«Ich bin hier das Gesetz»

quelle: tagesanzeige.ch

Israelische Soldaten geben Auskunft darüber, was in den besetzten Gebieten geschieht. Und was sie selber erfahren und tun, weil der Staat sie dazu treibt. Nun liegen diese Berichte als Buch vor.

Ein israelischer Soldat und ein Palästinenser geraten aneinander: Westbank, 9. März 2012.

 

Zu verdanken ist dies der Organisation Breaking the Silence, die 2004 von Veteranen der israelischen Armee gegründet wurde. Die Initiative ging von Yehuda Shaul aus, der gerade seinen dreijährigen Militärdienst beendet hatte. Der heute 30-Jährige, Sohn orthodoxer Siedler-Eltern und selber religiös, war in Hebron stationiert gewesen. Was er dort erfuhr, erlebte und selber tat, hat ihn und seine Kameraden der ersten Stunde dazu gebracht, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären.

Soldaten als Interviewer

Die Methode: Interviews mit Augenzeugen, in schriftlicher Form, als Ton- oder Videodokument, verbreitet über das Internet und in Ausstellungen. Die Befrager – selber ehemalige Soldaten – haben bis heute an die 800 Zeugnisse gesammelt. Im vergangenen Frühjahr publizierte Breaking the Silence erstmals eine Auswahl davon als Buch, das nun auch auf Deutsch vorliegt.

Der Name «Breaking the Silence» sagt alles. Über die Situation in den besetzten Gebieten wird nicht gesprochen, oder wie ein Soldat es ausdrückt: «In einer Kompanie von Kampfsoldaten findet keine ernsthafte Diskussion statt. Die Macho-Atmosphäre, über alles wird nur gelacht, nichts wird ernst genommen, und letztendlich versuchen alle nur, gemeinsam durch diese Scheisse zu kommen.» Kommen sie dann nach Hause, wollen sie vergessen, das Leben geniessen und in die Normalität zurückkehren. Ihr Umfeld schweigt genauso.

Das ist auch im Interesse der Armee, die in den besetzten Gebieten die Oberhoheit hat. Sie will verhindern, dass ihre Praktiken bekannt werden; sie will den Mythos einer «humanen» Besatzungsmacht und der «Reinheit der Waffen» hochhalten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die «Herrschaft des Militärs ist eine Herrschaft mittels Aggressionen und Drohungen, die durch Strafmassnahmen untermauert werden», schreibt Breaking the Silence. Diese Taktik der Verschleierung will die Organisation unterlaufen.

Starke Nerven beim Lesen nötig

Die Zeugnisse stammen aus den Jahren 2000 bis 2010. In jene Zeit fiel die zweite Intifada, mit den zahlreichen verheerenden Terroranschlägen in Israel und den israelischen «Gegenmassnahmen» in der Westbank und im Gazastreifen, unter denen die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Die Berichte sind anonymisiert, um die Soldaten nicht zu denunzieren und vor Verfolgung durch die Militärbehörden zu schützen. Nur Jahr, Ort und Einheit werden genannt. Alle Aussagen werden mehrfach überprüft. Wer sie liest, braucht Nerven. Beschrieben wird kein konventioneller Krieg, sondern ein Krieg von Soldaten gegen eine Zivilbevölkerung, mit Waffen, Willkür, Einschüchterung, Bestrafung, Rechtsbruch, Schikane, Demütigungen, Verfolgung und roher Gewalt. Es trifft jeden, kleine Kinder, Frauen, Grossväter, Verdächtige und Täter.

Die Soldaten und Soldatinnen geben aber nicht nur Auskunft über das Erlebte und Erfahrene; auch über eigene Fehler und Missetaten sprechen sie offen. Zu spüren ist immer wieder ihr Erschrecken, ihre Fassungslosigkeit auch über sich selber, ihre Wut auf sich wie auf die Vorgesetzten, von denen sie oft noch aufgehetzt werden. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Soldatinnen und Soldaten blutjung sind und oft in einen Allmachtsrausch geraten («Ich bin hier das Gesetz»). Allmählich verlieren sie das Gefühl für Gut und Schlecht. «Die Gesellschaft lädt die Bürde auf 18-Jährige ab», formuliert es jemand.

Das Buch macht auch klar, in welchem Ausmass die Siedler schon Herren des Landes geworden sind. Soldaten und Offiziere befolgen oft willig deren Anordnungen und vertreiben etwa palästinensische Bauern von ihren Feldern, welche die Siedler für sich beanspruchen. Oder sie schauen Übergriffen der Siedler und ihrer Kinder gegen wehrlose Palästinenser tatenlos zu. Manche entsetzt oder innerlich fluchend, andere voller Zustimmung, weil sie selbst dem Siedlermilieu entstammen.

Durch eine teils völlig chaotische Struktur von Zuständigkeiten trägt die Armee dazu bei, dass die Soldaten tagtäglich in schizophrene Situationen geraten. Ein Befehl widerspricht dem anderen, und die Soldaten wissen nicht mehr, was gilt. Die Opfer sind in jedem Fall die Palästinenser. So wird deutlich, dass ein irgendwie «normal» geartetes Leben nicht mehr möglich ist. Auch das Recht wird willkürlich angewendet. Die Armee nimmt sich jederzeit heraus, Verfügungen der Justizbehören oder das Gesetz zu ignorieren, wenn ihre Beurteilung der «Sicherheit» eine andere ist. Dies ist nichts Neues, aber nun liest man detailliert, wie sich das im Alltag auswirkt.

Die Interviewer stellen nur Fragen zu konkreten Situationen, nie nach moralischen Bewertungen oder politischen Kommentaren. Auffallend ist, dass auch die Soldaten grundsätzliche Fragen scheuen. Keiner spricht über die Besetzung als solche, die ihn oder sie in diese Nöte bringt. Dabei zählen Soldaten, die sich gegenüber Breaking the Silence öffnen, sicher zu jenen, die ein kritisches politisches Bewusstsein entwickelt haben.

Manchmal sogar beschimpft

Man darf bezweifeln, dass die Arbeit von Breaking the Silence in Israel eine grundsätzliche Debatte auslöst. Im Vorwort des Buches macht sich Avi Primor, der frühere Botschafter in Deutschland, keine Illusionen: «Anstatt sich mit den Aussagen der jungen Menschen auseinanderzusetzen beziehungsweise ihre Schilderungen zu widerlegen – was im Übrigen noch niemand getan hat –, wird das Buch in Israel von vielen und auch von den Behörden verleumdet. Oft werden diese Zeitzeugen sogar als Vaterlandsverräter beschimpft. Und die Mehrheit der Israelis? Die schaut weg.» Oder mit den Worten eines Soldaten: «Die Leute ziehen es vor, nicht zu wissen und nicht zu verstehen, dass nicht weit von uns entfernt etwas Schreckliches geschieht.»

Es ist nicht so, dass nicht berichtet würde, aber kritische Medien und viel mehr noch Bürgerinitiativen oder NGOs werden von Regierung und Parlament drangsaliert mit dem Vorwurf, damit werde «Israel delegitimiert». Das Erschreckendste aber ist, dass dieser Staat seit nunmehr über 40 Jahren Generationen von jungen Menschen in solche Situationen zwingt und damit ihre völlige Verrohung in Kauf nimmt – und die Bevölkerung es duldet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s