Alana Thompson, die Schlagzeilenschleuder

gelesen beim Tages Anzeiger

Von Simone Meier

Honey Boo Boo ist der grösste Reality-TV-Star der USA: Die siebenjährige Alana Thompson stammt aus einer mausarmen Familie in den Südstaaten – und ist Amerikas neues Integrationsmaskottchen.

Aspirierende Schönheitskönigin: Alana Thompson alias Honey Boo Boo.

Aspirierende Schönheitskönigin: Alana Thompson alias Honey Boo Boo.
Bild: Keystone

Die Sache mit dem toten Tier katapultierte die Thompsons auf eine ganz andere Ebene im Bewusstsein der USA. Plötzlich waren sie praktische, gerissene, überlebensfähige Selbstversorger. Ein karitativer Polizist hatte die Thompsons angerufen: Er hatte mal wieder ein schönes Stück «Roadkill» gesehen, ein überfahrenes Tier, ein Reh wahrscheinlich. Vater Mike (40), Mutter June (32 und 159 Kilo schwer), die drei Töchter im Teeniealter und die damals sechsjährige Alana, die unter dem Künstlernamen Honey Boo Boo an Schönheitswettbewerben auftrat, machten sich dankbar auf, kratzten das Tier von der Strasse, tauften es auf den Namen Darlene und verarbeiteten es zu Steaks und Hackfleisch. Das kleine Holzhaus der Thompsons in McIntyre, Georgia, stellte sich trotzig dem kalten Atem der Wirtschaftskrise.

Reality-TV vor dem Sündenfall

Das war im Frühling in der Sendung «Toddlers & Tiaras», die kleine Mädchen zu «Pageants», also zu diesen perversen Schönheitswettbewerben am Rand der Kinderprostitution begleitete. Alana war eines davon, das lauteste, ordinärste, mit der lautesten, ordinärsten und ärmsten Familie. Der Vater ein Kalkminenarbeiter ohne Job, Tochter Anna (17) schwanger und kein Kindsvater in Sicht. White Trash. Rednecks dazu. Also reaktionäre, ungebildete, weisse Südstaatler, die in ihrer Freizeit gerne in Wasserbottichen nach abgesägten Schweinefüssen tauchen. Mit dem Mund. Und jetzt sah Amerika Alana, wie sie zu einem blutigen Knochen von Darlene sagte: «You look soooo good!», und wie sie hingebungsvoll die kleinsten Reste von Darlene in den Fleischwolf stopfte. «Ob Reh, ob Hirsch, wir freuen uns immer über Gratisfleisch», sagte die Mutter.

Dass sich ausgerechnet ein Mädchen mit Genuss in diese blutrünstige Archaik wirft und sich als Nachfahrin hartgesottener Siedler qualifiziert, das hatte Amerika zuletzt im Kino gesehen. In «Hunger Games», wo Jennifer Lawrence als bitterarmes Kind in einer TV-Show ums Überleben kämpfte und Eichhörnchen ass. In «Winter’s Bone», wo Jennifer Lawrence als Tochter mausarmer Hinterwäldler Eichhörnchen grillierte und sich mit ihrer Drogen fabrizierenden Verwandtschaft herumschlug.

Honey Boo Boo, dieses entsetzliche, aber auch auf seltsame Art süsse Kind verkörpert zugleich Amerikas Bodensatz und Bodenschatz. Jedenfalls aus der Sicht smarter Fernsehmacher. Da lässt sich etwas ausbeuten, was sich der Ausbeutung noch nicht bewusst ist. Unterschichtsfernsehen knapp vor dem Sündenfall gewissermassen. Was für ein Fund. Was für eine Faszination. Und was für ein Erfolg.

Honey Boo Boo überflügelt mit ihren Quoten jede andere Reality-Show in Amerika. Sie ist der krasse Gegenentwurf zu andern Mädchenpflanzen der Reality-Landschaft. Zu glitzrigen Luxusgeschöpfen wie Paris Hilton, wie den «Real Houswives of New York», wie den dauerbesoffenen Party-Volldeppen in «Jersey Shore» oder wie den Schwestern Kardashian, von denen die berühmteste, Kim, jetzt mit dem steinreichen Rapper Kanye West liiert ist. Zu Leuten also, für die der amerikanische Traum vom Glück im grossen Geld noch funktioniert.

Fast wie bei Michael Moore

Für Alana alias Honey Boo Boo funktioniert er nicht, ihre Reality entspricht der Realität ihrer Klasse, glitzrig sind nur die Pailletten ihrer albernen Wettbewerbskostüme. Und das, obwohl sie seit August ihre eigene TV-Show «Here Comes Honey Boo Boo» hat. Es ist dort ihr Leben zwischen Dreck und BeautyPageants zu verfolgen, die Wettbewerbe verliert sie so gut wie immer, und dafür, dass der Dreck auch Dreck bleibt, sorgt der TV-Sender TLC.

Die Abkürzung TLC steht für «The Learning Channel», gegründet wurde er einst vom Gesundheitsministerium, der Sozialhilfe und der Nasa. TLC bezahlt den Thompsons für jede der zehn Folgen 2000 Dollar, und im September verkündete Mutter June stolz, dass sie jetzt schon unfassbare 3000 Dollar für die Zukunft ihrer Kinder gespart habe. Vielleicht gönnt sich die Frau, die fast nichts mehr sieht, zuerst einmal einen Augenarzt. Und vielleicht muss sie bald nicht mehr jeden Gutschein sammeln, auch aus dem Altpapier fremder Leute, um riesige Mengen von Sonderangeboten zu erstehen. «Gutscheine sind besser als Sex», sagt June. Spätestens da wähnt man sich in einem Dokumentarfilm von Michael Moore. Die Drastik des amerikanischen Elends. Das (noch) nicht vorhandene Gesundheitswesen. Der böse Staat. Die harte Faust des Schicksals.

Cleverer Trick des Schicksals

Natürlich ist das Baby von Honey Boo Boos Schwester behindert. Es kommt mit sechs Fingern zur Welt. «Jedes Kind kommt mit einer Besonderheit zur Welt», sagt die 32-jährige Oma June und wackelt mit ihrem Dreifachkinn. «Es ist einfach ein weiteres Familienmitglied, das ich liebe!», sagt Honey Boo Boo. Die Abwesenheit von Bildung wird aufgewogen durch die Anwesenheit von Herzensbildung.

Und natürlich ist Honey Boo Boos Onkel schwul. Schwul in den Südstaaten! Was für ein cleverer Trick des Schicksals – oder doch ein cleverer Trick der Scriptwriter? Und natürlich ist ihre beste Freundin schwarz! Und sie selbst, was spricht sie da eigentlich für ein interessantes Idiom? Eins, das aus dem Fernsehen kommt, sagen die Linguisten, es sei der Slang von schwarzen Frauen, wie er in Talkshows präsent ist. Und schon war Honey Boo Boo das Wunderwesen, das eine Brücke schlägt zwischen weisser und schwarzer Unterschicht. Das Integrationsmaskottchen.

Erst sieben und schon politisch

Honey Boo Boo ist Teil des sich endlos selbst befruchtenden Medienzirkus. Eine Schlagzeilenschleuder. Anfang dieser Woche sagte Jennifer Lawrence, sie habe neulich einen Autounfall gebaut, weil sie auf den T-Shirts von ein paar Frauen «Boo» gelesen und gedacht habe, die warteten auf Honey Boo Boo. Es hiess dann allerdings «Boobs», und die Frauen protestierten gegen Brustkrebs. Honey Boo Boo hatte höhere Einschaltquoten als die Verkündigung von Mitt Romneys Präsidentschaftskandidatur. Worauf Mitt Romney in einer Talkshow sagte, er ziehe die schicken Kardashians dem Dreckspatz aus McIntyre vor. Worauf Honey Boo Boo in einer Talkshow sagte, sie würde Obama wählen.

Die «Washington Post» verglich Honey Boo Boo mit Shirley Temple, dem quirligen Kinderstar, der die Kinozuschauer in den 30er-Jahren an eine unbeschwerte Zukunft jenseits der Weltwirtschaftskrise glauben liess. Stimmiger ist jedoch der Vergleich mit dem kleinen, dicken, nervigen Mädchen aus dem Film «Little Miss Sunshine», das ums Verrecken Beauty-Queen werden wollte und dessen Eltern zwar kein totes Reh, aber einen toten Grossvater im Kofferraum mit sich führten. Wie Little Miss Sunshine verspricht Honey Boo Boo den Amerikanern keine bessere Zukunft. Dafür eine Gegenwart, in der das Wildbret manchmal auf der Strasse und das Geld im Altpapier liegt. Und der Glamour, den Shirley Temple einst wie eine Kinderfee über Amerika verstreute, der zählt am Ende eines Tages der Familie Thompson ganz einfach nichts. Da zählt nur noch der nächste Gutschein.

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