Décroissance zwischen Widerstand und Mainstream

gelesen bei: Zeitpunkt.ch

Von: Ernst Schmitter

 

Dieser Text umfasst vier Teile: Erstens einen Orientierungsversuch im Begriffsdschungel der Wachstumskritik; zweitens eine Schilderung einiger historischer Wurzeln der Décroissance-Bewegung; drittens einen Blick auf die praktische Arbeit der Décroissance-Bewegung; viertens einige Betrachtungen zur Frage, ob Décroissance kapitalismusverträglich ist.

 

 

1. Begriffsklärung

Eine Begriffsklärung ist nötig, weil heute im Bereich der Wachstumskritik eine Vielzahl von Begriffen verwendet wird, die teilweise mit Décroissance wenig oder gar nichts zu tun haben. Entsprechend schwammig sind häufig die Diskussionen über das Thema. In Bezug auf Wirtschaftswachstum ist zum Beispiel häufig von einem Wachstumsglauben die Rede. Und Décroissance wäre dann die aufklärerische Bewegung, die diesen Glauben als Irrglauben entlarvt und bekämpft. Das ist ein Missverständnis. Die so genannte freie Marktwirtschaft steht nicht vor allem unter dem Einfluss eines Wachstumsglaubens, einer Wachstumsreligion, eines Wachstumsdogmas oder eines Wachstumswahns. Die so genannte freie Marktwirtschaft steht unter Wachstumszwang. Ich komme in einem späteren Teil meines Vortrags auf das Warum dieses Zwangs zurück. Vorläufig stelle ich bloß fest: Die Wirtschaft, so wie sie heute strukturiert und organisiert ist, ist insofern völlig unfrei, als sie wachsen muss. Sie hat nicht die Freiheit, nicht wachsen zu wollen. Dieser Wachstumszwang hat etwas zur Folge, was man häufig als Landnahme bezeichnet. Eine Wirtschaft, die wachsen muss, muss expandieren, sich ausdehnen können. Das geschieht immer wieder durch effektive Landnahmen im geografischen Sinn, zum Beispiel vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in Nordamerika. Die Expansion war damals Richtung Westen möglich, bis man am Pazifik angelangt war. Die Ureinwohner des Kontinents wurden der Expansion geopfert. Und dieser Genozid wurde erst zum Thema, als es, wie bei den meisten Genoziden, schon zu spät war. Inzwischen gibt es kaum irgendwo auf der Welt noch so etwas wie einen Wilden Westen, den man einfach besetzen könnte. Die Wirtschaft unter Wachstumszwang muss also neue, nicht geografisch definierte Wirkungsfelder suchen und besetzen. Ich zähle hier ein paar dieser Felder auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Das Gesundheitswesen; Gesundheit und Krankheit sind heute nicht mehr nur Tätigkeitsfelder der Medizin, der Pflege oder der Hygiene; sie sind zu einem Bereich geworden, in dem sich viel Geld verdienen lässt. Unsere Altersvorsorge ist nicht nur eine soziale Einrichtung; sie ist ein Wirtschaftszweig. Kriege werden heute zum Teil von Privatarmeen geführt, sind also zum Geschäft geworden. Da sie sehr oft auch im Interesse des Business geführt werden, ist ihre Ächtung noch schwieriger geworden als vor einigen Jahrzehnten. Sicherheit, Bevölkerungsschutz, Personenschutz, Überwachung kann man heute bei Privatunternehmen kaufen, wenn man die Mittel dazu hat. Literatur, Kunst, Musik werden von Agenturen und Verlagen bewirtschaftet. Sport ist ein Milliardengeschäft. Unterricht und Forschung werden weitgehend nach wirtschaftlichen Kriterien organisiert und praktiziert. Die Freizeit wird zunehmend ökonomisiert. Die Nacht war noch in meiner Jugend der Teil der vierundzwanzig Stunden eines Tages, wo man schlief.

Restaurants und Cafés schlossen um halb zwölf. Der letzte Radiosender schloss sein Programm um Mitternacht ab. Dann war es still und dunkel. Heute ist die Nacht zu einem heiß umkämpften Geschäft geworden. Der Sonntag ist im Begriff, den Umsatzzahlen vieler Geschäfte einen kurzfristigen Zuwachs von einem Sechstel zu ermöglichen. Der öffentliche Raum war bis vor kurzer Zeit wirklich öffentlich. Immer mehr dient er jetzt großen Firmen zu Werbezwecken. Umwelt ist glücklicherweise zunehmend reparaturbedürftig, also wirtschaftlich interessant. Das beschädigte Klima macht Handel und Spekulation mit CO2-Emissionsrechten möglich. Und so weiter. Dies alles sind Bereiche, die sich die Wirtschaft unter Expansionszwang schon einverleibt hat oder die sie sich gegenwärtig einverleibt. Das sind die Landnahmen unserer Zeit. Aus ihnen ergibt sich ein immer stärkerer Führungsanspruch der Wirtschaft für sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft. Was nicht wirtschaftlich relevant ist, gilt mehr und mehr als bedeutungslos. Solche Landnahmen gehen grundsätzlich fast immer auf jemandes Kosten. Sie fordern

Opfer. Am häufigsten werden ihnen Freiheit, Lebensqualität, Gesundheit, manchmal auch Menschenleben geopfert. Sie werden aber in der Öffentlichkeit fast immer mit der Behauptung gerechtfertigt, sie erfolgten im Interesse der Freiheit und der Lebensqualität. Ich komme zum Ausgangspunkt zurück. Décroissance kritisiert nicht einen Wachstumsglauben oder einen Wachstumswahn, sondern den gesellschaftlichen Führungsanspruch der Wirtschaft unter Wachstumszwang.

Nun können wir eine umfassendere Begriffsklärung wagen. Man kann nämlich sagen, dass Décroissance immer Wachstumskritik ist, dass aber Wachstumskritik nicht immer Décroissance ist. Aber damit ist noch nicht viel geklärt oder erklärt. Man kann es genauer sagen. Es gibt drei Unterscheidungsmerkmale, drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit man von Décroissance sprechen kann. Erstens: Décroissance ist eine radikale Absage an den Führungsanspruch der Wirtschaft unter Wachstumszwang. Es gibt im heutigen System keine Wirtschaft ohne Wachstumszwang. Anders gesagt: Wirtschaft unter Wachstumszwang und Wirtschaft schlechthin sind dasselbe. Deshalb fassen einige Décroissance-Autoren das erste Kriterium schärfer und sagen: Décroissance arbeitet an der Befreiung der Gesellschaft von der Wirtschaft; Punkt. Zweitens: Wenn man die Wirtschaft unter Wachstumszwang ablehnt, kann das zur Folge haben, dass man die Gefahr eines Rückfalls in vormoderne, feudale gesellschaftliche Zustände unterschätzt. Décroissance unterscheidet sich deshalb bewusst von allen Tendenzen, die einen solchen Rückfall in Kauf nehmen oder ihn sogar anstreben. Décroissance bekennt sich vorbehaltlos zur Vorbereitung einer Gesellschaft, deren ethischer Grundwert die Gerechtigkeit ist. Dies gilt für den lokalen, den regionalen und den globalen Massstab.

Drittens: Décroissance strebt nicht eine so genannte stationäre Wirtschaft an. Eine Steady-State- oder stationäre Wirtschaft mit langfristigem Nullwachstum ist unvereinbar mit dem Ziel einer gerechten Gesellschaft. In einer stationären Wirtschaft bleiben die reichen Länder reich und die armen arm.

Deshalb fordert Décroissance eine gesteuerte Wirtschaftsschrumpfung für die entwickelten Länder des Nordens, zum Teil auch für die Schwellenländer, deren Anteil am zu verteilenden Kuchen schon zu groß geworden ist. Ich fasse zusammen: Décroissance will die Befreiung der Gesellschaft vom Diktat der Wirtschaft unter Wachstumszwang; Décroissance fordert eine starke Verrringerung der Unterschiede zwischen Arm und Reich, lokal, regional und global; Décroissance fordert eine gesteuerte Wirtschaftsschrumpfung für die reichen Länder des Nordens.

Wachstumskritik und Décroissance sind, wie gesagt, nicht das Gleiche. Wir stellen in der Décroissance-Bewegung fest, dass sehr viele Leute das nicht wissen. Das führt zu zahllosen Missverständnissen. Wir müssen uns immer wieder mit Anfragen, Anregungen, Aufforderungen und Kritik von Leuten auseinandersetzen, die Décroissance ausschließlich mit Wachstumskritik gleichsetzen. Das hört sich dann jeweils etwa so an: «Ihr seid doch gegen Wachstum. Also solltet ihr mit uns zusammenarbeiten. Wir sind ja auch gegen Wachstum.» «Ja, klar», antworten wir dann jeweils, «ihr seid gegen Wachstum. Aber Décroissance ist eben mehr als Wachstumskritik. Und die anderen Kriterien teilt ihr nicht mit uns.» Mein Vortrag heute Abend steht unter dem Titel «Décroissance zwischen Widerstand und Mainstream». Besser würde man nach dem bisher Gesagten vielleicht formulieren: «Wachstumskritik ist Mainstream. Décroissance ist Widerstand.» Ich führe das ein wenig aus. Es gibt zum Beispiel wachstumskritisch denkende Leute, denen das Kriterium der Gerechtigkeit nicht wichtig oder sogar egal ist. Sie kritisieren Wachstum und fordern dann, dass wir alle, Reich und Arm, uns an den Gedanken gewöhnen, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen. Décroissance ist aufgrund des Kriteriums der Gerechtigkeit der Ansicht, dass zuerst diejenigen den Gürtel enger schnallen müssen, die ohnehin zu viel haben. Ein zweites Beispiel: Es gibt heute kaum ein Medium, eine Zeitung, eine Radio- oder Fernsehstation, die es sich noch leisten kann, nichts über Wachstumskritik zu bringen. Politik und Medien wirken heute unter dem Eindruck der Krise in mancherlei Hinsicht ratlos und hilflos. Das Wachstum, das alle predigten, stellt sich nicht mehr ein. Da liegt es nahe, dass man das Wachstumsdenken selbst infrage stellt, dass man sich wenigstens vorübergehend auf die Seite der Wachstumskritiker schlägt, und sei es auch bloß zum Schein. In einer Atmosphäre der krisenbedingten Ratlosigkeit haben die Mainstream-Medien innerhalb von etwa drei Jahren bezüglich Wachstumskritik von Ablehnung oder Gleichgültigkeit auf großes Interesse umgestellt. Das bedeutet aber zumeist nicht, dass in den Medien so etwas wie Widerstand gegen die Wachstumswirtschaft zu spüren wäre. Die in den Medien wahrnehmbare Wachstumskritik hat also wenig mit Décroissance zu tun. Sie ist einfach Trend geworden, während

Décroissance nach wie vor alles andere als Trend ist. Wenn man Trends kennen will, konsultiert man am besten die Trendforscher. Ich komme damit zu einem dritten Beispiel. Der Trendforscher David Bosshart vom Gottlieb-Duttweiler-Institut hat noch vor einigen Jahren hemmungslosen Konsum und aggressives Wachstumsdenken vertreten. Das war sein Job, weil hemmungsloser Konsum und Wachstumsdenken damals noch Trend waren. Vor einem Jahr ist sein neues Buch erschienen, «The Age of Less». Der Trendforscher Bosshart macht jetzt Wachstumskritik, weil Wachstumskritik der neue Trend ist. Er tut damit weiterhin seinen Job. Interessanter als der Titel des Buchs ist in unserem Zusammenhang der Untertitel: «Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt». Das Buch ist meilenweit von Décroissance entfernt. Die Wörter «gerecht» und «Gerechtigkeit» habe ich darin nicht gefunden. Die gewaltigen Unterschiede zwischen Arm und Reich kommen kaum vor. Die ausbeuterische Beziehung zwischen Nord und Süd kommt gar nicht vor. Beunruhigung oder Besorgnis angesichts der weltweiten ökologischen und sozialen Entwicklung ist für den Autor auch kein Thema. Bosshart plädiert für nachhaltiges Wirtschaften, wie wenn der Begriff der Nachhaltigkeit noch irgend eine Bedeutung haben könnte, nachdem er von Wirtschaftsvertretern jahrelang missbraucht worden ist; er plädiert für ein bisschen Bescheidenheit, ein bisschen Solidarität, ein bisschen Vernetzung, ein bisschen Entschleunigung. Er erklärt uns, warum es «cool» sein kann, wenn wir unseren Zweitwagen abschaffen müssen. Er erklärt uns, warum wir anstelle eines Laptops auf Reisen besser nur ein iPad mitnehmen. Und wie lautet die Erklärung? Die Trendforscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon haben herausgefunden, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher! Neununddreißig Jahre nach dem Bericht «Die Grenzen des Wachstums»!

 

 

2. Die historischen Wurzeln der Décroissance-Bewegung

Ich komme zum zweiten Teil und möchte jetzt von den historischen Wurzeln der Décroissance-Bewegung sprechen. Das Bild, das ich bis jetzt von Décroissance gezeichnet habe, könnte den Eindruck entstehen lassen, es handle sich um eine homogene Bewegung mit so etwas wie einer Unité de doctrine. Das ist aber nur bedingt der Fall. Schon die historischen Wurzeln der Bewegung sind sehr verschiedenartig. Unter den zahlreichen Ursprüngen wähle ich drei aus und stelle sie Ihnen ein wenig vor: einen physikalischen, einen entwicklungspolitischen, einen zivilisationskritischen.

Nicholas Georgescu-Roegen (1906 bis 1994) gilt als Urvater der Décroissance-Bewegung. Er hat der Bewegung eine physikalische Grundlage gegeben. Er ist in Rumänien aufgewachsen, war Mathematiker und Ökonom und wanderte nach der Machtergreifung durch die Kommunisten in die USA aus. Er wurde in Amerika bald zu einem geschätzten, später berühmten Ökonomieprofessor. Noch später wurde er innerhalb der amerikanischen Wirtschaftswissenschaft zu einem Dissidenten, ja zu einem schwarzen Schaf. Worin besteht sein Beitrag zu den Grundlagen der Décroissance-Bewegung? Er hat einen Grundbegriff der Thermodynamik in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt, den Begriff der Entropie. Da gibt es für alle Beteiligten, Anhänger ebenso wie Gegner von Georgescu-Roegen, ein Problem. Die Sätze der Thermodynamik sind nur scheinbar leicht zu verstehen. Und außerdem sind die Schriften von Georgescu-Roegen ohnehin eine undankbare Lektüre; es sind fachbezogene Texte eines seriösen Wissenschaftlers, der sich nicht um allgemeine Verständlichkeit bemühte. Das hat der Verbreitung seiner Erkenntnisse sehr geschadet. Er wird häufig ganz einfach nicht verstanden. Weil ich selbst nicht Physiker bin, möchte ich Sie jetzt einladen, sich mit mir auf ein sehr bescheidenes Niveau herunterzulassen. Wenn Sie mehr von der Sache verstehen als ich, können sie mich später in der Frage- und Diskussionsrunde korrigieren.

Der erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass in geschlossenen physikalischen Systemen keine Energie verloren geht. Das ist eine gute Nachricht für die Wirtschaft! Man verliert nichts. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt aber, dass in geschlossenen Systemen die Entropie immer zunimmt. Wie definiert man Entropie? Wenn wir nur schon auf Wikipedia eine Definition von Entropie suchen, wird es kompliziert. Und noch komplizierter wird die Situation, weil Entropie in den Siebzigerjahren ein Modebegriff war, den man auf alle möglichen Wissensgebiete anwendete. Wer in den Siebzigerjahren seine Wohnung aufräumen musste, konnte sagen: «Die Entropie ist bei mir zu Hause gestiegen. Ich muss Negentropie schaffen.» Das war modebedingter Schwachsinn. Aber zurück zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Auf unser bescheidenes Niveau übersetzt, heißt der Satz:

Energieumwandlungsprozesse, zum Beispiel in Dampfmaschinen oder Verbrennungsmotoren, haben zur Folge, dass die Energie uns in immer weniger nützlicher Form zur Verfügung steht, also zum Beispiel in Form von Wärme in der Atmosphäre oder im Ozean statt in Form einer Tonne Kohle oder Erdöl. Und diese Wärme lässt sich nicht einsammeln und ohne Verlust in nützlichere Energieformen umwandeln. Das ist eine schlechte Nachricht für die Wirtschaft. Sie bedeutet nämlich großmaßstäblich, dass unser Wirtschaften sich in einer immer schlechteren Ressourcenlage abspielt. Wir können bezüglich Energie nicht zweimal nacheinander unter den gleich guten Voraussetzungen wirtschaften. Georgescu-Roegen hat das Gesetz der zunehmenden Entropie auch auf die Rohstoffe angewandt.

Wenn wir Auto fahren, werden die Autoreifen abgenutzt. Der Reifengummi wird in Form ganz feiner Partikel in der Natur verteilt und steht uns nie mehr als Rohstoff zur Verfügung. Aller Cradle-to-cradle-Propaganda zum Trotz muss man feststellen, dass Materie wie Energie sich nie ohne Verlust in nutzbarer Form zurückgewinnen lässt. Auch im Bereich der Rohstoffe gilt also, dass wir unter immer schlechteren Voraussetzungen arbeiten. Dies alles heißt zum Beispiel, dass Schwellenländer, selbst wenn sie sich nicht um den Klimaschutz kümmern, nicht den gleichen Weg gehen können wie seinerzeit Nordamerika und Europa. Die Ressourcenlage ist mittlerweile eine völlig andere und verschlechtert sich zusehends. Georgescu-Roegen hat aus dieser fundamentalen Erkenntnis Konsequenzen gezogen, die ihn zum wichtigsten Vorläufer der Décroissance-Bewegung machen. Er hat verstanden, dass eine Steady-State-Ökonomie unter diesen Voraussetzungen eine Illusion ist und dass der einzige gangbare Weg eine bewusst durchgeführte Wirtschaftsschrumpfung ist. Ich zitiere einen Satz von ihm: «Das einzige Mittel, die zukünftigen Generationen zumindest vor dem maßlosen Ressourcenverbrauch in der gegenwärtigen Überflussgesellschaft zu schützen, liegt darin, dass wir uns selbst umerziehen, um ein wenig Mitgefühl zu empfinden gegenüber den Menschen der Zukunft, so wie wir am Wohlergehen unserer gegenwärtigen Nachbarn Anteil nehmen.»

Das Interessante bei Georgescu-Roegen ist erstens sein Beitrag zum Gedankengut der Décroissance und zweitens der Verlauf seiner Karriere. Seine Beliebtheitskurve bei den neoklassischen Ökonomen begann bei «beliebt und geachtet», steigerte sich zu «berühmt mit Kultstatus», sank dann ab zu «unorthodox» und endete bei «totgeschwiegen». Begonnen hat sein Abstieg 1960, als er die Wirtschaftswissenschaftler mit der Behauptung schockierte, Landwirtschaft lasse sich nicht mit herkömmlichen ökonomischen Kategorien behandeln, sie sei etwas grundsätzlich anderes als die übrige Wirtschaft. Er war ein Star der Wirtschaftswissenschaft und versuchte, seinen Kollegen zu erklären, dass die Wirtschaftswissenschaft etwas Fundamentales vergisst: die Entropie. Das wollte in seiner Zunft niemand hören. Und selbst engagierte Umweltschützer konnten die Tragweite seiner Erkenntnis nicht sehen. Georgescu-Roegen war isoliert zwischen Ökonomen, die ihn nicht verstanden, und Ökologen, die ihn auch nicht verstanden. Zum Beispiel propagierte ein prominenter Schüler von Georgescu-Roegen, Herman Daly, der später bei der Weltbank arbeitete, stationäre Wirtschaft und eben nicht Wirtschaftsschrumpfung. Daly wollte nicht sehen, dass Steady-State-Economy erstens langfristig nicht möglich ist und zweitens die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht antastet. Georgescu-Roegen plädierte für Décroissance, weil er weniger anpasserisch war als Daly. Er hat schon vor dem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» die Begrenztheit der Erde erkannt. Damit war er seiner Zeit voraus. Er hat die USA übrigens mehrmals vor einer Gefahr gewarnt: «Entweder wählt ihr Décroissance oder ihr werdet für das Erdöl Kriege führen müssen.» Heute wissen wir, welchen Weg die USA gewählt haben. Georgescu-Roegen ist 1994 in fast vollständiger Vergessenheit gestorben. Seine sterblichen Überreste sind in Rumänien beerdigt worden. Er wollte nach seinen Erfahrungen mit Amerika nicht dort beerdigt werden.

Ein zweiter Ursprung der Décroissance-Bewegung liegt im Schaffen des französischen Ökonomen Serge Latouche, geboren 1940. Latouche war Professor in Paris. Sein Spezialgebiet ist die Entwicklungspolitik. Ich versuche einen ganz kurzen Einstieg in sein Denken, indem ich einem Vortrag folge, den er 2010 in Genf gehalten hat. Er beginnt mit einem Zitat von Henry Kissinger. Es war Kissingers Antwort auf die Frage, was Globalisierung eigentlich bedeute. Kissingers Antwort, nachzulesen im Text seiner Rede vom 12. Oktober 1999 in Dublin: «Was man Globalisierung nennt, ist eigentlich ein anderer Name für die dominierende Rolle der Vereinigten Staaten.» Dann fährt Latouche fort und ruft in Erinnerung, dass die dominierende Rolle der Vereinigten Staaten vor der Globalisierung schon einen anderen Namen hatte: Präsident Harry Truman hat diesen Namen am 20. Januar 1949 in seiner Antrittsrede zum Beginn seiner zweiten Amtszeit lanciert. Der Name ist «Entwicklung». Die Hegemoniepolitik der USA wurde ab 1949 Entwicklung genannt und später Globalisierung. Truman ignorierte die geschichtliche und kulturelle Vielfalt der Völker der Erde. Für ihn gab es nur entwickelte Länder und unterentwickelte. Die Rolle der entwickelten Länder war es, die unterentwickelten so schnell und so effizient wie möglich zu entwickeln. Entwicklung und Wirtschaftswachstum sind in diesem Zusammenhang übrigens praktisch gleichbedeutend. Der Weg war also für die Länder, die man später die Dritte Welt nannte, vorgezeichnet: Entwicklung dank Wirtschaftswachstum. Warum es überhaupt notwendig scheinen konnte, dass eine vergleichsweise kleine Anzahl von Ländern eine große Zahl anderer Länder entwickelte, das war eine Frage, die sich damals weder Präsident Truman noch sonst wer stellte. Dabei wäre die Antwort nicht schwer zu finden gewesen. Die unterentwickelten Länder waren im Prinzip die ehemaligen Kolonien, deren Geschichte durch die Kolonisierung einen Bruch erlitten hatte und denen man jetzt aus ihrem Elend durch Entwicklung heraushelfen musste. Latouche zeigt uns also den historischen Hintergrund der Globalisierung. Globalisierung ist die Fortsetzung der Entwicklung mit anderen Mitteln. Und Entwicklung war ihrerseits die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Das Ganze war vom Anfang der Kolonisierung bis heute eine Verwestlichung der gesamten Welt. Hier müsste ich eine große Klammer öffnen: Der Begriff der Entwicklung ist in der europäisch-amerikanischen Geistesgeschichte verankert. Es ist ein westlicher Begriff, verbunden mit einer westlichen Heilserwartung. Der Genfer Décroissance-Autor Gilbert Rist hat über den westlichen Glauben an die Entwicklung ein Buch geschrieben (Le développement – Histoire d’une croyance occidentale).

Hier muss ich die Klammer schon wieder schließen. Präsident Truman waren diese Überlegungen noch nicht bekannt. Ihm ging es bei seinem Entwicklungsprogramm konkret um zwei Ziele: Erstens um das, was ich vorhin Landnahme nannte, also eine Besetzung der noch wenig entwickelten Länder durch amerikanische und später auch europäische Unternehmen. In diesem Rahmen wurde später die so genannte grüne Revolution durchgeführt. Das war eine gezielte Umstrukturierung und Zerstörung der autarken Subsistenzlandwirtschaften in den noch wenig entwickelten Ländern im Interesse des Agrobusiness. Diese grüne Revolution hatte im Gesamtzusammenhang des Kalten Krieges noch eine ganz andere Funktion: Sie sollte die rote Revolution verhindern. Dies war Trumans zweites Ziel.

Weiter im Gedankengang von Serge Latouche: Entwicklung und Wirtschaftswachstum – zwei Wörter für die gleiche Sache -, waren und sind untrennbar mit Krieg verbunden: Krieg gegen die Natur. Dieser Krieg war schon angelegt in der naturfeindlichen Philosophie von Descartes und Francis Bacon. Krieg gegen die Erde: Die Methoden und Instrumente der Kriegführung sind teilweise die gleichen wie die Methoden und Instrumente der industriellen Landwirtschaft. Krieg gegen das Leben, was sich gegenwärtig im massenhaften Artensterben zeigt. Unsere Zeit ist in der Erdgeschichte die Zeit des sechsten Artensterbens. Das fünfte war das Verschwinden der Dinosaurier. Gegenwärtig verschwinden zwischen fünfzig und zweihundert biologische Arten pro Tag. Krieg gegen die Kulturen, nicht Kampf der Kulturen, sondern Krieg gegen die Kulturen. Die kulturelle Vielfalt der Welt wird durch eine globale Einheitszivilisation zerstört. Krieg gegen die Menschheit: Einer immer größeren Anzahl von Menschen wird die Möglichkeit zum Überleben aus eigener Kraft geraubt. Eine immer größere Anzahl von Menschen erlebt sich als total überflüssig. Zusammengefasst: Entwicklung, Wirtschaftswachstum, Globalisierung haben Serge Latouche zufolge zu einem globalen Fiasko geführt. Es bleibt uns die Möglichkeit, dass wir versuchen, die Entwicklung und das Wirtschaftswachstum zu überleben. Wie stellt Latouche sich das vor? Ein Stichwort genügt: Es geht um Décroissance im schon definierten Sinn. Ohne Décroissance ist dieses Überleben nicht denkbar.

Es gibt drittens eine zivilisationskritische Wurzel von Décroissance. Sie liegt bei Ivan Illich. 1926 geboren, zum katholischen Theologen ausgebildet, hat er als Fünfundzwanzigjähriger in den Slums von New York, später in Mexiko gearbeitet. Er geriet mit der Kirche in Streit und gab seinen Beruf als Geistlicher auf. Seine Beobachtungen in Nord- und Südamerika haben ihn zu einem scharfen Kritiker der westlichen Zivilisation werden lassen. Er hat in der Praxis beobachtet, wie so genannte Entwicklungshilfe funktioniert. Ich zitiere zwei Sätze von ihm: «Die Wahrnehmung echter Bedürfnisse verhärtet sich zur Nachfrage nach Erzeugnissen der Massenproduktion. Ich meine die Übersetzung von Durst in ein Verlangen nach Coca-Cola.» Ein zentraler Begriff bei Illich ist der Begriff des Werkzeugs.

Ein Werkzeug in einem sehr allgemeinen Sinn ist eine menschliche Einrichtung zur Erreichung eines bestimmten Ziels. Illich stellt fest, dass ein Werkzeug uns abhängig machen kann. Wenn wir im Gebrauch des Werkzeugs eine bestimmte Schwelle überschreiten, wird es kontraproduktiv. Autos, die eigentlich dazu gemacht sind, dass man schneller vorwärts kommt, können in großer Zahl einen Stau verursachen. Die hochtechnisierte Medizin kann uns gleichzeitig pflegen und krank machen. Ein intensiver Schulbetrieb führt zum Verschwinden der Lernmotivation, also im Extremfall zur Verdummung. Die Häufung von Kommunikationsmitteln kann dazu führen, dass die Menschen sich gegenseitig immer weniger wirklich wahrnehmen. Illich stellte diesem entfremdenden Werkzeuggebrauch den Begriff der Konvivialität gegenüber. Deshalb ist er für die Décroissance-Bewegung wichtig. Konvivialität heißt bei Illich der lebensgerechte Einsatz des technischen Fortschritts. Er berührt damit ein zentrales Thema, mit dem sich die Décroissance-Bewegung immer wieder auseinandersetzen muss, nämlich die Frage, wie sie zum technischen Fortschritt steht. In folgendem Zitat bringt Illich die Sache auf den Punkt: «Nicht Werkzeuge, die ihnen die Arbeit abnehmen, brauchen die Menschen, sondern neue Werkzeuge, mit denen sie arbeiten können. Nicht weitere gut programmierte Energiesklaven brauchen sie, sondern eine Technologie, die ihnen dabei hilft, das Beste zu machen aus der Kraft und Phantasie, die jeder besitzt.» Mit seiner Forderung nach Konvivialität spricht Illich ein Bedürfnis vieler Décroissance-Leute an, die im praktischen Tun, im persönlichen Einsatz den Sinn ihres Décroissance-Engagements sehen. Illich ist 2002 gestorben.

Ich bin damit fast am Ende meines zweiten Teils und muss nur noch einige Worte sagen zur Rolle des Berichts «Die Grenzen des Wachstums». Im Gegensatz zu den drei erwähnten und einigen anderen Autoren spielt dieser Bericht für Décroissance keine zentrale Rolle. Er zeigt anhand von Szenarien, was zu erwarten ist, wenn gewisse Voraussetzungen gegeben sind, zum Beispiel großes, mittleres oder kleines Bevölkerungswachstum. Er funktioniert also nach dem «Wenn-Dann-Schema». Wenn wir 75 Prozent rezyklieren, dann … Wenn wir die Welt so weiter entwickeln wie bisher, dann … Und so weiter.

Der Bericht hat einer breiten Öffentlichkeit die Augen geöffnet für die Begrenztheit der Erde. Insofern liefert er der Décroissance-Bewegung manche Argumentationshilfe. Aber er propagiert das Ziel einer Steady-State-Wirtschaft, nicht Décroissance. Und er bleibt sehr unverbindlich in Bezug auf mögliche praktische Maßnahmen. Eine seiner Kernbotschaften heißt: Wir müssen wissen, was wir wollen. Daraus ergibt sich die Wahl der richtigen Maßnahmen. Die Décroissance-Bewegung weiß bereits, was sie will.

 

 

3. Ein Blick auf die praktische Arbeit der Décroissance-Bewegung

Ich komme jetzt zum dritten Teil, also zur praktischen Arbeit der Décroissance-Bewegung. Manche von Ihnen, die entweder zur Décroissance-Bewegung gehören oder sich ihr nahe fühlen, werden in den Gedanken der drei Autoren Georgescu-Roegen, Latouche und Illich teilweise ihre eigene Motivation wiedererkannt haben. In der Tat sind nicht nur die Wurzeln der Décroissance-Bewegung sehr unterschiedlich, sondern auch ihre Motivationen. In der Berner Gruppe haben wir zum Beispiel Mitarbeitende, die ihre Motivation vor allem aus mathematisch-physikalischen oder ökonomischen Überlegungen schöpfen. Andere pflegen vor allem intensiv einen konvivialen Lebensstil. Wieder andere sind vor allem politisch motiviert. Die Liste der Möglichkeiten ist nicht vollständig. Décroissance kann eben sehr viele praktische Konsequenzen haben. Viele in der Bewegung Aktive genießen es, sich nicht auf ein ideologisches Programm verpflichten zu müssen, sondern genau den Beitrag leisten zu dürfen, der ihrem Temperament entspricht. Dennoch gibt es etwas, was sie alle verbindet. Es ist die Gewissheit, dass Décroissance nur dann Wirkung haben kann, wenn sie auf drei Ebenen aktiv ist, auf der individuellen, der kollektiven und der politischen Ebene. Auf der individuellen Ebene geht es um die persönliche Lebensgestaltung, um ein bescheiden, aber zufrieden geführtes Leben mit möglichst kleinem ökologischem Fußabdruck. Auf der kollektiven Ebene geht es um die Unterstützung, die man sich gegenseitig in der Verwirklichung von Décroissance-Zielen geben kann. Es ist die Ebene der gelebten Solidarität, der Lebens- und Wohngemeinschaften, der Tauschkreise, der Vertragslandwirtschaft, der lokalen Alternativwährungen und so weiter. Auf der politischen Ebene geht es um ein beharrliches öffentliches Wirken im Sinne der Décroissance. Es geht um Aufklärung, um ein geduldiges, unablässiges, respektloses Hinterfragen und Kritisieren der Hintergründe, auf denen sich unser gesellschaftliches und politisches Leben abspielt. Es geht darum, den Zwangscharakter des Wirtschaftswachstums aufzuzeigen. Alle aktiven Décroissance-Vertreterinnen und -Vertreter haben ihre persönlichen Vorlieben und engagieren sich irgendwo im Gesamten dieser drei Ebenen. Und alle wissen, dass nur ein Zusammenwirken der drei Ebenen ein gutes Ergebnis erwarten lässt.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Décroissance in vielen Ländern und unter verschiedenen Namen gelebt wird, nicht nur unter dem Namen Décroissance. Ich denke vor allem an die englische Transition-Town-Bewegung und an die deutsche Postwachstumsökonomie. Ich denke aber auch an die wachstumskritischen Leute bei Attac. Und ich denke an die wachsende Zahl von Personen, die Décroissance-Gedankengut in ihre Gruppen, Bewegungen und Parteien hinein tragen, ohne selbst der Décroissance-Bewegung anzugehören. Sie alle haben die gleichen Beweggründe für ihr Handeln. Sie alle halten sich meines Wissens an die drei anfangs genannten Kriterien. Sie arbeiten alle auf den genannten drei Ebenen. Und ein Leitbegriff ist ihnen allen gemeinsam, selbst wenn er nicht immer ausdrücklich genannt wird. Es ist der Begriff der Suffizienz, nicht zu verwechseln mit Effizienz. Suffizienz kann man ungefähr übersetzen mit «Genügsamkeit». Wenn wir uns die Frage stellen, wie viel für uns genug ist, sind wir auf dem Weg zu suffizientem Handeln. Suffizienz ist auch wieder auf allen drei Ebenen möglich, der individuellen, der kollektiven und der politischen.

 

4. Ist Décroissance kapitalismusverträglich?

Ich habe fast am Anfang meines Vortrags gesagt, ich werde später auf das Warum des Wachstumszwangs zu sprechen kommen, unter dem die so genannte freie Marktwirtschaft steht. Das möchte ich jetzt versuchen. Ich komme damit zu meinem vierten Teil, das heißt zur Frage, ob Décroissance kapitalismusverträglich ist. Erwarten Sie von mir keine politische oder ökonomische Theorie. Ich verstehe von Ökonomie und Politik nicht mehr als die meisten von Ihnen. Ich muss mich also auf meine eigenen Überlegungen verlassen. Ich stelle mir vor, jemand hat Geld und will es in ein Wirtschaftsunternehmen investieren. Das kann er nur tun, wenn er annehmen darf, dass er mehr Geld zurückbekommt, als er hineinsteckt. Woher der Mehrwert schließlich stammt, den er später als Investor von seiner Investition zurück erwarten kann, diese Frage muss ihn nicht kümmern. Aber wenn er keinen Gewinn erwartet, dann tut er es nur darum nicht, weil er sich das leisten kann. Dann ist aber seine Investition eigentlich gar keine Investition, sondern vielleicht eine Spende oder ein zinsloses Darlehen.

Dann ist er aber auch kein Investor, kein Unternehmer, sondern ein Mäzen oder ein Gönner. Wenn er wirtschaften will, muss er Wachstum wollen. Wenn er sich diesem Zwang zu entziehen versucht, wird er durch die Konkurrenz eliminiert.

Wachstum ist also nur der gebräuchliche Name für das, was man in der so genannten freien Marktwirtschaft zwangsweise tun muss, wenn man überleben will, nämlich einen Profit erwirtschaften. Und der Profit wird im Rahmen der Überlebensstrategie im Konkurrenzkampf zumindest teilweise wieder so eingesetzt, dass neue Profite möglich werden. Und so weiter. Man nennt das Kapitalakkumulation. Das Wesen der so genannten freien Marktwirtschaft oder eben des Kapitalismus liegt in der Kapitalakkumulation. Diese Akkumulationslogik oder Wachstumslogik kann im Kapitalismus nicht durchbrochen werden. Wer ihr nicht gehorcht, verschwindet vom Markt.

Wenn man diese Überlegungen weiterführt, muss man sagen, dass linke politische Kräfte, die es ernst meinen mit ihrem Vorhaben, den Kapitalismus zu überwinden, zum Beispiel die SP Schweiz, Wachstumskritik zu einem Teil ihrer Politik machen müssten. Das wäre konsequent. Linke Gruppierungen sind eigentlich nur dann echt linke Gruppierungen, wenn sie sich vom Wachstumsdenken verabschieden und Décroissance-Politik machen. Das ist keine fundamentalistische These. Das ist linke Politik, die sich ernst nimmt, folgerichtig zu Ende gedacht. Nur ist das in der politischen Realität sehr unbeliebt und entsprechend selten der Fall. Der ganze Ostblock-Sozialismus bis 1989/91 war zum Beispiel aufgrund dieses Kriteriums gerade keine linke Bewegung. Der real existierende Sozialismus auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs hat sich der Logik der Kapitalakkumulation und des Profits nie entzogen. Er hat sich dieser Logik unterworfen. Sein Ziel war es eben gerade, den Kapitalismus zu besiegen durch mehr Wachstum, höhere Produktivität, mehr Profit, der allerdings schließlich allen zugute kommen sollte. Der real existierende Sozialismus wollte nie etwas anderes sein als ein erfolgreicherer, besserer Kapitalismus, ein Staatskapitalismus mit Rekordwachstumsraten. Und an diesem Anspruch ist er gescheitert.

Es wäre also ein großes Missverständnis, die Décroissance-Bewegung als eine Bewegung von Ostblock-Nostalgikern zu sehen. Décroissance ist vielmehr eine Einladung, vor allem an die Linke, sich der Wachstumslogik zu entziehen. Wenn die Linke es schaffen würde, sich rechtzeitig vom Wachstumsdenken zu verabschieden, könnte sie im Übergang zu einer humaneren Gesellschaft eine entscheidende Rolle übernehmen.

Ich komme abschließend zurück auf meine These, Wachstumskritik sei Mainstream und Décroissance sei Widerstand. Darin liegt für uns Décroissance-Leute eine große Schwierigkeit. Die Versuchung ist nämlich groß, dem zeitweise eindrücklichen Interesse der Medien dadurch zu begegnen, dass wir versuchen, als Bewegung unsererseits so schnell wie möglich Mainstream zu werden. Schließlich haben wir ja gesellschaftliche und politische Ziele und möchten das Erreichen dieser Ziele nicht auf unbestimmte Zeit verschieben. In dieser Situation wünsche ich der Bewegung, dass sie politische Macht nicht mit geistigem Einfluss verwechselt. Politische Parteien können Mehrheiten anstreben, indem sie Allianzen eingehen und Kompromisse schließen. Sie stehen dabei in der Gefahr, dem politischen Erfolg einen Teil ihrer Überzeugung zu opfern. Der viel zu wenig bekannte österreichische Autor Daniel Hausknost hat über diese Problematik ein Buch geschrieben. Es geht um die Geschichte der grünen Bewegungen und Parteien. Die Ökologiebewegung des 20. Jahrhunderts hatte, wie später die Décroissance-Bewegung, mehrere sehr unterschiedliche Wurzeln. Sie war, wie später die Décroissance-Bewegung, in einer marginalen Minderheitenposition. Sie war sich, wie unsere Bewegung, der Dringlichkeit ihrer Anliegen wohl bewusst. Deshalb wollte sie möglichst rasch zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft werden. Das ist ihr erstaunlich gut gelungen. Aber Daniel Hausknost zeigt, dass dies nur möglich war, weil sie sich schließlich sehr rasch der Logik des globalisierten Markts unterworfen und einen Teil ihrer Grundsätze aus den Augen verloren hat, zum Beispiel die Wachstumskritik. Sie war anfangs entschieden wachstumskritisch und ist mittlerweile europaweit zu einem Öko-Servicebetrieb im Dienst des globalen Markts geworden. Hausknosts Buchtitel spielt auf einen Satz an, mit dem sich viele marginale Gruppen Mut machen: Der Weg ist das Ziel. Sein Buch heißt: «Weg ist das Ziel». Einer Graswurzelbewegung wie Décroissance darf das nicht passieren. Wir können den bestehenden politischen Parteien Ideen liefern. Wir können versuchen, ihnen Mut zur Wirtschaftsschrumpfung zu machen. Wir können sie kritisieren und anspornen, ohne selbst in der institutionalisierten Politik aktiv zu werden. Wir können also in Zusammenarbeit mit vielen anderen Bewegungen das anstreben, was in einem anderen Buchtitel schlagkräftig formuliert ist. Ich meine ein Buch des Politikwissenschaftlers John Holloway. Sein Buch heißt: «Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen». Das wäre das Ziel, das ich persönlich der Décroissance-Bewegung wünsche.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und freue mich auf Ihre Fragen und Ihre Entgegnungen.

 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Vortrag gehalten am 13. November 2012 im Café Décroissance im Polit-Forum Käfigturm, Bern

 

www.decroissance-bern.ch

 

 

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