgesetzt, was wiederum zur Befriedigung der Bedürfnisse vonnöten ist. Stellt jemand die Frage, warum jedes Mitglied einer hochtechnisierten Gesellschaft den größten Teil seiner Lebenszeit arbeitend verbringen muss, setzt er sich erst einmal der Gefahr aus, als „faul“ eingestuft zu werden. Ungeachtet der tatsächlichen Arbeitslosenraten, die offiziellen Zahlen werden sogar noch als „notwendiges Minimum“ bezeichnet. Es bedarf einiger Millionen Arbeitssuchender, um der Wirtschaft jederzeit die gewünschten Arbeitskräfte zuführen zu können. Gegen eine entsprechend niedrige Entlohnung, versteht sich, dass es auch ja niemandem erspart bleibt, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Wir kommen noch darauf zu sprechen, dass schon lange viel zu viel gearbeitet wird.

Das Beleben der Märkte steht in direkter Verbindung mit der Befriedigung von Investoren. Ein exportorientiertes Land wie Deutschland braucht dabei nicht einmal an die eigenen Bedürfnisse zu denken. Solange unsere Produkte international konkurrenzfähig sind, lässt sich erzeugen und erzeugen und gleichzeitig hoffen, dass die Chinesen und die Araber über ausreichende Mittel verfügen, um unsere Waren zu erwerben. Wenn aber nun für Andere produziert wird, wem kommt die Leistung dann zugute?

Der Einzelne lässt sich leicht dadurch blenden, dass er für seine Arbeit ja Geld erhält. Wo sonst sollte dieses denn herkommen, wenn nicht durch Arbeit?

Woher haben die internationalen Investoren die Mittel? Haben sie lange genug selbst gearbeitet, fleißig gespart und genießen jetzt die Früchte ihrer einst erbrachten Leistungen? Oder handelt es sich um eine andere Gesellschaftsklasse, obwohl es – wie so Viele glauben – heutzutage doch gar keine Klassen mehr gibt?

Als die Erfindung des Verbrennungsmotors, gefolgt von der Verwendung von Elektrizität, es plötzlich erlaubte, alle benötigten Güter mit einer unvergleichlich niedrigeren Menge an menschlicher Arbeitskraft herzustellen, zeigte sich sehr rasch ein Problem: Es gab zu viele Menschen!

Eine mögliche Lösung wäre natürlich gewesen, die geforderten Arbeitsstunden des Einzelnen zu reduzieren. Wenn drei Leute gemeinsam einen großen Kuchen backen, dank einer neuen Maschine es aber plötzlich einer alleine schafft, wird der Kuchen deswegen nicht kleiner. Die Investoren des frühen 20. Jahrhunderts hatte aber eine bessere Idee.

Anstatt Menschen mit dem zu versorgen, was sie brauchen, konnte man sie ja auch zu Konsumenten umerziehen.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der Begriff „Konsum“ einst als etwas Negatives verstanden wurde. Im Englischen bedeutet „Consumption“ unter anderem auch Schwindsucht, also Tuberkulose. Das Ideal vergangener Zeiten, Erworbenes zu pflegen und zu erhalten, wurde vom Verlangen nach ständiger Erneuerung abgelöst. Weil es den Menschen glücklich macht, jede Saison neue Kleidung zu erwerben oder alle paar Jahre ein neues Auto?

Leider, so befürchte ich, wird die Mehrzahl der modernen Menschen diese Frage durchaus mit Ja beantworten. Wer würde denn zwanzig und mehr Jahre lang mit demselben Auto fahren wollen? Ist es nicht immer wieder eine Freude, neue Klamotten zu erstehen? Ist es das wirklich?

Es bedarf zweifellos einiger Überlegungen und gleichzeitig der entsprechenden Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, um festzustellen, dass unsere diesbezügliche Meinung nicht unbeeinflusst ist. Einer der Väter des Konsumdenkens, mit dem die Menschheit indoktriniert wurde, war Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud.

Um nur ein Beispiel seiner Strategie anzuführen: Zigarettenhersteller waren nicht glücklich darüber, dass sich keine Frau öffentlich mit Glimmstängel in der Hand zu zeigen wagte. Der Konsum von Tabak war, traditionellem Denken entsprechend, Männern vorbehalten. Edward Bernays wurde eingeschaltet und stellte kurzerhand die Überlegung an, dass Frauen bloß eingeredet zu werden braucht, dass es sich bei diesem gesellschaftlichen Tabu um Unterdrückung handelt. Bei der Easter Parade in New York im Jahr 1929 tauchte plötzlich ein Dutzend Frauen auf, die sich simultan eine Zigarette ansteckten. „Zufällig“ warteten an der besagten Stelle Pressefotografen am Straßenrand. Schon am nächsten Tag füllten die Bilder schick gekleideter rauchender Damen die Zeitungen. Die dazugehörige Schlagzeile lautete: „Die Fackel der Freiheit!“ Und rasch durften sich die Zigarettenhersteller nennenswerter Umsatzzuwächse erfreuen.

Auch wird die Überlegung Edward Bernays zugeschrieben, dass es besser sei, „Konsumenten“ regelmäßig nach Neuem verlangen zu lassen, anstatt sie einfach mit kurzlebigem Ramsch zu konfrontieren. Wer es grundsätzlich ablehnt, ein Paar aus der Mode gekommene Schuhe zu tragen, den stört es wohl kaum, dass diese ohnehin nicht länger als eine Saison halten.

Wenn Menschen glauben, ein bestimmtes Produkt nicht zu brauchen oder nicht zu wollen, dann muss der Bedarf eben geweckt werden. Und dazu dient Werbung – die weit mehr einschließt als geschaltete Anzeigen und Werbespots im TV.

Nachdem wir alle mit Werbung großgeworden sind, lassen wir uns in gewohnter Manier davon berieseln. Natürlich sind wir uns bewusst, dass es sich um bestens ausgearbeitete Manipulation handelt. Doch, wie schon an anderer Stelle erwähnt, es gibt auf dieser Welt zwei Menschen, die nicht manipulierbar sind. Der eine bin natürlich ich, ansonsten würde ich mich derartigen Analysen nicht hingeben. Der andere sind Sie, lieber Leser. Auch wenn ich Sie persönlich nicht kenne, so weiß ich, dass Sie, ebenso wie ich, restlos überzeugt sind, Manipulation niemals zum Opfer zu fallen!

Würde Werbung allerdings auf die Massen nicht wirken, würden Produzenten und Händler die teils enormen Kosten rasch einsparen.

Stellen wir uns aber trotzdem einmal vor, Werbung ersatzlos abzuschaffen. Natürlich, Informationen über neue Entwicklungen bräuchte man uns deswegen nicht vorenthalten. Die Leistung eines Autos ließe sich ja auch beschreiben, ohne gleichzeitig Bilder von unbefahrenen Bergstraßen zu zeigen. Und wer würde mir nicht recht geben, wenn ich es als unmoralisch bezeichne, mit ausgefeilten Tricks unser Kinder Heißhunger auf bestimmte Süßigkeiten zu wecken oder das unbändige Verlangen nach bestimmtem Spielzeug?

Aber die Werbung und der dadurch entsprechend höhere Konsum dienen doch der Wirtschaft. Und das schafft wiederum Arbeitsplätze. Denn wo sonst sollte …?

Denken wir weiter: Wir schaffen also Werbung ab. Werbeagenturen, Designer, Graphiker, die Produzenten der Werbespots, die Darsteller – sie alle verlieren ihr Betätigungsfeld. Die Arbeitslosigkeit steigt.

Ohne dem durch Werbung provozierten Konsum von Dingen, die weder gewollt noch benötigt werden, sinkt gleichzeitig aber auch das allgemeine Produktionsvolumen. Noch mehr Stellen werden abgebaut.

Auf das Problem der steigenden Arbeitslosigkeit kommen wir noch zu sprechen. Unglücklich wären in einer solchen Situation in erster Linie natürlich die Investoren. Dass die Lebensqualität der Menschen sinken würde, wenn ihnen nicht mehr eingeredet wird, was sie brauchen und es ihnen keine schlaflosen Nächte mehr bereitet, über die Finanzierung all ihrer Wünsche zu grübeln, bezweifle ich.

Wir können aber noch weitere Arbeitskräfte einsparen und zwar durch die Herstellung qualitativer, langlebiger Produkte. Die Autos, die von Henry Ford produziert wurden, leisteten ihren Dienst über Jahrzehnte hinweg. Und wer sich mit dem Gedanken, dreißig Jahre lang denselben Wagen zu fahren, nicht anfreunden kann, es soll ja niemandem verwehrt werden, sich von seinem alten Auto zu trennen. Solange es fährt, findet sich immer ein Käufer.

Wie viele Arbeitsplätze würden nun in der Autoindustrie verlorengehen?

Nicht nur, dass wir es vorerst noch unterlassen, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, wir denken sogar daran, noch mehr an Arbeitskraft einzusparen. Werfen wir einen Blick auf die relativ verlässlichen Angaben des CIA-World-Factbooks, so finden sich für Deutschland – und in anderen Industrienationen ist das Verhältnis ähnlich – folgende Zahlen zur Art der Beschäftigung:

Landwirtschaft: 1,6%

Industrie: 24,6%

Dienstleistungen: 73,8%

Dienstleistungen? Wird Kundenservice nicht seit vielen Jahren immer mehr abgeschafft? Selbstbedienung, von der Tankstelle über den Supermarkt bis zum Großkaufhaus. Was sind das für Dienstleistungen, mit denen sich sieben von zehn Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen?

Die Erläuterung besagt: „Dienstleistungen“ (Services) beziehen sich auf Regierungsaktivitäten (Verwaltung), Kommunikation, Transportwesen, Finanzen – und alle anderen wirtschaftlichen Aktivitäten, die nicht der Herstellung materieller Güter dienen.

Nachdem die hier behandelten Überlegungen zu Vereinfachungen auf allen Ebenen führen, sinkt natürlich auch der Verwaltungsaufwand. Was sich im absolut unproduktiven Finanzsektor alles abbauen ließe, bedarf keiner gesonderten Ausführung. Wagen wir eine grobe Schätzung, wie viele Arbeitsplätze durch vernunftbedingte Rationalisierungen eingespart werden könnten, so ist es sicher nicht übertrieben, von zumindest 50% auszugehen.

Solange wir es als unumgehbar betrachten, dass jeder Bürger rund 40 Stunden wöchentlich zu arbeiten hat, um seine Bedürfnisse zu decken, wirkt dieses Szenario zweifellos erschreckend. Die arbeitende Minderheit müsste die nichtarbeitende Mehrheit miternähren! Wie sollte denn das funktionieren?

Hier zeigt sich der große Denkfehler. Die angeführten Einsparungen enthalten den Bürgern keine Produkte vor, die sie brauchen oder wirklich wollen. Gestrichen werden bloß jene Aktivitäten, die scheinbar bloß der Aktivität wegen ausgeführt werden; die das Rad der Wirtschaft in Schwung halten.

Doch warum haben sich so viele von uns damit abgefunden, dass wir es sind, die der Wirtschaft zu dienen haben? Warum ist der Grundgedanke restlos vergessen, dass es die eigentliche Aufgabe der Wirtschaft ist, uns mit dem zu versorgen, was wir wollen und brauchen. Und wenn diese Versorgung mit deutlich weniger menschlicher Arbeitskraft möglich wäre, warum wird regelmäßig Arbeitskraft verschwendet?

Die Antwort ist natürlich einfach. Unsere moderne Gesellschaft ist keineswegs dahingehend konzipiert, um ihren Mitgliedern ein angenehmes Dasein zu ermöglichen. Der Begriff „Human Resources“ – Humankapital – ist nicht zufällig entstanden. Die menschliche Arbeitskraft lässt sich in Geldwert bemessen. Die Wirtschaft dient dabei als Instrument, diese Arbeitskraft in Vermögen umzuwandeln. Natürlich keineswegs mit der Absicht, dieses angehäufte Vermögen der Allgemeinheit zugutekommen zu lassen, sondern den sogenannten „internationalen Investoren“.

Der von Credit Suisse veröffentlichte „World Wealth Report“ (verfügbar als PDF-Datei) besagt, dass das weltweite Vermögen zwischen 2010 auf 2011 von 195 Billionen auf 231 Billionen Dollar angestiegen sei. Bis zum Jahr 2016 wird erwartet, dass es 345 Billionen sein werden.

Auch inflationsbereinigt handelt es sich um einen beachtlichen Zuwachs. Ermöglicht wird dieser ausschließlich dadurch, dass wirtschaftliche Möglichkeiten maximal ausgeschöpft werden. Den Drahtziehern, also jener Elite, die seit Generationen aus dem Hintergrund herrscht, geht es keineswegs darum, die Menschheit bestmöglich versorgt zu wissen. Auf der mittleren Milliardärsebene mag das erste Ziel der Vermögenszuwachs sein. Darüber hinaus geht es um die Vergrößerung des Einfluss- und Machtbereiches.

Während der 1960er- und auch noch während der 1970er-Jahre gab es wenig Anlass, unser wirtschaftliches und politisches System zu hinterfragen. Die Arbeitskraft des Einzelnen wurde respektiert und honoriert. Ein regelmäßiges Ansteigen der materiellen Lebensqualität war erkennbar. Die Verbindung von Demokratie und Kapitalismus erweckte damals tatsächlich den Eindruck, als handle es sich um das beste, um ein unfehlbares System.

Technischer Fortschritt und die effizientere Nutzung von Arbeitskraft bescherten aber nicht nur dem Einzelnen erhöhten Komfort, gleichzeitig stieg auch das profithungrige Weltkapital immer höher an. Insbesondere in den Vereinigten Staaten setzten Deregulierungen ein, von deren Konsequenzen sich wohl kaum ein Politiker ein Bild machen konnte. So wie auch unsere Politiker vor Jahrzehnten restlos ignorierten, dass es ein Verbrechen ist, die Öffentlichkeit, also die Summe der Bürger, in eine Schuldenfalle zu führen.

Heute befindet sich diese westliche Zivilisation in einem unlösbaren Chaos. Doch nicht, weil es an ausreichenden Ressourcen fehlt, um die Bevölkerung zu versorgen. Alles existiert im Überfluss, von Nahrungsmitteln bis zur Arbeitskraft. Das Problem liegt darin, dass wir alle in ein gigantisches Monopoly-Spiel gezwängt wurden. Ein Spiel, bei dem Milliarden und Billionen verschoben werden, die zum größten Teil in der Arbeitskraft der Menschen wurzeln.

Doch noch immer wehrt sich die Mehrheit dagegen, dieser unbequemen Wahrheit ins Auge zu sehen. Von Gewohnheit und Manipulation geblendet, erfüllen die Massen ihre ihnen zugedachte Rolle als Humankapital und glauben immer noch den Unsinn, dass wir alle „wohlhabend“ und „frei“ seien.

Mit vielerlei wirtschaftlichen und politischen Systemen wurde in der Vergangenheit experimentiert. Jedes davon verfügte über positive und negative Seiten. Handelt es sich beim derzeitigen System nun um die Synthese aus allen gewonnenen Erfahrungen? Nein. Keineswegs. Das derzeitige Experiment ist lediglich der effizienteste Weg für die weniger Herrscher über das Bankenwesen, den Energiesektor und die internationalen Konzerne, ihren Einflussbereich auszudehnen. Die Menschheit wurde in eine verheerende Abhängigkeit gestoßen. Von Geldmitteln, die der private Finanzsektor schöpft und kontrolliert. Von Erdöl und anderen Energieträgern. Von Waren, die von weither kommen und vom eigenen Export.

Doch kaum jemand scheint sich daran zu stoßen. Noch immer scheint der Verlust an Lebensqualität nicht gravierend genug zu sein, um eine kritische Masse zum Nachdenken anzuregen. Gewiss, die Zahl der Zweifler an diesem System nimmt regelmäßig zu. Auch hilft das Internet, sich einen objektiven Überblick über das Geschehen auf der Welt zu verschaffen. Warum sind es aber noch immer so viele Menschen, die der Politik und den Massenmedien blindes Vertrauen schenken? Wie groß muss der Schaden noch werden, bis endlich und gemeinsam ein lautes Nein ausgesprochen wird.

In Griechenland und in Spanien ziehen die Menschen bereits aus Verzweiflung durch die Straßen und protestieren gegen das, was sie über Jahrzehnte hinweg stillschweigend zugelassen haben. Reichen die Bilder, die uns von dort ins Haus geliefert werden, denn wirklich nicht aus, um zu verdeutlichen, wohin unsere Zivilisation abgleitet? Ich glaube, noch ist Zeit, dieses laute Nein auszurufen.

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Die sinnlose Überproduktion, von der dieses Wirtschaftssystem so abhängig ist, führt zu untragbarer Umweltbelastung und gleichzeitig auch zur Frage, wie zukünftige Generationen ohne jene Rohstoffe auskommen werden, mit denen heute Raubbau getrieben wird. In vielen Regionen fehlt es den Bewohnern am Notwendigsten, weil ihre Länder als billige Anbauflächen zur Deckung der Bedürfnisse in den Industrienationen genutzt werden. In diesen wiederum arbeiten sich die Leute krank, leiden an Depressionen, Angstzuständen und Burnout.

Es könnte natürlich die Frage auftauchen, was die Menschen mit der neu gewonnen Freizeit anfangen sollen, wenn die allgemeine Arbeitszeit wirklich auf die Hälfte reduziert wird – was John Maynard Keynes für unsere Zeit auch durchaus erwartet hatte. Doch wer auf diese Frage die Antwort nicht selbst findet, dem gebührt es wohl, seine Zeit weiter dafür einzusetzen, dass die Vermögen der „internationalen Investoren“ weiter anwachsen.

Amerikanische Diplomatie und ägyptische Aufwertung

quelle: infosperber

Der Waffenstillstand war nicht so überraschend, wie er erscheint. Die «internationale Gemeinschaft» hat für einmal funktioniert.

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas kam «überraschend», hiess es in manchen Medien. Das kann man so sehen. Man kann aber auch einen Blick auf die Abhängigkeiten werfen und auf das Engagement der USA in den vergangenen zwei Jahren.

Und die Intervention der USA war in diesem Fall wahrscheinlich entscheidend, auch wenn Deutschlands Westerwelle wahrscheinlich eine wichtige vorbereitende Rolle gespielt hat und Ban Ki-Moons Reise in die Region noch zusätzlich Druck gemacht hat. Und die Tatsache, dass die arabischen Staaten von Nordafrika bis zum Golf die Hamas unterstützt und politisch aufgewertet haben, war sicher ein zusätzlicher Faktor.

Ägyptische und israelische Abhängigkeit

Die Abhängigkeiten sind klar: Ägypten und Israel hängen am Tropf der USA. Insbesondere ihre militärischen Kapazitäten werden von den Vereinigten Staaten mit Milliardenbeiträgen gestützt.

Das Engagement ist ebenfalls klar. Obama wollte nach seiner (ersten) Wahl zum US-Präsidenten innert zwei Jahren eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts erreichen, auf der Basis des Zwei-Staaten-Modells. Damit ist er bei der israelischen Regierung des Ministerpräsidenten Netanyahu aufgelaufen, und auch mit seiner Forderung, die israelische Besiedlung Palästinas zu beenden, konnte er sich nicht durchsetzen.

Obama: Für Verteidigung und gegen Invasion

Nach Obamas Wiederwahl muss Netanyahu damit rechnen, dass er nicht mehr auf die «bedingungslose» Unterstützung der USA zählen kann. Anders als Romney ist Obama nicht sein bester Freund. Und Obama war nach dem jüngsten Gewaltausbruch sehr klar in seinen Aussagen: Er hat Israels «Recht auf Verteidigung» bestätigt, aber er hat auch gewarnt vor dem Einmarsch israelischer Truppen in Gaza, vor den zivilen Todesopfern in Gaza und den höheren Verlusten unter Israels Soldaten (und Zivilisten).

Und er hat während seiner Asienreise bereits Hillary Clinton mit dem Konflikt befasst. Danach aber, so heisst es, hat er sich selber eingeschaltet – «the president invested his own time» – und mehrfach mit Netanyahu und Ägyptens Präsident Mursi telefoniert. Und ganz zum Schluss hat er Netanyahu empfohlen, den Waffenstillstand zu akzeptieren – «He recommended», heisst es aus dem Weissen Haus. Das ist im diplomatischen Dialog schon eine ziemlich starke Intervention. Netanyahu hat die Formulierung in seiner öffentlichen Stellungnahme noch bestätigt.

Selbstverständlich hat Obama auch etwas gegeben: Mehr Militärhilfe, sprich: eine zusätzlichen Kredit für den Ausbau des Raketenabwehrsystems «Iron Doom», mit dem die Israeli den grössten Teil der Raketen aus Gaza abgefangen hat. Damit bleibt Obama auf seiner ursprünglichen Position: «The right of self defense».

Hillary Clinton und der «arabische Frühling»

Hillary Clinton kann besser mit Netanyahu als Obama, sagt man. Politisch wichtiger dürfte aber die amerikanische Haltung gegenüber dem «arabischen Frühling» gewesen sein. Die USA unter Obama haben die Demokratisierungsbewegung durchwegs unterstützt. In Libyen haben sie ohne offizielle Führungsrolle – «leading from behind» – einen auch militärisch wichtigen Beitrag zur Befreiung von Gaddafis Diktatur geleistet. Und in Ägypten hat insbesondere Hillary Clinton das Gewicht der USA ins Spiel gebracht, um zuerst Mubarak und dann die Militärjunta so weit zu entmachten, dass demokratische Wahlen stattfinden konnten.

Und vor allem – und das ist eine Wende in der amerikanischen Politik – haben die USA die Wahl von Mohammed Mursi zum ägyptischen Präsidenten akzeptiert und die (vorsichtige) Zusammenarbeit mit ihm gesucht. Anders als in früheren Jahren, in denen die USA die Ergebnisse demokratischer Wahlen nicht respektiert haben, wenn muslimische Parteien als Sieger daraus hervorgingen. Das hat sich jetzt bewährt.

US-Aussenministerin hat denn auch die herausragende Rolle Mursis und Ägyptens bei der Vereinbarung des Waffenstillstands unterstrichen. Sie sprach davon, dass Ägypten wie schon früher sich als «Eckpfeiler der Stabilität» in der Region bewährt habe. Und sie stellte sich bei der Verkündigung der Waffenruhe nicht an die Seite Netanyahus, sondern an die Seite des ägyptischen Aussenministers Mohamed Kamel Amr und hob die auch künftig führende Rolle Ägyptens in dieser Sache hervor.

Welche Gegenleistungen sich Ägypten für diese Rolle eingehandelt hat, wird sich noch zeigen. Präsident Mursi und sein Land haben sicher eine internationale Aufwertung erfahren. Und Hillary Clinton entschied sich in ihrer Erklärung über die künftige Zusammenarbeit und die anstehenden Aufgaben zu einer nicht uninteressanten Reihenfolge. An erster Stelle nannte sie «die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Gaza» und unmittelbar danach dann «die Sicherheit Israels».

Die Arbeit beginnt erst jetzt.

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Der knappe Text des Waffenstillstands

Die Vereinbarung über den Waffenstillstand ist äusserst kurz und dient einfach dazu, die absolut wichtigsten Forderungen beider Seiten abzusichern und eine Waffenruhe zu erreichen, die Verhandlungen über eine längerfristige Lösung erst ermöglichen. Um Missverständnisse und ungenaue Übersetzungen zu vermeiden, wird er hier im englischen Text wiedergegeben, wie er in der Huffington Post publiziert worden ist.

Weil jedes Wort in einer Vereinbarung umstritten und deshalb Gegenstand langwieriger, dorniger Auseinandersetzungen sein (und die Verhandlungen zum Scheitern bringen) kann, ist dieses «Agreement of Understanding» auf das absolute Minimum reduziert.

Banken locken Reiche mit Verwöhnprogramm

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Dass Private-Banker den Hund des Kunden Gassi führen, ist nur ein Klischee. Dennoch müssen die Schweizer Privatbanken immer mehr tun, um die Kunden bei der Stange zu behalten. Ein Blick hinter die Kulissen.

Seit das Schweizer Bankgeheimnis immer löchriger geworden ist, haben Schweizer Privatbanken im Werben um reiche Kunden einen wichtigen Trumpf verloren. Früher waren viele Vermögende schon dank ihrer Schwarzgeldkonten mit der Steuerersparnis zufrieden und ließen sich mit bescheidenen Anlageerträgen und einem Mittagessen im Jahr abspeisen.

Inzwischen ist die Klientel anspruchsvoller geworden, sodass sich die Banken bei der Rendite und beim Service nach der Decke strecken müssen. Geschenke sind zwar weiterhin üblich, wichtiger sind aber exklusive Events und die Möglichkeit, mit Hilfe einer Bank neue Kontakte zu knüpfen.

Die altehrwürdige Rothschild Bank empfängt ihre betuchte Klientel in ihrem silberglänzenden Verwaltungsgebäude in einem grünen Zürcher Villenviertel. Die Beratungsgespräche finden in eleganten Räumen statt. An den Wänden hängen Werke von Künstlern wie Matisse oder Warhol. Danach können sich die Kunden bei einem Mehrgang-Menü der hauseigenen Köche entspannen.

Wein-Degustationen verbindet die Bank mit Anlagethemen. So erfährt ein Dutzend Kunden von Rothschild-Investmentbankern, wie man am besten ein Weingut kauft. „Es geht darum, dass der Kunde unter Gleichgesinnten etwas lernt, was er sonst nirgends lernen kann“, erklärt Veit de Maddalena, Generaldirektor der Bank.

Kammeroper Tosca vorgeführt

Rothschild lässt die Kunden auch an der illustren Familiengeschichte teilhaben. Die Sopranistin Charlotte de Rothschild erzählt polnischen Kunden von der Unterstützung ihrer Ahnen für Komponisten wie Liszt oder Chopin und gibt danach ein Ständchen – auf polnisch. Im August lud die Bank 200 Kunden in die von der Familie gebaute, von einem Park umgebene Villa Ephrussi an der französischen Riviera ein und ließ dort von einem englischen Ensemble die Kammeroper Tosca aufführen.

Barclays bietet Schweizer Kunden vom kommenden Jahr an mit ihrem „Little Book of Wonders“ einen ganzen Katalog von Dienstleistungen. In der schon bestehenden britischen Version zählt dazu etwa die Möglichkeit, mit dem englischen Altmeister Andrew Flintoff eine Runde Cricket zu spielen. „Unsere Kunden können fast alles kaufen, was sie wollen“, erklärt Coutts Marketing-Chef Ian Ewart. „Was sie nicht kaufen können, ist das, was sie wirklich brauchen – Beziehungen zu Leuten wie sie selbst und neue Ideen. Erlebnisse sind viel wichtiger als Luxusgeschenke.“

Der Konkurrent Sarasin betreibt zusammen mit der Universität und der Technischen Hochschule Zürich eine eigene Denkfabrik. Vordenker aus Wissenschaft und Wirtschaft erläutern den Bankkunden in geschlossenen Vorträgen und Publikationen Trends wie die Bevölkerungszunahme oder die nächste industrielle Revolution.

Wettbewerb um die Reichen ist global

Der Wettbewerb um die Reichen ist global – und er ist hart: Hunderte von Finanzhäusern weltweit buhlen um die elf Millionen Personen mit einem Anlagevermögen von mindestens einer Million Dollar. Besonders umschwärmt sind die rund 100.000 Superreichen mit Vermögen von über 30 Millionen Dollar, auch wenn diese sehr anspruchsvoll sind und maßgeschneiderte Lösungen erwarten.

Und die reiche Klientel drückt zunehmend auf den Preis. Durchschnittlich bezahlen die Superreichen noch 0,35 bis 0,6 Prozent des verwalteten Vermögens als Gebühren an die Banken. Bei den etwas weniger Wohlhabenden sind es 0,7 bis 1,0 Prozent, schätzt Herbert Hensle, Bankenexperte von Capgemini Consulting.

Zudem hat die Kundentreue nachgelassen. „Rund zwei Drittel der Kinder, die Vermögen erben, denken darüber nach, den Vermögensverwalter zu verlassen“, weiß Hensle. „Das ist eine Riesengefahr.“ Um Erben bei der Stange zu halten, seien Kunst, Kultur und Unterhaltung wichtige Instrumente.

Über die Hälfte aller Kunden seien allerdings über ein eigenes Unternehmen zu Reichtum gekommen und müssten anders angesprochen werden. Unternehmer seien vor allem an Dienstleistungen interessiert, mit denen sie ihre Firma weiterbringen könnten wie etwa Finanzierungen oder Beratung bei der Expansion in neue Märkte.

Vermögen von mindestens 30 Millionen Franken

Seine Kunden verlangten vor allem eine gute Rendite, erklärt Patrick Prinz, der bei der Bank Pictet den Bereich Family Office Services in Zürich leitet. Er und sein Team von rund zehn Mitarbeitern betreuen Familien, die meist mit einer eigenen Firma zu Reichtum gekommen sind. In diesem obersten Segment geht es um Vermögen von mindestens 30 Millionen Franken, in Einzelfällen sogar um zweistellige Milliardenbeträge.

„Mit solchen Kunden trinkt man nicht Kaffee und redet über das Wetter“, erklärt Prinz. „Die Anlagesitzungen laufen ähnlich strukturiert ab wie Treffen mit einer Pensionskasse und können einen ganzen Tag dauern. Die Frage ist dann selten, ob man Roche oder Nestle kauft, sondern ob man die Aktienquote erhöht, eine Währungsabsicherung vornimmt oder einen Manager auswechselt.“

Aber auch da geht es nicht ganz ohne Zusatzdienste. Er habe auch schon Spezialärzte für Kunden organisiert, eine Schweizer Privatschule für einen Sprössling gesucht oder den Kauf einer Yacht koordiniert. Prinz gibt aber zu verstehen, dass er und seine Leute diese sogenannten „Convenience services“ nur übernehmen, wenn es der Gesamtbeziehung dient. „Und dass Banker den Hund des Kunden Gassi führen, ist nur ein Klischee.“